Flusslandschaft 1997

Gewerkschaften/Arbeitswelt

Am 4. April beginnt der Euro-Marsch „Gegen Erwerbslosigkeit, ungeschützte Beschäftigung und Ausgrenzung“, der am 14. Juni in Amsterdam mit einer Demonstration von 50.000 Menschen endet. Am 16./17. Juni einigen sich die Staats- und Regierungschefs der 15 EU-Staaten über den Vertrag von Amsterdam. Unter anderem wird das Schengener Abkommen in den Rechtsrahmen der EU integriert.

1994 hat der bayrische DGB-Vorsitzende Fritz Schösser den weiß-blauen Ministerpräsidenten als „Lichtgestalt“ gepriesen. Stoiber bedankt sich: Das Haus der Bayerischen Geschichte zeigt im Ve-
stibül der Bayerischen Staatskanzlei vom 29. April bis 29. Juni die Ausstellung „Acht Stunden sind kein Tag – Geschichte der Gewerkschaften in Bayern“. Der DGB-Kreis München ergänzt sie in der Orangerie der Staatskanzlei mit einer Zusatzausstellung über die Geschichte der Münchner Ge-
werkschaftsbewegung, die der Verantwortliche dieser Web-Seite gestaltet. Zu diesem Zweck trans-
portiert er Anfang April Vitrinen und Stellwände in einem Laster von einem Lager bei Freising nach München. Er wurde gebeten, bei dieser Gelegenheit auch das Rednerpult des Ministerpräsi-
denten mitzunehmen. Zum Handwerkszeug eines Ausstellungsmachers gehören nicht nur Zoll-
stock, Wasserwaage, Pinsel, Farben, Hammer und Nägel, sondern auch Filzstifte, kleine und volu-
minöse, wasserlösliche und permanent haftende. Und so bietet sich nachgerade an, mit dem größ-
ten Filzstift (permanent) ein großes A im Kreis auf die Unterseite des Rednerpults zu malen, der Bubenstreich eines 49-Jährigen. Ob dieses A je entdeckt wurde? – Die Zusatzausstellung teilt sich in Themenkomplexe. Diese sind mit Hinweisschildern zu benennen. Kunstmaler Guido Zingerl meint: „Gerstenberg, woasst, die dad i Dir moin. Dann schaugst nach was aus.“ Und so bemüht Zingerl seine beste Handschrift und stellt damit auch zum ersten und letzten Mal in der Staats-
kanzlei aus. – Von Ende April bis Ende Juni eilen Angestellte der Staatskanzlei, wenn sie von einem Büro zum anderen wechseln, immer wieder durch die Ausstellung. Hier befindet sich auch eine Tonstation, die per Knopfdruck ausgelöst, historische Aufnahmen von Liedern der Arbeiterbe-
wegung abspielt. Und so wird immer wieder die „Internationale“ gedrückt, offenbar das Lieblings-
stück der Beschäftigten der Staatskanzlei. Das Aufsichtspersonal, das den Ort nicht verlassen darf, reagiert genervt.

Bei der Kundgebung am Ersten Mai1 werden drei Kurden verhaftet.2 Die Euromarsch-Initiative hat eine 150 Meter lange Papier-Rolle mit Füßen und der Aufschrift „Euromarsch“ vom Marienplatz, auf dem die Kundgebung stattfindet zum Marienhof und seinem DGB-Familienfest verlegt. Es ist nicht einfach, in den folgenden Wochen Aktivitäten zum Euromarsch in München zu organisie-
ren.2

Zwei Demonstrationszüge mit insgesamt etwa 15.000 Menschen führen am 7. Juni anlässlich des Aktionstages des DGB „Generationen gemeinsam — Für Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ vom Wittelsbacher Platz und vom St. Jakobs-Platz zum Marienplatz. Hier ist vor etwa 20.000 Men-schen Klaus Wiesehügel, der Vorsitzende der IG BAU, der Hauptredner.

„Der steigende Kostendruck zwingt zur Entsorgung von Komfort-Altlasten. Für die Durchsetzung unpopulärer Maßnahmen empfiehlt sich ein ‚Mann fürs Gröbste’, der die Verantwortung trägt und auch in Kauf nimmt, von Betroffenen als ‚Charakterschwein’ bezeichnet zu werden: Erfahrener Lean-Manager, 46, mit robuster Einstellung zu einschlägigen Aufgaben, zäh und belastbar, sucht die neue Herausforderung als GF oder Vorstand. AS 1816016 an SZ“4

Zuletzt geändert am 7. März 2023


1 Siehe „erster mai“ von Cornelia Blomeyer.

2 Siehe „1. Mai in München: DGB billigt Polizeiprovokation gegen Kurden“ von Nick Brauns.

3 Siehe „8. Mai …“ von Christiaan Boissevain.

4 Süddeutsche Zeitung vom 8./9. November 1997, VI/48.