Materialien 1969
Vorwort zu »Prophets of Deceit«
Die »Propheten der Täuschung«, der Agitator, der Demagoge, der nach Veränderung ruft (jeden-
falls nach dem, was er dafür hält): nach Sauberkeit, Ausmerzung, Erneuerung, nach Rückkehr oder Hinwendung zu etwas Besserem oder Reinerem, zu den ursprünglichen amerikanischen Werten, der amerikanischen Frömmigkeit, der amerikanischen Sauberkeit – spielt dieser Agitator noch eine Rolle im politischen Leben der Nation? Derjenige, der die tiefverwurzelte Misere angeblich zum Ausdruck bringt und dann ausnutzt – die Frustration und das Unglück der unterdrückten Bevölkerung, ihre wirklichen Mißstände – mißbraucht sie, um sich dann als Retter und Führer anzupreisen. Er will der Einzige sein, dem die Menschen trauen können. Er will der Einzige sein, der sich von allen anderen Führern, Politikern, Vertretern und Bossen unterscheidet. Ist der Agi-
tator überhaupt noch zu erkennen, unter all den respektierten, akzeptierten und anerkannten Poli-
tikern und Bossen, wenn diese ihre Ausschüße oder Büros verlassen und »zu den Leuten« gehen, »um Stimmen werben«, für Wahl oder Wiederwahl »kämpfen«?
Wenn wir den Agitator der dreißiger oder vierziger Jahre, mit dem sich dieses Buch beschäftigt, mit den legitimierten Politikern von Heute vergleichen, so scheint die Verschiebung von Ziel, Ton und Vokabular nur minimal zu sein. Die Unterschiede zeigen, wohin diese Modifizierungen in Wortwahl, Tonlage und Taktik führen. Sie zeigen den Weg, den diese Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten zurückgelegt hat. Was auf diesem Weg geschah, ist die Einverleibung des Agita-
tors in den legitimierten Politikapparat. Im Sinne der Legitimität und der Verfassung war der Agitator ein Extremist (wie der Typ, der in diesem Buch beschrieben ist: ein Extremist der Rech-
ten).
Er blieb ein Außenseiter, es sei denn, dass er es »geschafft hat«, den Apparat in Übereinstimmung mit seinen und mit den Zielen der Interessengruppe zu bringen, die diese unterstützen. Aber seit es dem Kapitalismus gelungen ist, die Organisation der Gesellschaft zu modernisieren und zu verfes-
tigen, seit es ihm zum Schutz seiner Macht gelungen ist, einen teuren und brutalen Krieg zu füh-
ren, der eine geistige und physische Mobilisierung der Menschen erforderte, und seitdem die ge-
fährlich spontane Rebellion der Menschen in den Ghettos und der jungen Intelligenz eine echte Bedrohung für das System geworden ist, kann man den Unterschied zwischen Außenseiteragitator und legitimierten Politikern, zwischen der extremen Rechten und der Mitte nur noch schemenhaft erkennen.
Heute müssen wir einige wesentliche Grundzüge des Agitators als die des politischen Establish-
ments feststellen. Die soziale Infrastruktur, die Hauptquelle der Agitation, der »Hintergrund der Verführung« ist dieselbe geblieben: die Ausnutzung der vorherrschenden Frustration in der Form, dass sie über die Ursachen und die Abschaffung der Unzufriedenheit hinwegtäuscht; ein diffuser Appell, der an alle Amerikaner als »potentielle Gefolgschaft« gerichtet wird, weil schließlich jeder Amerikaner mit politischen und wirtschaftlichen Kräften konfrontiert ist, die sich hinter seinem Rücken abspielen. Es sind Kräfte, denen er zwar mit Recht mißtraut, die er aber trotzdem nicht beherrschen kann; und letztlich: der Feind, der überall lauert und jeden Amerikaner bedroht, der die Partei und die Presse infiltriert, das Büro und das Geschäft, die Regierung und den Staaten-
bund, die Schulklasse und das Schlafzimmer.
