Materialien 1947

Im Winter 1946/47 ...

dem härtesten Winter, den Deutschland in mehr als 50 Jahren erlebt hat, sieht die Lage noch trostloser aus. Hunger und Kälte regieren. Der Gewerkschafter Horlacher verweist auf das solidarische Verhalten der Bergarbeiter, die Sonderschichten fahren, damit die Menschen Hausbrandkohle bekommen, und appelliert an die organisierten Kollegen, sie mögen auch außerhalb der Dienstzeiten arbeiten, damit die Züge fahren. Die Wagenwerkstätten legen Son-
derschichten ein. Horlacher: »Natürlich müssen wir … verlangen, daß zum mindesten für
die Zeit, da das Personal stärker als bis jetzt in Anspruch genommen wird, die notwendigen Lebensmittelzulagen gewährt werden …«
1 Er wird bei der Militärregierung und bei der Reichsbahn-Oberbetriebsleitung in Frankfurt am Main vorstellig.

Aber es kommt schlimmer: die sowieso dürftigen Lebensmittelrationen sollen weiter gekürzt werden. Die heftigen Proteste aus vielen Betrieben veranlassen den Bayerischen Gewerkschafts-
Bund (BGB), für den 23. Januar 1947 zum Streik und zur Demonstration aufzurufen, »um die Bewegung in geordnete Bahnen zu lenken und unseren Forderungen an die Bayerische Staats-
regierung einen größeren Nachdruck zu verleihen«.
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Auf der Kundgebung erschallen Rufe nach Sozialisierung und Bodenreform; bei der Hungerdemonstration artikuliert sich auch politischer Protest.3

Die Kürzungen werden zum Teil zurückgenommen, eine wirkliche Verbesserung bei der Lebens-
mittelversorgung ist dennoch nicht in Sicht. Für die Gewerkschaften kommt ein weiterer Streik nicht in Frage. Sie balancieren zwischen der letztendlichen Befehlsgewalt der Militärregierung und dem berechtigten Unwillen der Mitgliedschaft.

Beim ersten Verbandstag in München zählt die Gewerkschaft des Eisenbahn- und Postpersonals am 20./23. Februar 1947 beinahe 70.000 Mitglieder. Am 11./12. März 1947 teilt sich die Gewerk-
schaft in die Landesgewerkschaft Post- und Fernmeldewesen und Landesgewerkschaft für das Eisenbahnpersonal, die am 25. März 1947 von der Militärregierung genehmigt wird.

Im Vorstand der neuen Gewerkschaft befinden sich als 1. Vorsitzender Horlacher aus München,
als 2. Vorsitzender Matthäus Herrmann aus Warmensteinach. Als Kassier fungiert Johann Müller, München. Beisitzer sind Georg Berger, München, Leo Hofmann, Regensburg, Josef Fellner, Nürnberg, Hans Forner, Augsburg und Ambros Tauscher, München. Im erweiterten Vorstand sitzen: Ludwig Jungbauer4, München-Neuaubing, Martin Ewerling, München, Simon Bayerlein, Nürnberg, Nikolaus Rott, Weiden, Martin Refle, Augsburg, und Georg Brandmeier, Würzburg.5

