Flusslandschaft 1957

Atomkraft

In der Garchinger Heide im Norden von München wird der Forschungs- und Lehrreaktor der Technischen Hochschule am 9. September eingeweiht, am 31. Oktober geht der erste Atomreaktor der Bundesrepublik in Betrieb. „… Am 11. Januar 1957 feierte man das Richtfest des ersten westdeutschen Atomreaktors, der in Garching bei München entstand. Der Festschmaus spiegelte das unverkrampfte Verhältnis der Betreiber zur Atomkraft wider: Man kredenzte ,Uranstäbe’ (Weißwürste), ,Vorfluterbrühe mit Kerneinlage’ (Leberknödelsuppe), ,Neutronenschlegel’ (Kalbfleisch) mit Rahmsoße, ein Stück ,Fettisotop’ (Nachspeise), ,radioaktives Kühlwasser’ (Bier) sowie den schmackhaften ,Garchinger Gammadunst’, wie die Käseplatte bezeichnet wurde. Ab November 1957 lief in Garching der radioaktive Betrieb. Bald schon machte man sich im benachbarten München Sorgen darüber, was bei einem etwaigen Reaktorunfall oder bei unvorhergesehenen Vorkommnissen während des Transports von radioaktiven Substanzen mit der verstrahlten Bevölkerung geschehen solle. Im Falle einer Atombombenexplosion in der Nähe empfahlen die Behörden damals eine Art abgewandelter Vogel-Strauß-Methode: Sich zu Boden zu werfen und den Kopf mit einer Aktentasche – so gerade zur Hand – schützen. Für einen Atomunfall in Garching richtete die Stadtverwaltung 1961 im Schwabinger Krankenhaus ein Zentral-Röntgen-Institut ein. Dieses Krankenhaus kam für die Notstation für Strahlengeschädigte deshalb in Frage, weil es dem Garchinger Reaktor am nächsten lag! Offenbar unterschätzte man die Reichweite der radioaktiven Strahlung völlig. In der Stadtratsdebatte am 14. Mai 1961 über die Errichtung des Instituts entspann sich ein bezeichnender Dialog zwischen der Stadträtin Schirbl (SPD) und dem Stadtrat Holzer (CSU). Schirbl: ‚Die Münchner Frauenvereinigungen haben erst kürzlich in einer Versammlung das Problem des Schutzes der Bevölkerung vor Atomstrahlen besprochen. Sollte man nicht die ganze Bevölkerung über diese Gefahren aufklären?’ Holzer: ‚Ich glaube, bei einer derartigen Aufklärung kommt nichts heraus. Die Leute, die jetzt mit Atomstrahlen umgehen, wissen Bescheid. Und wenn wirklich einmal was vom Himmel fällt, dann wird man schon sehen, was man der Bevölkerung sagen kann.’ …“1


1 Benedikt Weyerer: „Tschernobyl war nur die bisherige Spitze. Mit Beschwichtigungen, Desinformation und Gedankenlosigkeit reagierten Politiker und Behörden schon lange vor dem Super-GAU“ In: Münchner Stadtanzeiger 16 vom 18. April 1996, 14.

Überraschung

Jahr: 1957
Bereich: Atomkraft

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