Wenn sich schließlich der »Prophet der Täuschung« als »Anwalt des sozialen Wandels« aufspielt, der in Wirklichkeit gar keiner ist, weil er eher empfiehlt »Menschen zu eliminieren als die politi-
schen Strukturen zu verändern«, dann sind die Führer der etablierten politischen Parteien in der Wahlschlacht: Alles wird in Ordnung kommen, wenn erst die alten Führerfiguren gegangen und die Neuen angetreten sind. Sicher muß davon ausgegangen werden, daß es mehr oder weniger immer so war. Aber genau dieses »mehr oder weniger« beschreibt die strukturelle Tendenz.
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Ein diagnostischer Blick auf die latente Bedrohung der Demokratie (Max Horkheimer 1949)
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Dafür steht heute der korporative Kapitalismus, der nun im krassen Widerspruch zu der traditio-
nellen Ökonomie und den politischen Institutionen steht: freies Unternehmertum, freier Wettbe-
werb, freier Austausch von Ideen, Demokratie. Der Widerspruch ist so eklatant, daß die Orwell-
sche Sprache zur Alltagssprache geworden ist, zur normalen Welt des politischen Diskurses. Die Umkehrung des Sinns und die doppeldeutige Sprache wurde auch in Handlungen transformiert: Engagement für den Frieden durch Bomben ünd Feuer, Interventionen, die als solche nicht be-
nannt werden, in Dutzenden von Ländern; Garantie der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, während Demonstranten und Sprecher niedergeschlagen werden. Diese Umkehrung in Wort und Aktion, dieser »Widersinn« ist insofern rational, als er das System schützt und dessen Prosperität erhält.
Aber diese Rationalitat ist in sich selbst irrational. Sie fordert die »Normalisierung« des Irratio-
nalen als politisches Mittel, als Methode der Integration. Das psychologische Material des Agita-
tors ist eingebettet in das der etablierten Machtstruktur. Der Konservatismus, der die existieren-
de Macht verewigt, tendiert dazu die extreme Rechte zu assimilieren. Aber diese verschwindet nicht, sondern wird verschwenderisch finanziert. Einige dieser Gruppen genießen hohes Ansehen, andere gelten als Organisationen von Spinnern am Rande der Gesellschaft. Aber sie alle stellen sich den verschärften Machtkämpfen der legitimierten Politiker und ihrer Medien. Wie auch immer: dieser Transfer des Agitators von Außen nach Innen, von den Rändern zur etablierten Ordnung, fordert auch einen bestimmten Wechsel in seinem Arsenal. Auch sie betonen die ver-
ordnete Solidarität, die ldentifikation der Beherrschten mit den Herrschenden, die »Integration«, die für den korporativen Kapitalismus im derzeitigen Stadium so charakteristisch ist.
Gegenüber vorhergehenden Phasen der Agitation – der vorherrschende Ausschluß bestimmter Zielgruppen – erfordert dies nun eine Imageveränderung der Führerfiguren und einen Wechsel von radikalen zu konservativen Slogans. Der Antisemitismus, der in diesem Buch von großer Bedeutung ist, soll nicht Teil der legitimen Agitation sein, ebensowenig andere Formen des Rassismus (dieser erscheint dann eher in kaum verschleierter Form in der Propaganda und den Reportagen gegen den Vietcong, die Nord-Koreaner usw.). Der sich für rechtmäßig haltende Politiker »erniedrigt« seine Anhängerschaft nicht, er verweist nicht auf deren Minderwertigkeit und seine Überlegenheit.
Im Gegenteil: je kumpelhafter er spricht, je »gewöhnlicher« er aussieht und sich als »einer von ihnen« aufspielt, die gleiche Gesprächsebene einhält, indem er ihre Bedürfnisse, Werte, Sehnsüch-
te teilt, um so besser sind seine Zukunftsaussichten, um so größer ist seine Popularität. Schließlich der Umschwung zu den konservativen Slogans. Der Feind, unentbehrlicher Faktor für nationale Einigkeit und inneren Zusammenhalt, droht auch im eigenen Land. Die radikale Jugend, die fünfte Kolonne des äußeren Feindes, diffamiert unsere Werte, zerstört unseren demokratischen Prozeß, besudelt unsere Reinheit, mißachtet unsere Moral. Angesichts dieser Lage gilt es, das was wir hat-
ten und das, was ist zu bewahren. »Gesetz und Ordnung« wird nun das Erkennungszeichen für Freiheit. Die wetteifernden Führerfiguren übertreffen sich gegenseitig in ihren Versprechungen: X wird in der Durchsetzung davon viel effizienter sein, als Y, Z und all die anderen.
