Flusslandschaft 1962

Kunst/Kultur

BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN

Dieter Kunzelmann intensiviert seine Kontakte mit Christofer Baldeney (theologische Vergan-
genheit, liest psychoanalytische Literatur und Herbert Marcuse) und Rodolphe Gasché (Luxem-
burger, Soziologie-Student), und bringt mit ihnen die Unverbindlichen Richtlinien I (1962) und II (1963) heraus. Im September trennt sich Kunzelmann von der Gruppe SPUR „wegen ideologischer Differenzen“. – Ab April 1965 arbeitet die Gruppe SPUR mit der Gruppe WIR zusammen und gibt im Dezember die Zeitschrift „SPUR-WIR“ heraus. Im Frühjahr 1966 schließen sich beide Gruppen zu der Gruppe „Geflecht“ zusammen. Siehe auch „Alternative Medien“.

Die Liga für Menschenrechte e.V. protestiert gegen die Aufstellung eines Denkmals für Aloys Kreittmayr.1

FILM

„Mach’ dir ein paar schöne Stunden, geh’ ins Kino.“ Dieser Slogan begleitet die meisten deutsche Filmen der 50er Jahre. Der kommerziell sehr erfolgreiche, aber anspruchslose „Heimatfilm“ lenkt ab vom Alltag, hilft bei der Verdrängung der Vergangenheit, klopft Rollenklischees und stereotype Handlungen fest und imaginiert ohne jeden künstlerischen Anspruch die idyllische heile Welt. Neben dieser reaktionären Unterhaltungsware haben kritische Produktionen, die inhaltlich und formal Neuland betreten, keine Chance. In Frankreich dagegen drehen Regisseure wie Jean-Luc Godard oder Éric Rohmer Streifen, die die eigene Herstellung thematisieren, den Zuschauer zur kritischen Auseinandersetzung herausfordern und neue Lebensentwürfe zeigen.

In München entstehen vergleichsweise viele Kurz- und Dokumentarfilme. In Schwabinger Kneipen hat sich um Haro Senft mit seiner 1959 in München gegründeten „Doc 59 – Gruppe für Filmgestal-
tung“ und Alexander Kluge eine Gruppe von Filmern geschart, die ein Manifest des neuen deut-
schen Films verfassen. Die Gruppe sieht es als vergebliche Liebesmüh an, damit in München an die Öffentlichkeit zu gehen. Hier befindet man sich medial in der Konkurrenz zur Yellow-Press und zur traditionellen Medienöffentlichkeit. Besser geschieht dies anlässlich der „8. Westdeutschen Kurz-
filmtage“ am 28. Februar 1962 in Oberhausen.2 Das Manifest begründet die Geburtsstunde des „jungen deutschen Films“. In den darauffolgenden Jahren wird der Begriff „Münchner Schule“3 oder „Münchner Gruppe“ meistens durch den Begriff „Oberhausener Gruppe“ ersetzt, weil die Öffentlichkeitswirkung des in Oberhausen verkündeten Manifests weit über das bisher von der Stadt München als Filmzentrum erworbene Ansehen hinausreicht.

Am 20. Juni 1962 gründen vierzehn Mitglieder der Gruppe in München eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit dem Titel „Stiftung junger deutscher Film“, die später 1965 in die öffentliche Filmförderungseinrichtung Kuratorium junger deutscher Film umgewan-
delt wurde; Geschäftsführer wird Norbert Kückelmann. In der Gründungsurkunde sind die Ziele der „Oberhausener Gruppe“ noch ausführlicher formuliert als im so genannten Manifest.4 1965 wird das Kuratorium Junger Deutscher Film gegründet.

LITERATUR

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1 Siehe „Ein Leimsieder war er nicht … München verbannt kritische Kunst“ von Reinhard Müller-Mehlis.

2 Siehe „Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962“ sowie www.oberhausener-manifest.com.

3 Für Thomas Brandlmeier gilt die „Münchner“ und „Neue Münchner Schule“ der Jahre 1962 bis 1967 als „Vorgeschichte des jungen deutschen Films“. Vor allem fällt ihm auf, dass Frauen, die in den Filmen auftreten, auf den ersten Blick wie aus den 1950er Jahren erschienen, dabei aber Dinge täten, die man ihnen nie zugetraut hätte. Ihre Widerparte wären „ausge-
flippte und versoffene Jungmänner“, die „mit der Vätergeneration permanent auf Kriegsfuß“ stünden. Thomas Brandlmei-
er: „Die Münchner Schule. Zur Vorgeschichte des jungen deutschen Films 1962 – 1968“, 64, in: Hilmar Hoffman/Walter Schobert (Hg.), Abschied vom gestern. Bundesdeutscher Film der sechziger und siebziger Jahre. Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums, Frankfurt am Main 1991, 50 – 69.

4 Vgl. dazu auch Michaela S. Ast, Der Junge Deutsche Film 1960 bis 1967. Ein Beitrag zur Genealogie. Inaugural-Disserta-
tion zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie in der Fakultät für Philologie der Ruhr-Universität Bochum, Bochum 2007. – Am Sonntag, 26. Februar 2012, findet um 11 Uhr im Münchner Filmmuseum zum 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests ein Festakt mit Produzent Rob Houver, Alexander Kluge, Ronald Martini, Produzent Hansjürgen Poland, Edgar Reitz und Wolfgang Urchs statt. Vom 29. Februar bis 27. März zeigt das Filmmuseum Kurz- und Spielfilme der Unterzeichner und ihrer Nachfolger. Siehe www.filmmuseum-muenchen.de.

5 Komma-Klub, Umschlag eines Programmzettels vom Dezember 1962, Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.