Materialien 1960

Uns Toten ohne Ruh


Werk VII: Will Elfes, Entwurf für das Mahnmal in Dachau, Beton, Höhe 70 cm.

Dem Internationalen Dachau-Komitee liegt in diesen Wochen ein künstlerisches Projekt zur Begutachtung vor, dessen Verwirklichung der großdeutschen Mörderzentrale endlich den gerechten Denkstein setzen würde. Übereinandergeschichtete SS-Opfer, die zu einem menschlichen Scheiterhaufen aufgetürmt sind, sollen nach den Vorstellungen des Münchener Bildhauers Will Elfes (36) eine überlebensgroße Betonstele im Zentrum der Eingangshalle eines geplanten Dachau-Museums bilden. Elfes will bewusst mit seinem Entwurf an die empfindlichste Stelle der ungeheilten Vergangenheit rühren. Inmitten der heute wieder viel zitierten „Heimat“ und im Hinterland des Hitlerkrieges wurden von Volksgenossen Millionen von Menschen aller Nationen, aller religiösen, politischen und sittlichen Oberzeugungen eingesperrt, ausgehungert, gefoltert, erschlagen, vergast, als Brennmaterial verheizt.

Genau an diesem Punkt setzt Elfes künstlerischer Plan ein: Die Verbrennungsöfen von Auschwitz mit ihrer menschlichen Fütterung, die Todesgruppen aus den Gaskammern, die Schuh- und Kleiderberge der schwarzen Altmaterialsammler- in Berichten, Fotos, Zeichnungen – einer sprachlosen Welt vorgehalten – verdichten sich zur Modellformulierung: Turm der Opfer.

In einer komplizierten, auf vier Hauptseiten mit verbundenen Ecken angelegten Komposition schichtet Elfes die Opfer der abertausend deutschen Eichmänner auf. Die Horizontale herrscht vor, doch sind durch hockende und hängende Leiber kraftvolle Gegenrichtungen wirksam. Die weitüberlebensgroße Betonausführung (eine Maximalhöhe von 3 – 4 m wäre zu erwägen) soll eine etwas detaillierte Einzelmodellierung mit großzügig durchgestalteten Gliedern aufweisen. Eine naturalistische Lösung verbot sich bei dieser Idee ganz von selbst: nicht nur wegen der mangelnden statischen Überzeugungskraft, vor allem auch wegen des mahnenden Ausdrucks, der als Hinterlassenschaft des dritten Reiches von diesem anonymen Totenberg ausgeht.

In der besonderen architektonischen Festigung und Vereinfachung der Gestalten in der Komposition ist die innere Klärung des Themas angestrebt.

Das Monument unterscheidet sich von allen Schreckensfotos nazistisch verheizter Opfer in den Konzentrationslagern durch die geistige Ordnung, die künstlerische Fügung des weggeworfenen Menschenkörpers. Sie wirkt zugleich tröstlich gegenüber dem Fotochaos, das lediglich Dokument bleibt, und als gesteigerte Erinnerung an planmäßigen und berechnenden Massenmord.

Man diskutiert gegenwärtig gewisse Einwände gegen den Entwurf (der übrigens freiwillig, ohne Auftrag und Förderung entstand), die nach einen heroischen und weltanschaulich bestimmteren Lösung drängen. So verständlich solche Wünsche sind – war Dachau doch als die Leidensstation der konsequentesten Hitlergegner bekannt – so sehr enthalten sie die Gefahr der Einengung der Möglichkeiten eines Dachau-Monumentes. In einem Staat, der Widerstandskämpfern und Hitleropfern nur widerwillig, Sonderrichtern aber großzügig Unterstützung gewährt, der überdies alle Spielarten des Revanchismus aufkommen lässt, gilt es vor allem, mit einem internationalen künstlerischen Symbol auf breitester geistiger Front die Schande und das Ergebnis solcher Politik publik zu machen.

Der Entwurf Elfes verspricht hier starke und nachhaltige Wirkung. In seltsamer Übereinstimmung formuliert ist ein solches Denkmal besonders plastisch die Verse, die Aragon seinen ermordeten Landsleuten in den Konzentrationslagern widmete:

Uns Toten ohne Ruh
bleibt nichts als dieser Stein.
Der Namen sind zuviel,
sie Reih an Reih zu pressen;
und schweigend graben wir
ins Herz euch ein:
Niemals vergessen!


tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 7 vom Februar 1961, 8 f.

Überraschung

Jahr: 1960
Bereich: Kunst/Kultur

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