Die Militärregierung hat einen Lohn- und Preisstopp verfügt. Die Löhne bleiben eingefroren, der Preisstopp wird oft unterlaufen. Horlacher erinnert am 27. März 1947: »Wir haben bei der Militär-
regierung und der Hauptverwaltung der Deutschen Eisenbahnen den Antrag gestellt, die Eisen-
bahn als Problem-Industrie anzuerkennen. Wir taten dies einmal aus dem Grunde, „weil die Tatsache feststeht, daß infolge der niedrigen Löhne, die heute bei der Eisenbahn gezahlt werden, die besten Arbeiter abwandern. Wir taten es ferner aus der Gewißheit heraus, daß wir vor einer Verkehrskatastrophe stehen …«
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Der Landessekretär der Eisenbahnergewerkschaft, Johann Pletz7, meint erbittert: »Mit der derzei-
tigen Handhabung der Lohn- und Preispolitik zerschlägt man jeden gesunden Arbeitswillen und verschärft dabei die Wirtschaftskrise. Man verschone uns mit den Argumenten, daß die rationier-
ten Lebensmittel der 101. Zuteilungsperiode pro Kopf und Monat sich auf 8.25 RM belaufen, der Arbeiter also nicht mehr ausgeben kann. Diesen Mathematikern legen wir nachstehende Berech-
nung zur Beantwortung vor. Wie teuer kommt zur Zeit ein Mittagessen einer vierköpfigen Fami-
lie, wenn sie Kohlrabi oder gelbe Rüben kaufen muß, weil keine Kartoffeln mehr vorhanden sind und das Brot auch sehr knapp ist. Vier Bündel gelbe Rüben à RM 2.- = RM 8.- und 4 Kohlrabi à RM -.60 = RM 2.40, ergibt ein Mittagessen für 4 Personen zu einem Preise von RM 10.40. Vom Sattwerden wollen wir dabei schweigen. So sieht die Rechnung aus; wer Lust hat, möge sie widerlegen …«
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Aus anderen Ländern kommen überraschende Nachrichten. Die Kumpel im Ruhrgebiet verlangen die Überführung der Kohlengruben in Gemeineigentum. Am 3. April 1947 streiken und demon-
strieren 334.000 Ruhrkumpel. Und es werden mehr: Über 12.000 Bergarbeiter des Aachener Reviers, die Bauarbeiter aus Essen und die Metaller aus den Krupp-Werken schließen sich an. Einige Losungen auf den Plakaten lauten: »Wir haben Hunger! Wir fordern die Durchführung
der Bodenreform und die Enteignung der Grundbesitzer!«
Die Besatzungsbehörden reagieren mit Streikverboten und drohen härteste Strafen an.

Immer noch fehlen in München Arbeitskräfte; die hungrigen Eisenbahner schieben Sonderschich-
ten, und trotzdem kommt der Betrieb nicht ins Laufen. Am 10. Mai 1947 sind von 2.000 Waggons, die die benötigten 30.000 Tonnen Frühjahrskartoffeln fassen würden, erst 354 in München einge-
troffen.9

Viele Waggons stehen immer noch beschädigt auf Abstellgleisen. General Clay befiehlt, diese schnellstmöglich zu reparieren. Nach Meinung der Gewerkschaften wäre es nötig, dem Reichs-
bahnausbesserungswerk (RAW) Neuaubing zusätzlich 312 gelernte Arbeiter und dem RAW Freimann 370 gelernte Arbeiter von auswärts zuteilen zu lassen. Da dies unmöglich sei, sollten
die Werke als Grundbetriebe eingestuft werden, denen Krauss-Maffei, Kustermann, Rathgeber, Maschinenfabrik Neuaubing, Süddeutsche Bremse, BMW u.a. als Hilfsbetriebe mit ihren Be-
legschaften zuarbeiten würden.10 Der Vorschlag wird nicht umgesetzt. Die Arbeitsbelastung der Eisenbahner nimmt weiter zu.

Seit August 1947 hat sich die Versorgungslage in München ein wenig gebessert, im Oktober/No-
vember aber beträgt die Tagesration eines Normalverbrauchers 350 g Brot, 5 g Butter, 14 g Fleisch, 43 g Gemüse, 52 g Käse, 2 Kartoffeln und 1/8 l Magermilch.

Am Morgen des 7. November – ein Freitag – lesen die Arbeiter des RAW Neuaubing in der Zeitung oder hören im Radio, dass die monatliche Fettration auf 50 Gramm gekürzt werden soll. In der 108. vierwöchigen Zuteilungsperiode soll der Normalverbraucher auf Lebensmittelkarten 10 kg Brot, 400 g Fleisch, 1.250 g Nährmittel, 62,5 g Käse, 500 g Zucker, 125 g Kaffeeersatz, 8 kg Kar-
toffeln, 1 Liter Magermilch, 500 g Frischfisch und 50 g Fett erhalten.

