Flusslandschaft 1996

Stadtviertel

Schon am suchenden Schritt erkennst du den Touristen, dem sein Guide vom Schwabinger Flair raunt: „In Schwabing sind die Nächte lang …“ Er schreitet von einer Bar zur anderen, öffnet Knei-
pentüren, schließt sie wieder, wenn er geht, und sucht weiter, bis er zuletzt vom bierigen Dunst gedämpft des Wirtes Worte vernimmt: „Sperrstunde!“ Im Viertel prallen Interessen aufeinander. 39 Wirte haben bei der Stadt beantragt, bis 3 Uhr ausschenken zu dürfen. Anwohner, die sowieso erst eineinhalb Stunden nach Mitternacht einschlafen, wünschen abendliches Geschrei, Gejohle, Autotüren-Knallen, Motoren-Aufjaulen und weitere Impressionen der Touristen-Invasionen zum Teufel. Die Ex-Simpl-Wirtin Toni Netzle gräbt da tiefer: „Es müßten sich einmal Hausbesitzer und Brauereien mit den Wirten und Politikern an einen Tisch setzen und über die horrenden Pachten reden … Der Wirt muß heute jeden Platz nach seiner Rentabilität berechnen. Wer heute für ein Bier eine Stunde braucht, ist ein schlechter Gast.“4 Dafür ist aber keine Zeit mehr. Da muß jetzt entschieden werden. Ude und Uhl sind sich so einig, damit im Nachhinein keiner dem anderen „Volkes Stimme“ um die Ohren hauen kann. „Saufburgen“, wie Uhl sie bezeichnet, also zum Bei-
spiel das Haus der 111 Biere in der Franzstraße 3, müssen um 1 Uhr zusperren, andere wie der Wienerwald in der Herzogstraße 25 dürfen bis 3 Uhr offen halten, wofür manch Linker richtig dankbar ist. 32 Wirte „dürfen länger“, 7 müssen weiter „dicht machen“. Wer weiß das nicht? Dem Wirt, dem die Kundschaft davon läuft, dem gehts schlecht. Dem Wirt, dem man ansieht, daß es ihm schlecht geht, laufen die Gäste davon.1

Das alte Messegelände hinter der Bavaria wird neu gestaltet und bebaut; die Stadt leidet unter einer finanziellen Notlage. Da ist es verständlich, wenn sie so viel Geld wie möglich aus dem Projekt herausschlagen kann. Im Sachverständigengremium „Projekt Theresienhöhe“ sitzen zwar einige Vertreter der Bezirksausschüsse, aber die Interessenvertreter der Investoren, z.B. der Bayerischen Vereinsbank, sind in der Mehrzahl. Da legt ein Bürgerbündnis Messenachnutzung ein eigenes Konzept vor.2

(zuletzt geändert am 10.2.2026)


1 Zit. in: Süddeutsche Zeitung 28 vom 3./4. Februar 1996, 43.

2 Siehe „Bürgerbündnis legt Konzept für Messenachfolgenutzung vor“ von Jürgen Stintzing.