Flusslandschaft 2008

Finanzkrise

„Seien wir nun konservative Metaphysiker oder atheistische Aufklärer: Wir lassen uns alle von der neoliberalen Marktwirtschaft für dumm verkaufen. Sie ist die Religion unserer Zeit. Ihre Seelen-
händler haben jeden Kopf besetzt und ihre Gotteskrieger kommen maschinell verpackt und einge-
schweißt daher.“1

Seit Jahren dominiert die Ideologie des Neoliberalismus, der Deregulierung und des freien Mark-
tes die kulturelle Hegemonie. Jetzt geschehen Dinge, die für kritische Zeitgenossen nicht neu sind, die aber die Allgemeinheit in Erstaunen versetzen.2 — Der Chef des Münchner Ifo-Instituts gehört zu den eifrigsten Propagandisten des Neoliberalismus und der Deregulierung. Proteste gegen seine „Weisheiten“ bewirken aber gegen die ständige Präsenz des Mannes in den Medien nur wenig.3

Der Oktober beginnt mit einer Bundesbürgschaft von 26,6 Milliarden Euro für die Münchner Pleitebank Hypo Real Estate. Innerhalb von Stunden bürgt die Bundesregierung mit ihren Steuer-
zahlern für eine Bank, deren Tochterunternehmen im Jahr 2002 ins Ausland abwanderte um Steuern in Deutschland zu sparen. Allein mit dieser Summe könnten Sozialhilfeausgaben einein-
halb Jahre lang gezahlt werden. Alternativ könnte der Bildungsetat verdoppelt oder 1,5 Millionen Krippenplätze für Kleinkinder geschaffen werden. Noch in der ersten Hälfte des Oktober erhöht die Bundesregierung diese Bürgschaft um das Neunzehnfache, auf die bildhaft unvorstellbare Summe von 500 Milliarden Euro. Das wären 28,5 Millionen Krippenplätze oder 28 Jahre lang
die Sozialhilfeausgaben oder der Bildungsetat wird achtzehn mal so hoch wie heute.

Josef „Joe“ Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank, musste im Mannes-
mann
-Prozess über millionenschwere Bonuszahlungen und Aufsichtsratsvergütungen Rede und Antwort stehen. Für ihn und seine Kollegen handelte es sich bei den in Rede stehenden Summen um „Peanuts“. Ackermann forderte, nachdem die Finanzmärkte im Frühjahr 2008 abermals abrutschten, „eine konzertierte Aktion von Regierungen, Notenbanken und Marktteilnehmern“, um ein Übergreifen der Finanzkrise auf die reale Wirtschaft zu verhindern. Jetzt ruft er, der sonst den Staat aus allem draußen haben will, nach Interventionen des Staates. Im Oktober 2008 kündigt er der Bild-Zeitung an, auf die gewinnabhängigen Bonuszahlungen zu verzichten und bezeichnete dies unter anderem als „persönliches Zeichen der Solidarität“. Die Bild-Zeitung jubelt. Insider wissen dagegen, dass die Deutsche Bank in diesem Jahr keine Gewinne verbucht und es somit auch nicht zu Bonuszahlungen kommen wird.4

„Wird Zeit, dass die Börsenkiekerei auf den Index kommt! Die Speckulanten sollten ihr Fett ins Casino tragen! Da können sie allenfalls sich selbst zugrunde richten.“5


1 Manfred Ach, Geisterfahrt. Routenplaner vom Mönch, München/Wien 2008, 4354.

2 Siehe „Auf Kosten des Steuerzahlers …“ von Peter Eberlen.

3 Siehe „Das Misstrauen wächst“ von Werner René Schwab.

4 Siehe „joe“ von Volker Derlath.

5 Manfred Ach, Zefix! Hallelujahs vom Mönch, München und Wien 2008, 4530.