Im Betrieb sammeln sich erst kleine Gruppen, dann größere: Die Kürzung ist das einzige Ge-
sprächsthema. Immer lauter werden die empörten Rufe; einige arbeiten, andere diskutieren. Da erscheinen um 11 Uhr Betriebsratsvorsitzender August Karl Dollinger11 und Betriebsrat Karl Reisinger12, halten Ansprachen und rufen zum Streik auf. Innerhalb von 10 Minuten werden auch die Betriebe in Freimann und in Freilassing informiert. Zwischen 11.30 Uhr und 13.00 Uhr kommt es hier zu mehreren Betriebsversammlungen. Benno Blieninger13 und der Kollege Heussler spre-
chen sich für den Streik aus.

Die amerikanischen Nachrichtendienste fahnden nach Nazis, die untergetaucht sind und sich in den neuen Parteien und Gewerkschaften zu verstecken versuchen. Antifaschisten und Gewerk-
schafter unterstützen die Besatzungsmacht darin uneingeschränkt. Das Arbeitsfeld der Nach-
richtendienste weitet sich aber aus.

Agenten berichten an das Hauptquartier des Counter Intelligence Corps (CIC), der Abwehr- und Nachrichtenabteilungen der US-amerikanischen Armee: »1() Karl Dollinger spoke in favour of the strike. (It has been reported, but not yet verified, that he lives in Munich-Pasing at 3/1 Acker-
strasse, that his date of birth is 27-6-04, and that he is a Communist Party member with membership number 2076.) (2) Reisinger (first name as yet not known to this office) spoke in favour of the strike. (3) Johann Muenzhuber spoke against the strike attempting to get the men to return work. He was booed off the speaker’s platform … (8) Hans Stahlheber; born 5-3-07 in Munich and residing at 63/3 Perlacherstrasse in Munich, is an agitator, who was among the first who started organizing the groups of disgruntled workers into a meeting and agitating for a strike (Confidential information indicates that this man is a Communist with CP number 1045.) (9) Horlacher … talked against the strike … It was he who gave the complete report of the strike to the officials …«
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Das Für und Wider wird lautstark diskutiert. Horlacher setzt sich schließlich durch. Um 16 Uhr kehren alle Arbeiter in ihre Werkstätten zurück. Am Samstag Morgen aber ruht die Arbeit. Eine Arbeiterdelegation wird bei der Geschäftsleitung vorstellig und fordert die Rücknahme der Fett-
rationkürzung. Capt. Robert D. Anderson, der District Railway Sup’t of the Reichsbahn, lässt durch die Geschäftsleitung ausrichten, es werde für die Eisenbahner keine Kürzung geben. Darauf gehen alle Arbeiter wieder in die Werkstätten.

Am Montag Morgen verkündet Radio München doch die Kürzung. Die Arbeiter fühlen sich an
der Nase herumgeführt. Die Geschäftsleitung lässt der empörten Belegschaft versichern, dass die Radio-Meldung auf einem Irrtum beruhe. Um 9.30 Uhr wird wieder gearbeitet.

Die Informanten des CIC arbeiten gewissenhaft, kommen aber nicht an alle notwendigen Infor-
mationen. Da ist es einfacher, die Betriebsleitung selbst zu befragen. Der Direktor der Münchner Reichsbahn, Dr. Albert Wohlers, und der Direktor aller Betriebe der Reichsbahndirektion Mün-
chen, Dr. Theodor Vogel, geben über die Haupträdelsführer bereitwillig Auskunft. Es handelt sich um Kettner, Münzhuber15 , Michael Stelzl, Josef Graswald, Ludwig Forstmeier und Konrad Wetzel.