Genau dieses »durchsetzen« normalisiert und übersetzt einen großen Teil der Gewalt als gerecht-
fertigt, die der Agitator unrechtmäßig heraufbeschwört: die Polizei ist bei einigen Gelegenheiten zu der paramilitärischen Kraft der Unterdrückung geworden, wovon der Agitator immer träumt. Aber legitimierte Gewalt muß nicht .als Gewalttätigkeit auftreten. Die widersinnige Sprache transferiert die Bedeutung des Wortes und macht es zu einer Eigenschaft derjenigen, die protestieren und sich gegen die Gewalt verteidigen. Unterdessen arbeitet die Sprache der Medien kontinuierlich an der Normalisierung der Gewalt. »Die verbale Raserei des Agitators ist nur ein Probedurchlauf für die Raserei in der Wirklichkeit« – ist diese Behauptung nicht auch ein Hinweis auf die Verwirklichung normalisierter Gewalt in noch größerem Maßstab?
Die Quellen, die der Agitator benutzt – individuelle und soziale – sind noch nicht versiegt. Aber sie wurden in verschiedene Formen der Nutzung kanalisiert. Sie wurden normalisiert und werden von legitimierten Politikern wiedererkannt. Die Differenz in der Anwendung von den traditionellen Parteien und dem neuen Herausfordern der Rechten, zieht die feine Trennungslinie zwischen to-
taler Unterdrückung und demokratischer Bindung. Noch ist es nur der Rand des politischen Estab-
lishments, der das rohe Material des protofaschistischen Gefühls im Munde führt. Der Kontrast zwischen dem autoritärer werdenden Establishment und den Anstrengungen der extremen Rech-
ten dies vielleicht zu erobern, könnte mit der Behauptung untermauert werden, daß zwei der drei Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf 1968 »Wähler« hatten. Der dritte hatte »Anhänger, eine Gefolgschaft«. »Die Gefolgschaft« hat sich dem Führer, der das Ende der Enttäuschungen versprach, vollständig ausgeliefert, während die Wähler sich immer noch eine Überprüfung der Überlegungen der Entscheidung vorbehalten. Die Tatsache, daß der dritte Mann keinen Erfolg hatte, deutet an, daß es immer noch Zeit und Raum gibt, um den Kampf gegen die Mächte und Interessen zu intensivieren und zu organisieren, die die inhumanen Bedingungen verewigen und zum Aufstieg der »falschen Propheten« führen.
Das tief verwurzelte »allgemeine Unglück«, das unbewußte und halb-bewußte Wissen, daß dieses Universum von Aufschwung, Komfort und Aggression völlig unnötig und irrational ist, wird in diesem Buch, das vor zwanzig Jahren geschrieben wurde, analysiert und beschrieben. Der unge-
brochene Fortschritt auf dem Weg zu noch mehr Wachstum, noch mehr Komfort und gesteigerter Aggression, scheint mit dem Fortschreiben dieses Unglücks Hand in Hand zu gehen – mit einer Hartnäckigkeit, die die Aktualität dieser Studie bestätigt.
Herbert Marcuse, La Jolla, Californien, August 1969 (Aus: Prophets of Deceit. A Study of the Techniques of the American Agitator; by Leo Lowenthal and Norbert Gutermann, with a foreword by Herbert Marcuse. Pacific Books, Publishers, Palo Alto, California 1970, p. V-VIII.) Übersetzung: Peter-Erwin Jansen
links. Sozialistische Zeitung 274 vom März 1993, 41 f.