Flusslandschaft 2004

Kunst/Kultur

»Die Kunst zeigt der Welt, was die Welt kann, wenn sie nur wollte, was sie tatsächlich könnte, wenn sie nur wüßte.« Reinhard Jellen

AKTIONEN

Protestformen wandeln sich, verlassen die üblichen Orte, verzichten auf gewohnte Gesten. Kunst erlaubt, nein fordert das Neue, das zuvor nicht Gesehene. Insofern ist Kunst immer auch Protest gegen ihre Vorgänger. Am letzten Juli-Wochenende geschieht Seltsames in Haidhausen.1

COMICS

„BÜCK DICH! Zeitschrift Steinstraße 11. Das Münchner Magazin Steinstraße 11, das sechs Mal im Jahr erscheint, hat ein Problem. In seiner aktuellen Ausgabe widmet es sich unter anderem den sogenannten »Tijuana Bibles«. Diese kleinen schmuddeligen Comic-Strips waren von den Dreißi-
gern bis in die Fünfziger äußerst beliebt. Sie erschienen als achtseitige, zigarettenschachtelgroße Comic-Büchlein und brachen sexuelle Tabus genauso wie das Copyright. Sie parodierten Hitler, Al Capone und die Marx Brothers, aber auch Popeye oder Mickey Mouse und waren stilprägend für den amerikanischen Comic-Underground, der sich dann in den Sechzigern etablierte. Der Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein erklärte sich zum Fan der »Tijuana Bibles«, ebenso wie der Schöpfer des Comics »Maus«, Art Spiegelman. Letzterer kommentiert dann auch die Schmuddel-Cartoons, die in der »Steinstraße 11« abgebildet sind, und erklärt sie zu einem Kulturgut von historischem Wert. Die Anwaltskanzlei des Grossisten, der die Steinstraße 11 vertreibt, kann jedoch nicht sehen, was kunstvoll an den »Tijuana Bibles« sein soll, und erklärte sie kurzerhand zu Schweinkram, den man nur unter der Ladentheke anbieten dürfe. Die aktuelle Ausgabe der Steinstraße 11 liegt deswegen in den normalen Kiosken und Buchhandlungen nicht aus und kann von interessierten Kunden höch-
stens als »Bückware« erfragt werden. Dass der ganze Fall höchst lächerlich ist, dürfte klar sein. Einmal mehr beweist er, wie schwer man sich hierzulande immer noch mit Comics tut, die man einfach nicht von ihrem Image des Minderwertigen befreien möchte. »Tijuana Bibles« sind durch-
aus pornografisch, dabei jedoch so putzig, dass selbst jedes Kleinkind explizitere Darstellungen von Sex gewohnt sein dürfte. Für die Steinstraße 11 könnte sich der Fall nach all der Aufregung jedoch noch auszahlen. Immerhin verkauft sich »Bückware« im Allgemeinen dann doch äußerst gut, und außerdem konnte der Bekanntheitsgrad des Magazins durch den »Skandal« jetzt schon erheblich gesteigert werden.“

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INSTALLATIONEN

Wenn du die Werkschau von Aernout Mik im Haus der Kunst (2. Juli bis 12. September) besuchst, bist du mehr als irritiert. Du siehst zwischen Installationen und Videos von außen das, was du täg-
lich als ein Teil des Innen erlebst. Du erinnerst dich an Begegnungen, die dich mitzogen in Ge-
meinsames und die dich aus dem Gemeinsamen ausspuckten. Was passiert da? Du erblickst Ratlo-
sigkeit von vielen, die auf Rat und daraus folgend Tat warten. Ohne Erlösung. Oder die in ihrer Disparatheit zerstören, was ihnen in die Quere kommt, ein unkoordinierter, aber auch unerklärt unkontrollierbarer Widerstand gegen die Macht ordnender Hände im Falschen. Du denkst, du weißt, was da getan werden müsste, und du ahnst, dass du es nicht weißt.3

Siehe auch „Zensur“.

(zuletzt geändert am 4.5.2026)


1 Siehe „Wurmloch-Besprechung“ von Ulrich Stefan Knoll.

2 Jungle World 45 vom 27. Oktober 2004, 23.

3 Siehe https://jungle.world/artikel/2004/32/wer-hat-die-macht.

Überraschung

Jahr: 2004
Bereich: Kunst/Kultur

Materialien