CIC-Agenten erstellen umfangreiche Dossiers. Nur ein Beispiel: »Name: Bernhard Kettner: Aliases: None. Born: 28 April 1903 in Reichertshofen (M49/T71). Residence: Muehldorfstrasse 80/III. Former residence: Reichertshofen. Employer: 1945 – 47 Employed by the D.R.B. (Deutsche Reichsbahn) as Werkmeister: Former employers: 10/9/36 -1945 R.A.W. Freimann near Munich as a labor inspector on the railroad. 2/5/33 – 10/9/36 Unemployed. 25/4/33 – 1/5/33 Confined for political activities. 1932 – 1933 Unemployed. 1931 – 1932 R.A.W. … Education: Volksschule from 1909 – 1917 in Munich. Fachschule from 1917 – 1921 in Munich.
Nazi Record: DAF from Sept 1936 – 1945. Criminal Record: Subject was arrested on 25/4/33
for his KPD affiliations and activities. Released on 1/5/33. Army Record: Subject was UK gestellt (deferred) for his essential work with the railroad. Political: Subject was a member of the KPD prior to 1933, and voted for the KPD in Nov 1932 and March 1933. CP No. 16, 558. Personal description: Height, 1.70 cm; weight, 60 kg.; hair; blond; eyes, blue …«
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Auch um das Büro des KPD-Kreisvorstands in der Widenmeyerstraße 25 schleichen Agenten, die berichten, dass Karl Ziegler17 von der Organization Section der KPD einen Zettel drucken lasse, auf dem stehe: »50 Gr. Fett für Monat November – Was sagt Ihr dazu?«18 Mit diesen und einer Fülle weiterer Informationen schafft sich die Besatzungsbehörde ein exaktes Bild von den politi-
schen Kräfteverhältnissen und deren Protagonisten in Deutschland.

Resümee von Lt. Col. Garvey vom CIC: »The KPD considers this strike was a success, and this headquarters is of the opinion that the KPD may attempt to incite strikes in the future …«19

Die folgenden Monate sehen weitere Kürzungen vor. Die etwa 2.800 Arbeiter bei Krauss-Maffei in Allach stellen Lokomotiven und große Maschinen für die Reichsbahn her. Am Mittag des 7. Januar 1948 erleben die Arbeiter in der Kantine eine Überraschung. Nach den Vorschriften des Staats-
ministeriums für Ernährung sind die Essensrationen erneut kleiner geworden:

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In Gruppen verlassen die Arbeiter empört und laut diskutierend die Kantine und kehren in ihre Werkstätten zurück. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich der Ruf »Streik« und um 14 Uhr bewegt sich nichts mehr. Die CIC-Special Agenten William C. Schwartz und Theodore Schulz berichten: »This work stoppage then spread to other shops within this plant until approximately 1.000 employees had ceased working …«21 Auch bei BMW und Rathgeber wird gestreikt.

Um 16 Uhr versuchen Gewerkschaftsführer, Vertreter des Ernährungsministeriums und Verwal-
tungs-Manager auf einer Betriebsversammlung die brodelnde Menge zu beruhigen: Die Kürzungen seien nur vorübergehend, es gebe in der Kantine das gleiche Essen wie immer und die Kürzungen bei den Schwerstarbeiterzulagen würden wieder aufgehoben. Das klingt alles sehr widersprüchlich, aber die Arbeiter lassen sich beruhigen und gehen zur Arbeit zurück.

Am folgenden Tag verlassen die Arbeiter der Gießerei um 9 Uhr ihren Arbeitsplatz. Andere Abteilungen schließen sich an. Sie trauen den Versprechungen vom Vortag nicht, Auf der eilends einberufenen Versammlung bestätigen um 10 Uhr Gewerkschaftsführer und Manager die Aufhe-
bung der Kürzungen und warnen, dass bei Weiterführung des Streiks keine Löhne mehr gezahlt würden. Um 11 Uhr wird wieder gearbeitet.

