Materialien 1958

Künstler gegen Atomkrieg

Ein Schlussbericht

Nach mehr als vierjähriger Arbeit beendet die Ausstellungsleitung der Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ ihre Tätigkeit. Sie möchte allen Kollegen und Sammlern, die uneigennützig Arbeiten zur Verfügung stellten, allen Ausstellern, Helfern und Spendern auf das herzlichste für ihre großzü-
gige und mutige Unterstützung danken und ihnen mit dieser Veröffentlichung einen kurzen Rück-
blick auf Sinn und Nutzen dieses Unternehmens geben:

Im Jahre 1958 erlebte die Bundesrepublik die bis heute umfassendste Massenbewegung gegen die Aufrüstung unseres Landes mit atomaren Vernichtungswaffen. Aus allen Bevölkerungs- und Be-
rufsgruppen kamen Proteste und Aktionen gegen den Griff nach der Bombe, der unser Land in den tödlichen Brennpunkt eines Atomkrieges rückt. Ihrer großen gesellschaftskritischen Tradition ge-
mäß konnte die Kunst in Deutschland nicht schweigen. In beiden deutschen Staaten entstanden Graphiken und Bilder, in denen Angst, Verantwortungsgefühl und Protest der Künstler zum Aus-
druck kamen. Die Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ wurde zum Sammelbecken dieser Be-
kenntnisse gegen Krieg und Atomtod. Mehr als fünfzig bekannte Künstler verschiedener Genera-
tionen und aus verschiedenen Gegenden Deutschlands beteiligten sich an den Ausstellungen. Ob-
wohl nur ein privater Kreis von Künstlern, Schriftstellern und Kritikern die Organisation der Aus-
stellung vornahm, gelang es in den letzten vier Jahren, die 200 – 250 Arbeiten an mehr als 40 Orten vor schätzungsweise 40.000 Menschen zu zeigen.

Es blieb kennzeichnend für die obrigkeitsstaatliche Kunstsituation in der Bundesrepublik, dass einer solchen Ausstellung trotz der Beteiligung namhafter und weltbekannter Künstler die großen Museen und Ausstellungsräume fast ausnahmslos verschlossen blieben. Und es war kennzeich-
nend für die Teilnahme in allen Bevölkerungskreisen, dass Freunde, Helfer und mutige Kulturbe-
amte den Blättern und Bildern die Räume in Volkshochschulen, Gewerkschaftshäusern, Jugend-
heimen und kleineren Museen öffneten.

Wir betonen an dieser Stelle nochmals, dass die ersten Schritte zu dieser Ausstellung im Auftrag und im Einvernehmen mit der von der SPD und den Gewerkschaftsleitungen unterstützten Bewe-
gung „Kampf dem Atomtod“ geschahen. Erst als das zuständige Komitee in München die bereits fertige Ausstellung aufzulösen riet und jede Unterstützung versagte, nahm die Ausstellungsleitung mit weniger wankelmütigen Organisationen und Helfern die Ausstellung in eigene Hände. Wir sehen in dem plötzlichen Kleinmut der damaligen Funktionäre der Kunst gegenüber die gleiche Schwäche, welche sie der erregten Bevölkerung gegenüber zeigten: Die Furcht vor einer großen Volksbewegung und ihrem Einfluss auf die Situation in der Bundesrepublik.

In dem folgenden Verzeichnis sind die Namen der ausstellenden Künstler und die wichtigsten Aus-
stellungsorte und Veranstalter zusammengestellt. Wir bedauern, den beteiligten Kollegen keine Übersicht über die vielen, zumeist zustimmenden Presseberichte geben zu können und möchten nur darauf hinweisen, dass nur wenige Kritiker die alten Vorwürfe von der Kunst in der Politik erhoben. Das Anliegen dieser Ausstellung wurde respektiert, zumal auch einige abstrakte Künstler sich an der Thematik engagierten.

An wichtigen Ereignissen aus der Historie der Ausstellung sind zu vermerken:

Auf Antrag eines Redakteurs der Kapfinger-Presse (!) wurde die Ausstellung in Ansbach im August 1961 wegen Verdachtes der Gotteslästerung vorzeitig geschlossen. Ein Blatt der Ausstellung zeigte einen Priester, der Atomwaffen segnet.

Ein Versuch, die Ausstellung zu den Edinburgher Festspielen zu bringen, scheiterte an den enor-
men Hinterlegungsgebühren, welche der britische Zoll für sich beanspruchte. Die große britische Antiatombewegung unternahm vergebliche Versuche, unsere Blätter ans Land zu bringen.

Bei einer Meinungsumfrage der „Internationale der Kriegsdienstgegner“ nach dem besten und wirksamsten Blatt während der Ausstellung in Hamburg-Bergedorf ergab sich in der Spitzengrup-
pe das folgende Bild: ein rundes Viertel aller Stimmen für zwei Blätter von A. Paul Weber, ein Ach-
tel für ein Blatt von Wolfgang Grässe, jeweils ein größerer Bruchteil auf Darstellungen von Weber, Grässe, Heinzinger, Schnackenberg, Birkle, Herrmann. Abgegebene Stimmen 623.

