Materialien 1962

Ein Leimsieder war er nicht ...

München verbannt kritische Kunst

Im Auftrag der Stadt München schuf der Bildhauer Alexander Fischer anstelle eines im Krieg eingeschmolzenen neoklassizistischen Denkmals ein neues; darzustellen war Aloys Kreittmayr (1705 – 1790), weiland Jurist und 40 Jahre lang kurfürstlich bayrischer Ratskanzler. Die Stadt zahlte als Honorar an den Künstler 15.000 Mark, an die Gießerei 19.000 und für den neuen Sockel 10.000 Mark. Doch die drei Meter hohe Bronce-Figur wurde nicht aufgestellt – es war Streit um sie entstanden.

Als erster nahm der Kulturausschuss des Stadtrats Anstoß an dem Bildwerk – und zwar seiner künstlerischen Form wegen. Unter Führung seines Nestors, des Bürgermeisters a.D. Walther von Miller, suchte der Ausschuss Argumente gegen die Aufstellung des Denkmals. Sie ergaben sich, als die „Liga für Menschenrechte e.V.“ unter Führung des gewesenen SPD-Ministers Friedrich Zietsch gegen die Denkmalsehrung protestierte, da Kreittmayr die Folter in sein bayrisches Strafprozessrecht aufgenommen hatte.

Auf diese Weise geriet die plastische Form der Fischerschen Figur außer Diskussion – es ging jetzt nur noch um die Person Kreittmayr. Man holte rechtsgeschichtliche Gutachten von Universitätsprofessoren ein, die Zeitungen brachten Leserbriefe. Die sittlichen Argumente der „Liga“ waren stärker. – Als Helfer in der Not erwiesen sich der Pfarrer des Dörfchens Offenstetten im Kreis Kelheim und der dort ansässige Botschaftsrat Schlitter: dort war Kreittmayr gestorben, und nun wollte man sich die in München unerwünschte Plastik gerne schenken lassen. Die Stadt München beschloss den Schenkungsakt, musste aber auf Verlangen des Künstlers einer Aufstellung im Rahmen der „Großen Kunstausstellung“ vor dem Haus der Kunst und einem weiteren Auftragsversprechen an Fischer zustimmen.

Vor der Wand des Hauses der Kunst geschah nun das, womit viele nicht gerechnet hatten: die Plastik bewährte sich. Ende Juli ging bei der Stadt ein Schreiben ein, das von ortswichtigen und bedeutenden Persönlichkeiten unterzeichnet ist: sie setzten sich für ein Verbleiben des Denkmals in München ein. Eine „gemischte“ Gesellschaft fand sich da zusammen: Abt Dr. Hugo Lang, die Akademieprofessoren Georg Brenninger, Sep Ruf, Josef Oberberger, Franz Nagel, Josef Henselmann und Adolf Hartmann, dazu Franz Roh und Will Grohmann, Prof. Gustav Hassenpflug von der TH, Philosophie-Professor Ernesto Grassi, die Museumsdirektoren Prof. Dr. Müller, Dr. Halm und Hans Eckstein und andere. Sie machten wieder aufmerksam auf das, worum es eigentlich ging: die künstlerische Frage.

Wir sind es gewohnt, als Denkmäler nur Heroisierungen oder völlig neutrale Darstellungen zu kennen. Gemeinhin pflegt das Schöne, Gute, Edle hervorgekehrt zu werden. Gegen diesen Brauch hatte Fischer gröblich verstoßen. Er kennt nämlich seinen Kreittmayr und hat die mögliche Kritik an dessen politischer und gesetzgeberischer Tätigkeit durchaus verarbeitet. Er wusste, dass Kreittmayr einerseits ein verdienstvoller Mann war, dass aber andererseits z.B. unter ihm Leute „verschwanden“. So ein Mann kriegt nun wieder ein Denkmal“, sagt er, Körperlichkeit und Charakter dieses Mannes wollte er so darstellen, wie sie waren und ( in Porträt und Texten) überliefert sind: „Ich konnte nicht abmildern, sondern musste gesteigert zeigen, was wirklich war. Ein Leimsieder war der Kreittmayr gewiss nicht.“ Und es gelang Fischer ein Werk des kritischen Realismus, eine expressiv-dramatisch sich gebärdende Figur, wie wir sie von unseren Denkmälern nicht gewohnt sind. Ein Werk im Geiste Rodins: in seinem malerisch bewegten Impressionismus und seiner Kunst der Charakterisierung. Ein Daumier, ein Goya könnten Pate gestanden haben. So etwas stößt aber auf Widerstand. Harmonische Ruhe und Glätte sind wohl erwünscht, stilisierter Eklektizismus mit seinem reichen Angebot vorwiegend aus Romanik, Archaik, Renaissance und Klassizismus. Ein kritisches Kunstwerk aber muss unterdrückt werden? Hätte Fischer etwas Neutrales, statuarisch Ruhendes geschaffen, eine hoheitsvolle Figur mit langem Mantel und einem stilisierten strengen Gesicht, etwa in der Art von Gerhard Marcks – niemand hätte wohl „Anstoß“ genommen. Was Rodin in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts tat, unternimmt auch Alexander Fischer: er bricht mit einer Überlieferung in der figürlichen Plastik. Er weiß, dass ihm dies nicht nur Freunde schafft und seine Position erschwert.

Reinhard Müller-Mehlis


tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 16 vom Oktober 1962, unpag.

Überraschung

Jahr: 1962
Bereich: Kunst/Kultur

Referenzen