Im RAW Freimann ruht ebenfalls die Arbeit. Auf der Betriebsversammlung am Vormittag des 8. Januar versucht der Landtagspräsident die erbosten Kollegen zu beruhigen, wird aber niederge-
schrien. Erst mit Drohungen und Versprechungen gelingt es der Verwaltung, die Arbeiter an ihre Arbeitsplätze zurückzubewegen. Ab 14.30 Uhr wird wieder gearbeitet.

In den Akten der Besatzungsadministration findet sich eine mit » Waldeck« unterschriebene Notiz vom 8. Januar 1948: »Gut informierte Gewährsmänner versichern, daß dieser Streik erst das >Vorspiel< gewesen sei, Für Februar-März seien Generalstreiks geplant, falls nicht bis dahin fühlbare Besserung einträte, Die Besatzungsmächte dürften sich nicht darin täuschen, zu meinen, daß >Apathie und Lammsgeduld< der deutschen Bevölkerung schlechthin unbegrenzt seien. 2 Jahre habe man gewartet und gewartet, aber statt langsamer Besserung oder auch nur der Aussicht darauf sei das Gegenteil immer mehr eingetreten … wenn man es mit der Demokrati-
sierung Deutschlands ernst meine, dann dürfe man den Deutschen nicht übelnehmen, daß sie sich langsam der Rechte demokratischen Handeins erinnern.«
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CIC-Investigatoren befragen die Arbeiter, warum sie streiken, und melden dies an ihr Hauptquar-
tier. Ein Arbeiter meint seufzend: » I came home on Thursday evening. My wife did not greet me at the door; she just handed me a newspaper and said > There! <«23

Ähnlich verlaufen die Streiks vom 7. bis 9. Januar 1948 bei Rathgeber in Moosach, bei BMW und im Ostbahnhof; Gewerkschaftsfunktionäre können die Belegschaften nur mit Mühe beruhigen
und zur Wiederaufnahme der Arbeit veranlassen.24 Am 9. Januar folgen 3.000 Beschäftigte der Münchner Verkehrsbetriebe dem Streik. Auch sie kehren am 10. Januar zur Arbeit zurück.

Führende Männer in der amerikanischen Administration vermuten kommunistische Agitatoren. Im Bericht des CIC aber heißt es: »Investigation reveals that there was no evidence that these work stoppages were Communist inspired in this instance. It appears that the unexpected announcement by the Food Ministry of Bavaria to the effect that there would be a cut in the workers’ food rations precipitated these work stoppages.«25

Die Gewerkschaften geraten unter den Druck ihrer Mitglieder, sodass sich der BGB gezwungen sieht, die Forderungen der wütenden Kollegen zu übernehmen. Für Freitag, den 23. Januar, wird ein 24-stündiger Generalstreik beschlossen: »… editorial staff of the Bavarian Labor Union, it
is intended to go strike in the whole of Bavaria on Friday at 23.00 hrs. Hitherto the christian representatives in the Union-Board only being in minority, opposed the measure of over-all-strike. Freiherr von Godin. President, Rural Police of Bavaria.«
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Auf der Großkundgebung auf dem Königsplatz fordern Gewerkschaftsführer vor 50. bis 60.000 Menschen unter anderem einschneidende Maßnahmen gegen den Schwarzmarkt. Auf Transpa-
renten heißt es: »Wir sind Deutsche und kein Kolonialvolk!« »Großschieber sind Mörder; ihnen die Todesstrafe!«27 Es wird immer deutlicher, dass in der Arbeiterbewegung zwei gegensätzliche Positionen miteinander ringen: Einmal die Reduktion des Einflusses von Eliten aus Staat und Wirtschaft und damit die Partizipation der Arbeiterklasse an der Gesellschaft, andererseits Rekonstruktion von Eliten in Gesellschaft und Wirtschaft verbunden mit Forderungen an einen »starken Staat«.

