Flusslandschaft 1947

Armut/Mangelwirtschaft

Im Dezember 1946 schlossen Briten und Amerikaner ein Doppelzonenabkommen, um die neue „Bizone“ zu einem vereinigten Wirtschaftsgebiet umzugestalten mit Frankfurt am Main als zentraler Verwaltung. Die große Not lässt in München für Proteste kaum Raum. Jede und jeder schaut erst einmal, wie sie/er sich durchschlagen kann. Zunächst sind es Organisationen, die mit Hilfe von Verhandlungen und Protesten die Lage zu verbessern suchen.1 Anfang Januar treten spontan viele Münchner Betriebe in den Streik.2

16. Januar 1947 – Donnerstag: „In der Presse kommen seit Tagen empörte Leser zu Wort, die darüber klagen, dass in Lagern und Läden große Mengen von Bekleidung und Schuhen vorhanden sind, auf Grund bürokratischen Unvermögens der zuständigen Stellen jedoch keine Bezugscheine dafür ausgegeben werden. Auch Einzelhandelsgeschäfte beschweren sich, dass sie volle Lager haben, jedoch nicht verkaufen dürfen.“3

Geplante Kürzungen der Lebensmittelrationen und heftige Proteste aus den Betrieben veranlassen den Bayerischen Gewerkschaftsbund (BGB), für den 23. Januar zum Streik und zur Demonstra-
tion aufzurufen. „Auf der Kundgebung erschallten Rufe nach Sozialisierung und Bodenreform; die Hungerdemonstration mündete in politischen Protest“.4 Peter Sellmayr und Sepp Thurner berich-
ten: „Im Januar 1947 wurden die Lebensmittelrationen bei Fett, Fleisch, Käse, Milch und Kartof-
feln um 25 bis 50 % gekürzt. Unter den Arbeitnehmern kam es zu ersten Unruhen. Rund 200.000 Menschen zogen von der Theresienwiese zum Königsplatz – misstrauisch von den Amerikanern beobachtet – um gegen die miserable Versorgung zu protestieren. Die Gewerkschaften riefen zu einem 24stündigen Streik auf.“5

4. März 1947 – Dienstag: „Angesichts der katastrophalen Ernährungslage kursiert in München folgender zeitgemäßer Witz: Dem Entnazifizierungsfragebogen wird eine letzte Zusatzfrage angefügt: ‚Gedenken Sie im Jahre 1948 noch zu leben? Wenn ja, wovon?’“6 Ende März wird die hundertste Lebensmittelkarte ausgegeben. Begehrte Tauschwaren gibt es auf dem Schwarzmarkt. Viele Münchnerinnen und Münchner schimpfen auf die offenbar unfähige Bizonenbehörde in Frankfurt.

Am 5. Juni wird der Marshallplan verkündet.

Am 7. September veranstaltet der Angestelltenverband der Gewerkschaften im Zirkus Krone an der Marsstraße 43 eine Kundgebung unter dem Motto „Auch die Angestellten haben Hunger“.

13. November 1947 – Donnerstag: „An allen 47 Verteilungsstellen der Stadt herrscht Gedränge. Wegen des Zusammentreffens von Lebensmittelkarten-Ausgabe und der Ausgabe von Schuhbe-
zugsscheinen belagern bis zu 1.000 Personen die Bezugsscheinstellen. Es kommt wiederholt zu Demonstrationen, in verschiedenen Fällen muss das Überfallkommando eingreifen.“7

18. Dezember: „Über die Misere der Straßenbeleuchtung wird in der Öffentlichkeit immer wieder Klage geführt. Der Münchner Polizeipräsident weist verschiedentlich darauf hin, dass die Dunkel-
heit in den Straßen der Kriminalität erheblichen Vorschub leistet. Die Stadtwerke EW-Straßen-
beleuchtung stellen dazu fest: Der Hauptgrund für die ungenügende Straßenbeleuchtung ist die völlig unzureichende Glühlampenversorgung. Eine Erhöhung der Glühlampenzuteilung kann trotz aller Bemühungen nicht erreicht werden. Für die zur Zeit im Betrieb befindlichen dreitausend Brennstellen wäre eine Monatszuteilung von tausend Stück Glühlampen nötig. Seit Frühjahr 1947 wurde die Zuteilung weiter gekürzt. Im September und Oktober überhaupt nichts. Unter diesen Umständen kann die Beleuchtung im derzeitigen Umfang kaum aufrecht erhalten bleiben.“8


1 Siehe Gerstenbergs „Not“.

2 Siehe Gerstenbergs „Im Winter 1946/47 …“.

3 Chronik der Stadt München 1945 – 1948, bearbeitet von Wolfram Selig unter Mitwirkung von Ludwig Morenz und Helmuth Stahleder, München 1980, 233.

4 Rudolf Stescal am 19. Mai 1983.

5 1948 – 1988. Deutsche Postgewerkschaft Ortsverband München, München 1988, 9.

6 Chronik der Stadt München 1945 – 1948, bearbeitet von Wolfram Selig unter Mitwirkung von Ludwig Morenz und Helmuth Stahleder, München 1980, 243.

7 A.a.O., 316.

8 Stadtchronik, Stadtarchiv München.