Flusslandschaft 1955

Frieden

Am 2. Januar erfolgt die Gründung der Bundeswehr. – „8. Januar: Einem Aufruf der Internatio-
nale der Kriegsdienstgegner
(IdK) folgen bei Schneetreiben fünfhundert zumeist jüngere Leute und demonstrieren in der Innenstadt von München gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge und die damit möglich werdende Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. An der Spitze des Schweigemarsches gehen Kriegsbeschädigte, die Grabkreuze und Schilder hochhalten, auf denen Unteroffiziersköpfe abgebildet sind, die soldatische Parolen brüllen. Auf den Transparenten sind Losungen zu lesen wie ‚Es mahnen uns die Toten — Kommiss gehört verboten’, ‚Der Feigling rückt zum Barras ein — der Mutige sagt deutlich nein!’ oder ‚Als Rekruten Blank und Strauß — und der Schwindel wäre aus!’“1 — Am 5. Mai werden die Pariser Verträge, in denen der Beitritt der BRD zur NATO und zur WEU sowie die Souveränitätserklärung der BRD enthalten ist, abgeschlossen. Am 6. Mai findet bei Nacht eine Antikriegskundgebung statt.2

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Am 6. Juni wird in Bonn die „Dienststelle Blank“ in „Bundesministerium für Verteidigung“ umbenannt.

„20. – 22. Juni: Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Loccum (Niedersachsen), zu
der Bundespräsident Theodor Heuss, zahlreiche Wissenschaftler und 100 Journalisten eingeladen worden sind, kommt es während eines Referats des Münchner Publizisten Erich Kuby4 zum Eklat. Der für den ursprünglich vorgesehenen Bremer Senatspräsidenten Wilhelm Kaisen (SPD) einge-
sprungene Referent greift unter dem Thema ‚Demokratie im Alltag’ die Bundesregierung und ins-
besondere die von ihr eingeleitete Wiederbewaffnung scharf an. ‚Es habe in Deutschland eine reelle Chance gegeben’, fasst ein Journalist die Ausführungen zusammen, ‚eine Demokratie aufzubauen. Wir hätten uns aber dafür entschieden, den Bürger zu entmündigen. Wir hätten die Macht gewählt und seien dafür bereit, weite Bezirke der Freiheit aufzugeben. Adenauer als Mann, dessen geistige Grundlage aus der Zeit vor 1914 stamme, verkörpere genau die Form einer Pseudodemokratie. Kuby behauptete, dass unsere heutige Politik zum Kriege führen müsse. Er bezeichnet Militär
und Waffen in der Hand von Deutschen als Gefahr. Krieg im Atomzeitalter ist für Kuby nur noch Selbstvernichtung, aber kein Mittel irgendeiner denkbaren Politik. Man kann nach Kuby nicht den Frieden wollen und den Krieg vorbereiten. Daher solle man kein Heer aufstellen.’ Es müsse klar ausgesprochen werden, dass der Soldatenberuf ‚ein unehrenhafter Beruf’ sei. Bundeskanzler Adenauer sei ein ‚Demokrat von 1914’, der sich mit dem deutschen Wirtschaftswunder abschirme, um ungestört seine Machtpolitik ausüben zu können. Nach diesen Bemerkungen bricht unter den Teilnehmern ein Sturm der Entrüstung los. Mitglieder des Bundespresseamtes verlassen empört den Saal und machen bei ihrer vorgesetzten Dienststelle in Bonn telephonisch Meldung. Landes-
bischof Hanns Lilje, der Tagungsleiter, wird, wie ein Beobachter meint, von einem ‚heidnischen Zorn’ gepackt. Die gesamte Tagung spaltet sich in Befürworter und Gegner des Referenten – eine Polarisierung, die auch die Diskussionen der beiden folgenden Tage bestimmt. Die provokanten Thesen Kubys erhalten zur allgemeinen Überraschung indirekt Unterstützung durch die Ausfüh-
rungen des Atomphysikers und Nobelpreisträgers Professor Max Born. In seinem Referat über ‚Entwicklung und Wesen des Atomzeitalters’ gibt er zu bedenken, dass die Menschheit heute be-
reits soweit sei, um sich selbst auslöschen zu können. Wenn die 2.000 Menschen, die heute über die Atomgewalt verfügten, es wirklich wollten, dann würde bereits morgen alles Leben auf der Erde beendet sein. Man solle deshalb alle, die am Krieg verdienten, Industrielle, Soldaten und Physiker, anderweitig beschäftigen. Im atomaren Zeitalter gäbe es nur die Wahl zwischen Koexistenz und Nichtexistenz, also Untergang. Zu einer neuen Konfrontation kommt es nach einem weiteren Referat. Als der Publizist Winfried Martini lautstark die nachträgliche Aufnahme eines Notstands-
rechtes in die Verfassung fordert, erklärt die Regierungspräsidentin Bähnisch aus Hannover: ‚Eine solche Politik wird zum Verhängnis führen. Schon die Armee wird ein Staat im Staate sein, wenn dazu ein Notstandsartikel kommt, der eine Kritik der Gewerkschaften und der Opposition mundtot macht, meine Herren, was wollen sie an diese Stelle setzen. Dann bekommen sie wirklich den Untergang. Wir haben es schon einmal erlebt.’ Bischof Lilje meint abschließend, die Evangelische Kirche müsse das Gebet verstärken. Als erster verlässt Bundespräsident Heuss den Saal. — Den Auftritt des Münchner Journalisten würdigt trotz der von ihm ausgelösten Turbulenzen ein Journalist der Tageszeitung ‚Die Welt’: ‚Es ist Kubys Verdienst, schonungslos die Gewissensnot aufgezeigt zu haben, in die jeder Deutsche durch das kommende Militär und durch die damit verbundene Politik geraten muss. Kubys Freimut machte deutlich, wie gern viele Deutsche bereit sind, in die Macht auszuweichen, wenn die Freiheit unbequem wird. Das reale Dilemma aber besteht darin, dass die Militärpolitik der Großmächte in ihren praktischen Konsequenzen der neuen Weitsicht der Atomforscher noch nicht folgt, und dass wir Westdeutschen keine Politik auf eigene Faust treiben können. Die französische Revolution konnte Freiheit noch auf den Spitzen der Bajonette vortragen. In der Atombombe aber, dem modernen Bajonett, sitzt keine Freiheit mehr, sondern nur noch der Tod für alle.’“5

Mit der Verkündung der „Hallstein-Doktrin“ am 22. September betrachtet die Bundesregierung die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR als „unfreundlichen Akt“.

Die ersten Soldaten der Bundeswehr werden am 10. Oktober ernannt. Es sind die beiden Nazigeneräle Heusinger und Speidel.

Siehe auch „Gewerkschaften/Arbeitswelt“.


1 Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949 – 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie. 4 Bde., Hamburg 1996, 1103. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen (hier:
„9. Januar“).

2 Foto: Antikriegskundgebung bei Nacht am 6. Mai 1955, Standort: Deutsches Historisches Museum, Berlin.

3 Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

4 Erich Kuby, geb. 1910 in Baden-Baden, Abitur in München, nach 1945 Berater der ICD, 1947 Chefredakteur des Ruf, später Mitarbeiter bei der Süddeutschen Zeitung, beim Spiegel, beim Stern und bei den Frankfurter Heften, Publizistikpreis der Landeshauptstadt München 1992, gestorben am 10. September 2005 in Venedig.

5 Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949 — 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie. 4 Bde., Hamburg 1996, 1204 f.