Die Bayerische Staatsregierung verlautet, sie sei zu Zugeständnissen bereit. Zugleich droht die Reichsbahndirektion über Radio München: »Die Beamten sind zur Erfüllung ihrer Dienstaufga-
ben gesetzlich verpflichtet. Sie haben bei Nichtbefolgung dienststrafrechtliches Einschreiten zu gewärtigen!«
28 Diese Drohung läuft bei informierten Eisenbahnern ins Leere, denn das bayerische Beamtengesetz vom 28. Oktober 1946 gilt nicht für die Reichsbahn und das deutsche Beamtenge-
setz von 1937 kennt keinen Passus über Streik.

Am 4. Februar 1948 streiken 5.000 Beschäftigte bei Rathgeber und im RAW Freimann. Der Anlass: Auf den Zulagekarten für Schwer- und Schwerstarbeiter fehlt Fett, auf der Normalver-
braucherkarte fehlen 2.500 Gramm Brot. Zudem wird der Ausspruch des Präsidenten des BGB, Lorenz Hagen29, kolportiert, dass der Generalstreik vom 23. Januar nur eine Ventilfunktion gehabt habe.30 Eine Vertrauenskrise zwischen Gewerkschaft und organisierten Arbeitern bahnt sich an.

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1 Horlacher, Leonhard, Werden die Eisenbahner es schaffen? In: Gewerkschafts-Zeitung 6 vom 5.11.1946, 12.

2 Geschäftsbericht, a.a.O., 71.

3 Rudolf Stescal (1913 – 1990), Schlosser bei Rathgeber, am 19.5.1983 zum Verfasser.

4 Ludwig Jungbauer, geb. am 19.7.1891 in Pilsting/Niederbayern, Grobschmied bei der Reichsbahn vom 10.12.1919 – 1932, KPD, 10.3.1933 – 22.3.1935 KZ Dachau, 6.5.1935 – 4.11.1936 Arbeit bei Rathgeber, 7.12.1936 – 6.4.1938 bei Heilmann, 6.4.1938 – 4.4.1945 bei Meiller, dann Werkmeister bei RAW Neuaubing und Betriebsrat, KPD.

5 Vgl. Geschäftsbericht des Bayerischen Gewerkschafts-Bundes für das Jahr 1947, 23 f.

6 Erster ordentlicher Bundestag des Bayerischen Gewerkschafts-Bundes. München, 27., 28. und 29. März 1947, Protokoll, 70.

7 Johann Pletz, SPD, Mitglied des Bundesvorstands des BGB, wird nach Gründung des DGB Mitglied des DGB-Landesbezirksvorstandes Bayern. Er stirbt am 14.4.1954 in München.

8 Pletz, Johann, Wird die Eisenbahn Problemindustrie? In: Gewerkschafts-Zeitung 14 vom 25.7.1947, 2.

9 Vgl. Chronik der Stadt München, bearbeitet von Wolfram Selig unter Mitarbeit von Ludwig Morenz und Helmuth Stahleder, München 1980, 263.

10 Vgl. Gustav Schiefer an Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und soziale Fürsorge am 12.8.1947. In: BayHStA, OMGBY 13/35-3/12.

11 Karl Dollinger, geb. am 27.6.1904 in München, Arbeit in der Elektrik-Firma Georg Graf 1918/21, dann weitere Firmen, Reichsbahn 1925/32, als Mitglied des Antikriegs-Komitees der Reichsbahn 1932 Delegierter in Amsterdam, KPD, 1932/35 arbeitslos, 1936/38 Arbeit bei Brown-Boveri, 1938/39 bei Müller, 1939/40 bei Hamberger, Kriegsteilnehmer 1940/45, dann Arbeit im RAW Neuaubing.

12 Karl Reisinger (München 1906 – München 1983 )kommt aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, 1920 – 1923 Lehre
als Huf- und Nagelschmied, SAJ, SPD, Deutscher Metallarbeiterverband, 1931 SAP, 1937 zu eineinhalb Jahren Gefängnis wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt, ab 1943 Kriegsteilnehmer, schwer verwundet, Gefangenschaft in Ägypten bis 1947, KPD, Arbeit im RAW Neuaubing, Betriebsrat, 1952 fristlose Entlassung, Arbeit bei der Internationalen Schlaf-
wagengesellschaft bis 1971.

