Materialien 1993

Amigo – parfümierter Schickimicki-Spezl

Kaum haben wir die Unwörter des Jahres 1992 (vom „Hinlangen“ bis zum „Beileidstourismus“) hinuntergeschluckt und mühsam verdaut, da liegt uns bereits der einheimische Wörter-Maus-
dreck des frisch angebissenen Jahres 1993 wie ein Klumpen Sondermüll im Magen:

Aus dem immer schon leicht wurmstichigen, aber in seiner bodenständigen Hinterfotzigkeit doch relativ ehrlichen bayrischen Schlawinerwort „Spezl“ ist im Reifungsprozeß der 30jährigen CSU-Sprachgärung nun der modisch aufgebrezelte, scheinheilig ehrbare Schickimicki-Emporkömmling „Amigo“ geworden – der parfümierte Kaviar-Spezi vom Heiligen Orden der Spesenritter (mit Großfamilie im Schlepptau) im Zeitalter des Erlebnistourismus.

Wegen das schnittige Wort „Amigo“ ist das Trampelwort „Spezl“ ja vergleichsweise ein gscherter Hammel. Steckt im Spezl doch ein erdhaft biederes Heimat-Ambiente – so eine Aura von barfüßi-
gem Nachbarsfreunderl und zünftigem Wirtshaussaufbruder, von gstandenem Mannsbild und treuherzigem Meineid-Bazi. Dagegen vermittelt der weltläufige Amigo einen Ruch von Kavaliers-Steuerhinterziehung für gehobene Kreise und ein forsches Pivilegienbewußtsein. Die Endsilbe -o signalisiert zudem südlich-fremdländische Wendigkeit und internationales Flair, kann allerdings leicht in die Nachbarschaft anderer o-Wörter, wie etwa des italienischen „stronzo“ geraten. Nicht zu vergleichen jedenfalls mit dem graziösen „mon ami“ der Franzosen mit der Betonung auf dem i.

Die Amis aus Amerika (mit der Betonung auf dem A) mußten sich gelegentlich ein barsches „Ami-go-home“ sagen lassen. Da wäre ein „Adios Amigos“ eigentlich ungerecht höflich. Wir plädieren für „Schleich di, Amigo!“.

Alles gemeine Verleumdung, sagen die hiesigen Staatskanzlei-Amigos, die sich von den Diridari-Amigos das Leben verschönern ließen: Die Regierungs-Spezln wurden von den Moneten-Amigos absolut selbstlos bewirtet und beturtelt. Nicht die kleinste Gegenleistung haben die Wohltäter gekriegt.

Da sind wir aber richtig froh und bieten den zu Unrecht gescholtenen Spezl-Amigos ein paar neue Wörter für alte Tatbestände an: Vielleicht eine Caritas-Liberalitas Bavariae (vom Lateiner Strauß auf seiner Spezl-Wolke ins Maximilianeum hinuntergebellt – zornig, weil die Blödiane sich haben erwischen lassen).

Übrigens sahen wir das Amigo-Stück bereits 1986 im Fernsehen: Es hieß „Kir Royal“ (von jenem Helmut Dietl, dessen FiIm „Schtonk“ für den Oscar nominiert, aber vom Bayerischen Filmpreis „übersehen“ wurde) – und das war, lange bevor es das verlogene „Reality-TV“ gab, wirklich echtes, lupenreines Reality-TV.

Ponkie


Abendzeitung vom 3./4. April 1993, 11.

Überraschung

Jahr: 1993
Bereich: CSU