Materialien 1972

Der olympische Friede heute

München wird das friedlichste aller Friedensfeste der Neuzeit erleben. Das Gesetz zum Schutz des olympischen Friedens garantiert es. Danach erhalten die unter dem Zeichen der fünf Ringe entstandenen Sportstätten in den Bundesländern Bayern und Schleswig-Holstein Bannmeilen-Schutz. Eine Zone von 500 m Breite kann von äußeren Störungseinflüssen freigehalten werden, da die Bundesländer die Ermächtigung bekommen haben, sämtliche Aufzüge unter freiem Himmel und öffentliche Versammlungen durch Landesgesetz zu verbieten. In München, wo, wie man weiß, bei gewissen Anlässen Pistole und Knüppel der uniformierten Freunde und Helfer ohnehin recht locker sitzen, ist dem Schutz des olympischen Friedens also noch rechtzeitig das Grundrecht der Versammlungsfreiheit geopfert worden.

Wem dieser Preis zu hoch ist, der hat erstens die Beteiligung am 14tägigen bayrisch-olympischen Friedenstaumel nicht verdient und dem muss zweitens als einem potentiellen Störer schon jetzt die besondere Aufmerksamkeit aller Friedensschützer gelten. Und wer gar die aufwieglerisch anmutende Unverschämtheit besitzt zu fragen, was das denn für ein seltsamer Friede ist, der unter Androhung außergewöhnlicher Maßnahmen zustande kommt und vornehmlich auf den Spitzen der Bajonette balanciert, der sollte über durchaus gerechtfertigte Vorbeugemaßnahmen nicht erstaunt sein.

Der wirkliche Friede sei schließlich mit allen, die bereit sind, den olympischen Göttern des Jahres 1972 ihr bedingungsloses Vertrauen zu schenken. Denn: Olympische Spiele sind Spiele des Friedens, des friedlichen Wettstreits mit friedlichen Teilnehmern, friedlichen Gästen, friedlichen Zuschauern, friedlichen Funktionären. Frieden also überall. Und allen!

Harald Pieper


Foto: Sven Simon


Europäische Gemeinschaft 8 – 9 vom August/September 1972, Bonn, 24.