Flusslandschaft 1972

Olympische Spiele

„Der größte Dienst, den der Sport der Jugend erweisen kann, ist, das Vagabundieren der Phantasie zu verhindern und sie in einem Zustande, nicht der Unwissenheit, aber der Gleichgültigkeit gegen alles das zu erhalten, was in ihr eine vorzeitige Sinnlichkeit erwecken könnte.“
Baron Pierre de Coubertin, Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit1

Die Bayerische Staatsregierung plante, während der Olympischen Spiele eine Ausnahmeregelung von den gesetzlichen Ladenschlusszeiten zu erlassen. Am 21. März protestierten im Mathäser-Festsaal an der Bayerstraße 3 – 5 mehr als Tausend Beschäftigte im Einzelhandel gegen diese Absicht. Im Mai kam es zu ersten Protesten gegen den Einsatz der Bundeswehr bei den Spielen.2 Am 7. Juli erließen die Bayerischen Staatsministerien für Arbeit und Sozialordnung sowie für Wirtschaft und Verkehr die geplanten Ausnahmegenehmigungen. Betriebsrätinnen und Betriebs-
räte verhindern in einigen Geschäften die Umsetzung des Erlasses. – Wochen vor der Spielen:
An die anwesenden Bundeswehrsoldaten werden Flugblätter verteilt, auf denen zu lesen ist: „Im Ernstfall dreht die Gewehre um!“. Im Frühjahr 1974 werden zwei Flugblattverteiler „wegen ver-
suchter Zersetzung der Bundeswehr“ zu Geldstrafen verurteilt.3

Die Begeisterung für die Spiele hält sich bei Künstlerinnen und Künstlern sehr in Grenzen. Bilden-
de Künstler versuchen sich an kritischen Plakaten.4 Die „Wortgruppe München-links“, dabei unter anderem Manfred Bosch, Klaus Konjetzky, Dagmar Ploetz, Roman Ritter, Jürgen-Peter Stössel und Uwe Timm, gibt in ihren Literarischen Heften ein „Sonderheft Olympia“ heraus.5