13 Benno Blieninger, geb. am 11.4.1898, Dreher, KPD-Stadtrat seit 1948, Arbeit im RAW Freimann, Betriebsrat, 1952 fristlose Entlassung.

14 »(1) Karl Dollinger sprach sich für den Streik aus. (Es wurde berichtet, ist aber noch nicht bestätigt, daß er in München-Pasing in der Ackerstraße 3/1 wohnt, daß er am 27.6.04 geboren wurde und daß er KPD-Mitglied mit der Mitgliedsnummer 2076 ist. (2) Reisinger (bis jetzt ist der Vorname noch nicht bekannt) sprach sich für den Streik aus. (3) Johann Münzhuber sprach gegen den Streik und versuchte, die Männer zur Rückkehr zur Arbeit zu bewegen. Er wurde niedergebrüllt… (8) Hans Stahlheber, geboren am 5.3.07 in München, wohnhaft in der Perlacherstraße 63/3 in München, ist ein Agitator, der unter den ersten war, die damit begannen, die erbosten Arbeitergruppen zu organisieren und für einen Streik zu agitieren (Vertrauliche Information zeigt an, daß dieser Mann Kommunist ist mit der Mitgliedsnummer 1045.) (9) Horlacher … sprach gegen den Streik …, Er war es, der den kompletten Bericht über den Streik an die Behörden übergab …« Walter Spaeth, William C. Schwartz, Theodore A. Schulz, Special Agents an Headquarters Counter Intelligence Corps (ab hier: CIC) Region IV am 11.11.1947. BayHStA, OMGBY 10/84-2/2.

15 Münzhuber, geb. am 15.4.1900 in Manching, Weltkriegsteilnehmer 1918/19, beginnt am 1.5.1927 als Zimmermann seine Arbeit bei der Reichsbahn, im KZ Dachau vom 10.3. bis 22.12.1933, Weltkriegsteilnehmer 1939/45, dann Oberstellwerks-
meister bei der Reichsbahndirektion und Betriebsrat.

16 »Name: Bernhard Kettner. Angenommene Namen: keine. Geboren: 28. April 1903 in Reichertshofen (M49/T71). Wohn-
haft: Mühldorfstraße 80/III. Früherer Wohnsitz: Reichertshofen. Beschäftigt 1945 – 47 bei der D.R.B, als Werkmeister. Frühere Arbeitgeber: 10.9.36 – 1945 RAW Freimann bei München als Arbeitsinspektor der Eisenbahn. 2.5.33 – 10.9.36 arbeitslos. 25.4.33 – 1.5.33 eingesperrt wegen politischer Aktivitäten. 1932 – 1933 arbeitslos. 1931 – 1932 RAW … Ausbil-
dung: Volksschule von 1909 – 1917 in München. Fachschule von 1917 – 1921 in München, Nazi-Vergangenheit: DAF vom Sept. 1936 – 1945. Kriminelle Laufbahn: Subjekt wurde am 25.4.33 wegen KPD-Mitgliedschaft und -Aktivitäten eingesperrt. Entlassen am 1.5.33, Militärlaufbahn: Subjekt war >unabkömmlich gestellt< wegen seiner unentbehrlichen Arbeit bei der Bahn. Politisch: Subjekt war Mitglied der KPD vor 1933 und wählte KPD im November 1932 und März 1933. KP Nr 16, 558. Personenbeschreibung: Größe 1,70 m; Gewicht 60 kg; Haar blond; Augen blau …« Walter Spaeth, Theodore A. Schulz, Joseph B. Halpern, CIC-Special Agents an Headquarters CIC am 13.11.1947. BayHStA, OMGBY 13/142-3/8.

