Flusslandschaft 1958

Kunst/Kultur

LITERATUR

2. Juli: „Um 13.20 Uhr kommt Oskar Maria Graf auf dem Flughafen München-Riem an. Die Stadt hat den bei Starnberg geborenen und seit 1933 im Exil lebenden Schriftsteller zur 800-Jahr-Feier eingeladen. Graf lebt seit genau zwanzig Jahren in New York.“1 Gisela Graf, seine Witwe, berichtet im Juli 1992 bei einem Gespräch in der Villa Waldberta in Feldafing am Starnberger See: „Nicht einmal zur 800-Jahr-Feier von München wurde er eingeladen. Erst als amerikanische Professoren eine Petition an die Stadt gerichtet hatten, wurde er eingeladen … Er ist dann mit Verspätung angekommen, es war niemand mehr am Flugplatz außer seiner Familie, und er musste sich draußen auf dem Land selbst ein Zimmer suchen.“2

Der am Starnberger See geborene Oskar Maria Graf (1894 — 1967) kehrte 1933 von einer Lesereise nach Wien nicht mehr nach Deutschland zurück. Nach der „Bücherverbrennung“ der Nazis im Mai 1933, bei der seine Werke nicht dabei waren, veröffentlichte Graf in der Wiener Arbeiter-Zeitung seinen Protest „Verbrennt mich!“. 1938 emigrierte Graf in die USA, wo er bis zu seinem Tod leben sollte. Bei seinem München-Besuch 1958 kommt es zum Eklat, weil er bei seiner Lesung im Cuvilliéstheater am 22. August in der Lederhose auftritt. Die ersten Reihen im Zuschauerraum waren nicht besetzt; von der Stadt München war offiziell niemand erschienen.3

Am 10. September liest er aus seinen Werken im Gewerkschaftshaus an der Schwanthalerstraße 64 und trifft hierbei einige Kolleginnen und Kollegen, die er noch aus der Zeit von vor 1933 kennt. Auf die Frage, warum er nicht dableiben möchte, antwortet Graf: „Hierbleiben? Auf keinen Fall. Ich könnte hier nicht atmen, wo die Mehrheit so satt und selbstzufrieden dahinlebt. Die Situation hier erinnert mich geradezu unheimlich an die Jahre vor 1933! Ich bin heute eigentlich Herrn Hitler dankbar, dass ich wegen ihm herausgekommen bin in die weite Welt. Man sagt mir immer, dass wir draußen in der Emigration stehen geblieben seien. Aber in welchem Maße man hier stehen geblieben ist, das habe ich mir nicht so vorgestellt.“4

BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN

Die von Carlo Schellemann initiierte Ausstellung „Künstler gegen den Atomkrieg“ wird am 22. Oktober im Reitersaal der Universitätsreitschule an der Königinstraße 34 eröffnet. Gezeigt werden Gemälde, Graphiken und Karikaturen von Albert Birkle, Willi Geiger, Walter Habdank, Albert Heinzinger, Frans Masereel, Walter Schnackenberg, A. Paul Weber, Conrad Westphal und anderen. Auf der Ausstellung sind mit Fritz Cremer, Hans Grundig und Eva Schwimmer auch Künstler aus der DDR vertreten. In einer persönlichen Grußbotschaft gibt die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort zu bedenken, dass sie angesichts des international verfügbaren Waffenpotentials nicht an ein „Reich des humanen Menschen“ glaube, das erst „jenseits der Vernichtung seiner Gegner“ errichtet werden könne. Auf einen atomaren Krieg könne nur die „Verzweiflung des Gewissens“ und das Bewusstsein von einem „ungesegneten und vergeblichen Sieg“ folgen.5

Die Gruppe SPUR wurde im Herbst 1957 gegründet. Am 1. Januar 1958 gaben Asger Jorn und Hans Platschek das erste Flugblatt der Situationistischen Internationale (SI) in der Galerie van den Loo in der Maximilianstraße heraus.6 – Im November 1958 entsteht das Manifest der Situationistischen Internationale, einer europäischen Literatur- und Künstlerbewegung mit Schwerpunkten in Kopenhagen, Brüssel, Antwerpen, Paris und Alba (Italien). Das Manifest beginnt mit dem Satz: „Es gibt heute eine zukunftsträchtige, künstlerische Aufrüstung im Gegensatz zur moralischen Aufrüstung. Europa steht vor einer großen Revolution, vor einem einzigartigen kulturellen Putsch.“7


1 Stadtchronik, Stadtarchiv München.

2 Gisela Graf, Späte Ehre in: Friedrich Köllmayr/Edgar Liegl/Wolfgang Sréter (Hg.), Soblau. Kulturzustand München, München 1992, 38.

3 Siehe „Verbrennt mich! Ein Protest von Oskar Maria Graf“ und „Ein Anarchist in Lederhosen“ von Peter Schult/Django.

4 Hans Dollinger: „Oskar Maria Graf, ein Dichter und Rebell aus Bayern“ in Martin Gregor-Dellin/Wolfgang R. Langenbucher/Volker Schlöndorff (Hg.), Das andere Bayern. Lesebuch zu einem Freistaat, München 1976, 46.

5 Siehe „Künstler gegen Atomkrieg. Ein Schlussbericht“.

6 Die Geschichte der situationistischen Bewegung beginnt Anfang der fünfziger Jahre im Frankreich von Sartre oder Camus. Sie ist eng verbunden mit der Person von Guy Debord. Eine seiner Beobachtungen: „Das gesamte Leben der Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, hat sich in einer Repräsentation entfernt. Die Kritik, die die Wahrheit des Spektakels trifft, entdeckt es als sichtbare Negation des Lebens; als eine Negation des Lebens, die sichtbar geworden ist.“

7 Siehe das „Manifest der Gruppe SPUR“.