Materialien 1986

Was Strauß in den braunen Tagen gelernt hat, prägt noch heute oft sein politisches Handeln

In der Höhle des Löwen, in München, hat sich die DKP der Attacke von Franz Josef Strauß entge-
gengestellt, der der UZ einen Maulkorb umhängen will. Die Zeitung der DKP soll nicht mehr län-
ger die Wahrheit sagen dürfen über das Wirken von Strauß in der Nazizeit. In einem Tribunal, in dem die Behauptungen von Strauß, er sei nicht nur kein Nazi, sondern gar ein antifaschistischer Widerstandskämpfer gewesen, den historischen Dokumenten über die Strauß-Biografie in der Hitlerzeit gegenübergestellt wurden, kam die Münchner DKP vor vollem Haus zu dem Schluß: Strauß sagt die Unwahrheit.

Er war nie Widerstandskämpfer, sondern übte NS-Funktionen aus. Was er in den braunen Tagen gelernt hat, das prägt noch heute oft seine politischen Aktivitäten. Am Wahltag, dem 12. Oktober, sollten die Bayern mit einer Stimme für die Grünen, auf deren Listen auch Mitglieder der Friedens-
liste kandidieren, Strauß und seinen Bazis die Quittung geben. Diese Schlußfolgerung vom DKP-Kreisvorsitzenden Fred Schmidt, „nach Einsicht in die Aktenlage“, fand die begeisterte Zustim-
mung der Veranstaltungsteilnehmer.

Die Aktenlage dargestellt hatten Helga WoIf und Wolf Brannasky, die Zeitdokumente und histori-
sche Analysen vorstellten, und Manfred Rothstein, der Original-Straußzitate im Orginal-Strauß-
tonfall von sich gab. Strauß-Rothstein erklärt zum Beispiel: „An der Universität in München herr-
schte ein immer stärkerer Terror der Nationalsozialisten. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich Mitglied des nationalsozialistischen Studentenbundes war.“ Die Dokumentaristen auf der Bühne können ihm auf die Sprünge helfen: Was Strauß heute nicht mehr sagen kann, sagt die Ernen-
nungsurkunde des Strauß zum NS-Studienrat. Dort ist festgehalten: „Seit 1.11.1937 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes.“ Eines Bundes, der keineswegs eine Massen-
organisation war, sondern wie Rudolf Heß, der „Stellvertreter des Führers“, gesagt hat – „eine Art intellektuelle SS“, die „politische Elite“ der Nazipartei.

Ein Höhepunkt des Tribunals war die Beweisführung, daß die frühere Tätigkeit von Strauß als „weltanschaulicher Referent bzw. Offizier“ für verschiedene NS-Organisationen offenbar sein Den-
ken bis heute mitgeprägt hat. Was häIt Strauß von der Faschistenjunta Pinochets in Chile? Origi-
nalton Strauß: „Ich habe keinen Zweifel, daß Chile ein demokratisches und freies Land ist und vor allem, weil es in den vergangenen Jahren fundamentale Prinzipien der deutschen Demokratie übernommen hat: die Disziplin, den Respekt und die Hilfsbereitschaft.“

Und vom Apartheidregime in Südafrika: „Südafrika ist kein Polizeistaat. Es ist auch unsinnig, von Ausbeutung und Unterdrückung, ja von rassischer Verfolgung der Schwarzen zu sprechen. Die Schwarzen haben eine für ihre Verhältnisse anständige Bezahlung.“

Fazit des Tribunals: „Es scheint, daß der Einser-Abiturient Strauß die Lehren der Nazizeit in allen Stürmen seines Lebens bewahrt hat. Er ist Lateiner und würde sagen: Non scholae sed vitae dis-
cimus – Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das ganze Leben.“

Peter Forster von der Friedensliste und Landtagskandidat auf der Liste der Grünen rief die Teil-
nehmer dazu auf, Strauß am 12. Oktober eine Lehre besonderer Art zu erteilen. Anfangs sei er etwas skeptisch gewesen, ob er mit seiner Kandidatur etwas ausrichten könne. Aber jetzt spürt der Betriebsrat bei Siemens die Unterstützung von vielen Kollegen. Eine Kollegeninitiative „Ein Be-
triebsrat in den Landtag – wir wählen Peter Forster“ weist schon über 150 Unterschriften auf.

Ein Höhepunkt des Abends höchst eigener Art war der Politclown Einhart Klucke. Er ist kein Kabarettist, obwohl auch der von bissigen Pointen strotzende Monolog seine Sache ist. Aber erstens und vor allem ist Klucke Clown. Das heißt sein Körper, vor allem sein Gesicht, Utensilien, der ganze Bühnen- und schließlich der ganze Veranstaltungsraum gehören zu seinen Werkzeugen. Wenn in den Dokumenten des Tribunals davon die Rede ist, daß Strauß die Polizei und die Justiz für sich marschieren lassen will, dann gibt Klucke eine einprägsame Illustration zu den neuesten Varianten des Demokratieabbaus. Nackt, nur mit durchsichtiger Strumpfhose, die beweist, daß er kein Schlag- und kein Stoßwerkzeug mit sich trägt, kommt er auf die Bühne. Übertriebener Kla-
mauk? Im Gegenteil, Klucke führt vor, daß jeder, der in Zukunft nicht genauso nackt zu einer De-
monstration geht, von den neuen Antidemonstrationsgesetzen ereilt werden kann. Schließlich kann ein Schuh, wie er am lebenden Beispiel eines Zuschauers vormacht, sowohl als Schlag- und Tretinstrument wie auch, an die Nase eines Polizisten geführt, als chemische Keule wirken. Auch wenn er manchmal abhebt vom Verständnis der Versammelten, ist Klucke ein Glücksfall für die Linken.

Auf dem Weg in den italienischen Urlaub hatte ein rheinisches Ehepaar Station gemacht in Mün-
chen, weil sie das Plakat für das Strauß-Tribunal gesehen hatten. Ihr Eindruck: „Daß das hier in Bayern so lebhaft zugeht bei den Kommunisten, das hätten wir nicht gedacht.“

Conrad Schuhler


Unsere Zeit vom 18. September 1986, 3.

Überraschung

Jahr: 1986
Bereich: CSU