Flusslandschaft 2010

Lebensart

Ende Januar feiern etwa vierhundert Menschen eine „U-Bahn-Party“. Es kommt zu einem Groß-
einsatz der Polizei und zu Festnahmen.1

Lisa Fitz: „Laut sagen, was schief liegt im Land! Nicht ungefährlich für einen Künstler. Als Rein-
hard Mey sang: ,Da nahm der Minister den Bischof am Arm: „Du hältst sie dumm, ich mach’ sie arm“‘ bekam er Probleme mit den Medien. ‚Tittytainment‘ heißt die Vorgabe; aus ,titty‘ (englisch für Busen) und ,entertainment‘ (Unterhaltung). Zbigniew Brzezinski, früherer Sicherheitsberater von Jimmy Carter, soll den Begriff beim Meeting des ,Global Brain-trust‘ mit 500 führenden Poli-
tikern und Wirtschaftsführern 1995 geprägt haben. Titty- steht für das Durchfüttern und -tainment für das Unterhalten der Bevölkerung, um diese ruhigzustellen. So, wie dem schreienden Säugling die Brust gegeben wird, sollen die Menschen mit trivialer Unterhaltung (Fernsehen, Internet usw.) davon abgehalten werden, die gesellschaftlichen Zustände in Frage zu stellen. Der fröhliche Depp, also Sie und ich, muss bei Laune gehalten werden, er darf nicht zu denken anfangen, er muss mit Titten und Konsum sediert werden. Und er muss Killer-Spiele am PC spielen, damit er kriegs-kon-form bleibt. Die Masse frisst, schaut fern und bleibt in ihren kleinen Alltagssorgen gefangen. Ban-ken und Konzerne machen die Politik hinter der Politik. Was vorne an Politikern rumtanzt und eitle Pirouetten dreht, sind nützliche Idioten, Handlanger der Konzerne oder geschmierte Mario-netten.“2

Mediale Selbstinszenierung via Facebook und Lokalisten3 wird für die soziale Stellung der Nerds in der Clique existenziell. Dabei unterwerfen sie sich standardisierten Verhaltensmustern und entledigen sich unter dem ideologisch aufgeladenen Motto der individuellen Selbstverwirklichung aller selbstbestimmten und autonomen Individualität. Eine Minderheit lehnt diesen global sich durchsetzenden, netzkonformen Habitus ab und entwickelt eine innere und äußere Haltung,
die einen alternativen Lebensentwurf demonstrativ propagiert. Diese Minderheit trifft sich in München regelmäßig unter anderem im Kafe Marat im Tröpferlbad in der Thalkirchnerstraße.


Zigaretten in der Kneipe? Die Meinungen prallen aufeinander, Beziehungen gehen zu Bruch, Fa-
milien werden auseinandergerissen, Parteien stehen kurz vor der Spaltung. Ökos marschieren gegen den Qualm Hand in Hand mit Müttern und konservativen Schwarzen. Liberale verbünden sich mit Anarchisten und Gastwirten gegen den bairischen „Verbotsstaat“. Das Volk soll entschei-
den.

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Schießbude auf der Wiesn

Gegen das Oktoberfest gab es schon immer Einwände. Nun ist es zweihundert Jahre alt geworden und ein Zeitgenosse zieht ein Resümee.5

(zuletzt geändert am 13.11.2019)


1 Vgl. www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/partyvolk-kapert-u-bahn-603791.html.

2 Abendzeitung vom 20. Februar 2010.

3 „Lokalisten“ nannten sich ursprünglich Sozialdemokraten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, die gegen den sich beinahe naturwüchsig herausbildenden, parteiformenden autoritären Zentralismus, der die Binnenarchitektur des Staates nachbildete, einen dezentralen und föderalen Zusammenschluss auf freiwilliger Basis anstrebten. Die „Lokalisten“ bildeten eine Vorform der Syndikalisten, Anarchosyndikalisten und Anarchisten.

4 Foto © Volker Derlath

5 Siehe „300 Jahre Oktoberfest“.