Flusslandschaft 1955

Gewerkschaften/Arbeitswelt

Die Delegierten der DGB-Landesbezirkskonferenz Bayern, die rund 900.000 Mitglieder vertritt, verabschieden am 15. Januar eine Resolution gegen die Wiederaufrüstung in der Bundesrepublik.1 Am 16. Januar kritisiert der Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts (WWI), Viktor Agartz, auf der Konferenz die Entwicklung der Bundesrepublik als einen „ständig zunehmenden Industriefeudalismus“.

Im Februar kritisiert Theo Pirker auf einer Kundgebung, dass der DGB-Bundesvorstand gegen Pariser Verträge und Wiederaufrüstung nichts tue. Jetzt müsse jeder einzelne Funktionär, jedes Gewerkschaftsmitglied aktiv werden.2

Auf dem Königsplatz versammeln sich zwanzigtausend Menschen am Abend des 24. Februar, um ihren Protest gegen die an diesem Tag begonnene Bundestagsdebatte über die Ratifizierung der Pariser Verträge zu artikulieren. Diese zwischen den Westmächten und der Bundesrepublik ge-
schlossenen Verträge beenden das Besatzungsregime und leiten die Gründung der Westeuropä-
ischen Union und den Beitritt der Bundesrepublik zum Nordatlantikpakt ein. DGB-Landesvor-
sitzender Max Wönner erklärt unter großem Beifall: „Wenn der Bundestag sich entschließen sollte, die zweite und dritte Lesung durchzuführen, dann ist unser Kampf gegen die Wiederaufrüstung noch nicht zu Ende.“ Zum Teil als Skelett verkleidet demonstrieren unter anderem Burkhard Lutz, Ernst Schumacher und Theo Pirker.3 Auf den Transparenten ist zu lesen: „Verhandeln ist besser als Säbelrasseln“ und „Nie wieder ein SS-Europa“. Auf einer weiteren Kundgebung meint Theo Pirker unter dem Applaus von 2.500 Zuhörern: „Wenn der DGB-Bundesvorstand nach der zweiten Lesung der Pariser Verträge im Bundestag nichts tut, um den Forderungen des Frankfurter DGB-
Kongresses, des höchsten souveränen Gremiums der Gewerkschaften, gegen die Wiederaufrüstung Nachdruck zu verleihen, dann geht das Gesetz des Handelns auf jeden einzelnen Funktionär, auf jedes Gewerkschaftsmitglied über.“

„Als wir 1949 hier im (Münchner) Gewerkschaftshaus (in der Landwehrstraße 7 – 9) zu arbeiten anfingen, hatten wir einen Kassierer und zwei weibliche Hilfskräfte. Heute haben wir 21 Kassierer und genauso viele weibliche Hilfskräfte. Auf das Bundesgebiet übertragen, bedeutet dies eine Ver-
waltungsvergeudung von acht bis neun Millionen Mark pro Jahr, die bestimmt anders angewandt werden könnten. Ich habe mir vorgenommen, in den nächsten zwei Jahren den Funktionärsstamm dorthin zu bringen, wo wir ihn brauchen, um Gewerkschaftspolitik zu machen“ (Der Vorsitzende des DGB-Bezirksvorstandes Bayern, Max Wönner, auf einer Funktionärssitzung in München.)4

Das Motto des DGB zum Ersten Mai lautet: „40 Stunden sind genug — 5 Tage sind genug.“. Die Gewerkschaftsjugend fährt mit mehreren Lastwagen durch die Stadt. In sechs Marschsäulen zie-hen die Demonstranten zum Königsplatz. Dort sammeln sich schließlich etwa 80.000 Menschen, nach anderen Angaben 50.000. Es sprechen der 1. Vorsitzende des Kreisausschusses des DGB München, Ludwig Koch, der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Holz, Heinz Seeger und DGB-Landesbezirksvorsitzender Max Wönner. Unter anderem ist eine Tafel mit einem Porträt Konrad Adenauers zu sehen. Darunter ist zu lesen: „Er war niemals Soldat, wir folgen seinem Beispiel.“5

Allein die kontinuierlichen Verstöße gegen die Vorschriften der Arbeitsordnung durch Arbeitgeber könnte eine Münchner Protestchronik über alle Jahre so füllen, dass nichts anderes mehr Platz hätte. Hier nur zwei Beispiele von vielen.6


1 Siehe „Entschließung gegen die Wiederaufrüstung, für die Wiedervereinigung Deutschlands“.

2 Seit 1953 arbeitet Pirker am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut (WWI) des DGB unter Viktor Agartz. Er lehnt das sozialpartnerschaftliche Mitbestimmungskonzept ab und favorisiert demokratische Kontrolle der wirtschaftlichen Macht durch Beauftragte der Gewerkschaften. Zudem will er vergesellschaftete Selbstverwaltungsunternehmen mit Eigenver-
antwortlichkeit. Vgl. Martin Jander, Theo Pirker über Pirker. Ein Gespräch, Marburg 1989.

3 Siehe dazu auch „Anfänge“ von Ernst Schumacher 1954. 5 Fotos im Umschlag 29, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung. Siehe „24. februar“.

4 Der Spiegel 20 vom 11. Mai 1955, 18.

5 Siehe Fotos vom „ersten mai“.

6 Siehe „Geschehen/Gesehen“.