Flusslandschaft 2010

Lebensart

Ende Januar feiern etwa vierhundert Menschen eine „U-Bahn-Party“. Es kommt zu einem Groß-
einsatz der Polizei und zu Festnahmen.1

Mediale Selbstinszenierung via Facebook und Lokalisten2 wird für die soziale Stellung der Nerds in der Clique existenziell. Dabei unterwerfen sie sich standardisierten Verhaltensmustern und entledigen sich unter dem ideologisch aufgeladenen Motto der individuellen Selbstverwirklichung aller selbstbestimmten und autonomen Individualität. Eine Minderheit lehnt diesen global sich durchsetzenden, netzkonformen Habitus ab und entwickelt eine innere und äußere Haltung,
die einen alternativen Lebensentwurf demonstrativ propagiert. Diese Minderheit trifft sich in München regelmäßig unter anderem im Kafe Marat im Tröpferlbad in der Thalkirchnerstraße.


Zigaretten in der Kneipe? Die Meinungen prallen aufeinander, Beziehungen gehen zu Bruch, Fa-
milien werden auseinandergerissen, Parteien stehen kurz vor der Spaltung. Ökos marschieren gegen den Qualm Hand in Hand mit Müttern und konservativen Schwarzen. Liberale verbünden sich mit Anarchisten und Gastwirten gegen den bairischen „Verbotsstaat“. Das Volk soll entschei-
den.

3
Schießbude auf der Wiesn

Gegen das Oktoberfest gab es schon immer Einwände. Nun ist es zweihundert Jahre alt geworden und ein Zeitgenosse zieht ein Resümee.4


1 Vgl. www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/partyvolk-kapert-u-bahn-603791.html.

2 „Lokalisten“ nannten sich ursprünglich Sozialdemokraten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, die gegen den sich beinahe naturwüchsig herausbildenden, parteiformenden autoritären Zentralismus, der die Binnenarchitektur des Staates nachbildete, einen dezentralen und föderalen Zusammenschluss auf freiwilliger Basis anstrebten. Die „Lokalisten“ bildeten eine Vorform der Syndikalisten, Anarchosyndikalisten und Anarchisten.

3 Foto © Volker Derlath

4 Siehe „300 Jahre Oktoberfest“.