17 Karl Ziegler, geb. am 13.3.1917 in München, Dekorationsmaler, seit 1932 Kommunistischer Jugendverband, Widerstand in der Wehrmacht, Zusammenarbeit mit Partisanen an der Ostfront, nach 1945 KPD.

18 Spaeth, Schwartz, Schulz an Headquarters, a.a.O.

19 »Die KPD glaubt, der Streik sei ein Erfolg gewesen, und dieses Hauptquartier ist der Meinung, daß die KPD auch in Zukunft versuchen wird, Streiks anzustiften …« CIC Region IV, Rundschreiben vom 13.11.1947. BayHStA, OMGBY 13/142-3/8.

20 Vgl. Headquarters CIC Region IV, Memorandum for the Officer in Charge vom 13.1.1948. BayHStA, OMGBY 10/84-2/2.

21 »Diese Arbeitsniederlegung breitete sich alsdann über die anderen Werkstätten aus, bis annähernd 1.000 Arbeiter im ganzen Betrieb ihre Arbeit einstellten …« A.a.O.

22 BayHStA, OMGBY 10/84-2/2.

23 »Ich kam am Donnerstag Abend heim. Beim Eintreten begrüßte mich meine Frau nicht; sie reichte mir nur eine Zeitung und sagte >Da!<.« Notiz. BayHStA, OMGBY 10/84-2/2.

24 Vgl. A Weekly Report of Intelligence Analysis and Public Opinion, prepared by Office of the Manpower Advisor and Intelligence Division, Research and Analysis Branches, OMGB vom 19.11.1948, Manuskript, 4. BayHStA, OMGBY 13/142-3/8.

25 »Die Nachforschung offenbart, daß es keinen Beweis dafür gibt, daß die Arbeitsniederlegungen zu diesem Zeitpunkt von Kommunisten inspiriert worden sind. Es scheint, daß die unerwartete Ankündigung des bayerischen Ernährungsministe-
riums, man wolle die Essensrationen der Arbeiter beschneiden, diese Arbeitsniederlegungen beschleunigt hat.« Headquarters CIC Region IV am 13.1.1948. BayHStA, OMGBY 10/84-2/2.

26 »Der Exekutivstab der Bayerischen Gewerkschaften plant für ganz Bayern einen Streik am Freitag für 23 Stunden. Bisher sind die christlichen Vertreter mit ihrem Widerstand gegen einen Generalstreik im Gewerkschaftsrat in der Minderheit. Freiherr von Godin, Präsident der bayerischen Landespolizei.« Präsidium der Landespolizei an Office of MG for Bavaria, Munich. Attn.: Capt. Williams am 22.1.1948. BayHStA, OMGBY 10/110-2/16.

27 Heute. Herausgegeben von der Amerikanischen Militärregierung 53 vom 1.2.1948, 2.

28 Zum Streik der Eisenbahner. In: Gewerkschafts-Zeitung 4, zweite Februar-Hälfte 1948, 6.

29 Lorenz Hagen (1885 Amberg – 1965), Metallarbeiter, 1920 – 30 Betriebsrat bei Siemens-Schuckert in Nürnberg, 1932 – 33 Vorsitzender des ADGB Nürnberg, zwischen 1938 und 1940 KZ Dachau und KZ Buchenwald, 1944 KZ Dachau, 1945 Wiederaufbau der Gewerkschaften in Nürnberg, ab 1947 Präsident des BGB, Mitglied der bayerischen Verfassunggebenden Landesversammlung, SPD-MdL.

30 Vgl. Notiz, BayHStA, Pressearchiv Staatskanzlei 1948/24.


Günther Gerstenberg, »Wildcat work stoppages spread further …« Wie Münchner Eisenbahner die Ärmel aufkrempelten, ihnen der Kragen platzte und sie sich ins Unvermeidliche schickten, in: Bernhard Schoßig (Hg.), Unter dem geflügelten Rad. Arbeiten und Leben bei der Eisenbahn in München und im südlichen Bayern, München 2001, 208 ff.