In der Bundesrepublik gewinnt eine neue, vertiefte Auseinandersetzung mit der Politik der atoma-
ren Rüstung und des Abbaus der Demokratie Gestalt, welche sich in der „Ostermarschbewegung“ ihren Ausdruck verschafft hat. Unabhängig von parteipolitischen Einflüssen demonstrieren Ju-
gendliche, Studenten, Pfarrer, Schriftsteller, Künstler, Arbeiter und Frauen vor der Welt, dass Deutschland nicht zum Schauplatz eines dritten Weltkrieges und zu einer dritten Militärmaschine werden darf. Wir bitten alle Kollegen, dem Geist der Vernunft, der Menschlichkeit und des demo-
kratischen Widerstandes in dieser und anderen Bewegungen in künstlerischen Arbeiten, in Gra-
phiken, Plakaten, Bildern und Gestalten Stimme und Ausdruck zu geben. Wir bitten alle Kollegen niemals zu vergessen, dass ihre Kunst von Tausenden von Menschen als Rechtfertigung und Ver-
tiefung ihrer täglichen Mühen um Frieden und Menschlichkeit verstanden und erwartet wird. Wir haben mit dieser Ausstellung die Erfahrung gemacht, dass die Kunst wieder auf den Märkten ge-
achtet und gebraucht wird, wenn sie sich um die Sorgen der Märkte kümmert, wenn sie den Auf-
enthalt in den Salons vertauscht mit dem Weg des Gewissens.

Aussteller (an allen größeren Ausstellungen beteiligt):

Prof. Albert Birkle (Salzburg), Prof. Fritz Cremer (Berlin), Siegfried Dorschel (Essen), Dr. Adolf Eiermann (Konstanz), Prof. Willi Geiger (München), Frank Glaser (Berlin), Eberhard Glatzer (München ), Prof. Gerhard Gollwitzer (Stuttgart ), Friedrich August Groß (München), Prof. Lea Grundig (Dresden), Wolfgang Grässe (Hamburg), Walter Habdank (München), Otto Herrmann (Stuttgart), Albert Heinzinger (München), Prof. Karl Hubbuch (Karlsruhe), Arthur von Hüls (Mün-
chen), Prof. Fritz Husmann (Hamburg ), A.R. Jeanney (Paris), Jo von Kalckreuth (München), Hans Kralik (Düsseldorf), Herrmann Landefeld (Hagen i.W.), Otto Mack (Nürnberg), Dore Meyer-Vax (Nürnberg), Karl Erich Müller (Halle), Hanna Nagel (Heidelberg), Armin Münch (Berlin), V. Nageshkar (Indien, Darmstadt), Karl Roßbach (München), Emil Scheibe (München), Carlo Schel-
lemann (Augsburg), Prof. Otto Pankok (Brünen bei Wesel ), Walter Schnackenberg (U), Knut Schnurer (Ingolstadt ), Günter Schöllkopf (Stuttgart), Eva Schwimmer (Berlin), Gerd von Stockar (Ghana), Günther Strupp (Augsburg ), A. Paul Weber (Schretstaken), Dieter Weinmann (Mün-
chen), Kurt Weinhold (Calw), Rudolf Weissauer (München), Karl Weißgärber (Frankfurt), Conrad Westphal (München), Prof. Frans Masereel (Nizza).

Ausstellungsorte und Veranstalter im Jahre 1958:

München, Universitätsreitschule. Nürnberg, Sigenaschule. Stuttgart, Lindenaumuseum.

Im Jahre 1959:

Hamburg, SPD-Parteihaus, anschließend im „Ständigen Kongress gegen Atomrüstung“. Karlsruhe, Kulturbund. Heidenheim an der Brenz, Konzerthaussaal. Ingolstadt, Augustiner Kellergalerie. Saarbrücken, St. Ingbert, Ottweiler. Zweibrücken, veranstaltet durch das „Komitee der Jugend gegen den Atomtod“.

Im Jahre 1960:

Mannheim Gewerkschaftshaus. Nürnberg, Berufsschule I. Düsseldorf, in der Geschäftsstelle der „Neuen Ruhrzeitung“, Hamburg-Bergedorf, Ausstellungshalle Rathauspark.

Im Jahre 1961:

Marl, im Kulturzentrum „Die Insel“. Göppingen, Konferenzsaal der Stadthalle, Oberhausen, veran-
staltet durch Studentengruppen. Ansbach, Haus der Volksbildung. Kleve, Städtisches Museum. Kempen-Krefeld, Heiligengeist Kapelle. Lobberich, Kreisberufsschule. Frankfurt, Galerie Benno Walldorf.

Im Jahre 1962:

Teilausstellung zu den Parkfestspielen in Potsdam. Die Fotos aller Arbeiten auf der Leipziger Mes-
se. Ausstellung in den Heimen der Naturfreundejugend in Nordrhein-Westfalen.

Die Ausstellungsleitung sendet die Graphiken und Bilder auf Anforderung zurück. Sie bittet alle Teilnehmer zu überlegen, ob nicht einzelne oder alle Arbeiten der Ausstellungsleitung zur Deckung der Unkosten und des immer noch klaffenden Defizits überlassen werden können. Wir bitten Sie in diesem Falle um Nachricht. Dieser Bericht wird allen Teilnehmern an der Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ zugeschickt.

Augsburg im Mai 1963
Für das Ausstellungskomitee: Carlo Schellemann


tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 21 vom Juni 1963, unpag.

Überraschung

Jahr: 1958
Bereich: Kunst/Kultur

Referenzen