Die Zeitschrift Europäische Gemeinschaft, die unter der Verantwortung der „Kommission der Europäischen Gemeinschaften“ erscheint, zeichnet sich durch einen überparteilichen und ausge-
sprochen kritischen Journalismus aus. Sie fasst im Unterschied zur eher kritiklos begeisterten Lokalpresse zusammen, was eine immer größer werdende Anzahl von Münchnerinnen und Münchnern an der Olympiade auszusetzen hat:
1. Die Spiele von 1948 in London kosteten 10 Millionen Mark, die in Melbourne 20, in Rom 175 und in Mexiko 784 Millionen Mark. 1965 werden die Kosten der Olympischen Spiele mit 520 Millionen veranschlagt. Der Bund übernimmt 50 Prozent, Freistaat und Stadt je 25 Prozent. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die endgültigen Kosten belaufen sich auf zwei Milliarden Mark. Am Ende berappt der Steuerzahler 686 Millionen Mark, der Anteil beim Münchner Stadtkämmerer beträgt 170 Millionen.
2. Auch die Nachfolgelasten der olympischen Bauten sind steuerfinanziert.6
3. Olympia-Architekt und Dacherfinder Günter Benisch erhält ein Honorar von etwa 13 Millionen Mark.
4. Der völkerverbindende Anspruch der Spiele kehrt sich in der Realität in sein Gegenteil. Im Olympischen Dorf leben die einzelnen nationalen Mannschaften isoliert voneinander. „Selbst innerhalb der Mannschaften wird wieder genau nach Sportarten unterschieden; was bis zur Bettenaufteilung genau die Personengruppen zusammenbringt, die sich ohnehin von Wettkämpfen her schon lange kennen.“7 Dass man sich grüßt, ist schon der Gipfel der Gefühle.
5. Der völkerverbindende Anspruch wird durch programmierte Erfolge, Medaillenspiegel und Nationenwertung aufgehoben.
6. „Sportfexerei“, bei der es sich für einseitig spezialisierte Wettkämpfer, die acht Stunden täglich trainieren müssen, um zehntel oder gar hundertstel Sekunden handelt, die über Sieg oder Nieder-
lage entscheiden, interessiert immer weniger Menschen. „Solange der Sport als Subsystem und Produkt der Gesellschaft von den Prinzipien Leistung und Konkurrenz bestimmt wird – was an sich ja nicht verwerflich ist – solange er sich also für kommerzielle, ökonomische, nationalistische oder ideologische Interessen missbrauchen lässt (oder lassen will) und das Prestigedenken unein-
nehmbaren Vorrang genießt, solange muss es gestattet sein, dahingehend Überlegungen anzu-
stellen, dass es wohl auch andere Möglichkeiten gibt, Sport zu treiben. Dass ein Erfolg in seiner individuellen und persönlichen Wertsetzung einfach Spaß macht, ohne gleich Anlass zu einem nationalen Feiertag sein zu müssen. Dass eine Bestleistung ebenso in anderen Berufen wie dem
des Sportlers erwartet wird, ohne dafür gleich das Bundesverdienstkreuz ‚ernten’ zu können.“8
7. Die Spiele sind „ein primär politischer Demonstrationsakt, ein primär wirtschaftliches Ereignis. Präziser: ein Mittel für die Repräsentation politischer Strukturen, ein nützliches Vehikel für die umsatzbesorgte Wirtschaft. Olympische Spiele, ursprünglich auf selbständigen, unpolitischen Charakter eingeschworen, werden zunehmend in mannigfaltigen Dienst genommen. Sie sind zu einer nützlichen Institution geworden, die Hilfsdienste leistet. Eine Institution, die die alten Formeln und Ideen nur noch mitschleift.“9
8. „Das Leben und Denken des Sportlers werden geprägt durch Fremdbestimmung: Regeln, diktatorische Trainer, Obleute, Schiedsrichter, Tatsachenentscheidungen. Widerspruch ist nicht erlaubt. Dieses hierarchische, auf Un-Demokratie aufgebaute Sportsystem verinnerlichen die Sportler durch jahrelanges Praktizieren derart, dass sie eine ‚führende Hand’ geradezu benötigen, um sich zurechtzufinden. Deshalb werden sie auch zu keiner Kritik dem Staat gegenüber bereit sein. Diese Systemkonformität der Sportler und des Sports ist ein entscheidender Grund für die bereitwillige Finanzierung derartiger Monstershows durch den Staat.“10

Den Stadionsprechern war ursprünglich zugesichert worden, dass sie außerhalb ihrer eigenen Tätigkeit auch andere Wettkämpfe besuchen können. Diese Zusage wird später revidiert. Die Stadionsprecher protestieren.11

16. August: Verbot von Kundgebungen in der Fußgängerzone während der Olympiade.12 — 21. August: Taxifahrerinnen und Taxifahrer demonstrieren.13 — „Rechtsextreme und linksradikale Demonstrationen drohen während der Olympiade.“14 — Vietnam-Demo zur Eröffnung der Olympiade am 26. August.15

Die Konkurrenz innerhalb der ML-Gruppierungen treibt absurde Blüten. Am 2. September, eine Woche nach der Eröffnung, demonstrieren dreitausend Menschen am „Roten Antikriegstag“ auch gegen das Olympia-Spektakel.16 Die Demonstration hat ein Mitglied der KPD/ML (RoMo) ange-
meldet. [Zur Zeit gibt es zwei KPD/MLs, die sich nach ihren Zentralorganen „Roter Morgen“ (RoMo) und „Rote Fahne“ (RoFa) nennen.] Die Innenstadt darf von den Demonstranten nicht betreten werden. Vor dem Zug, der vom Sendlinger Tor her über die Sonnenstraße zieht, befindet sich ein Block von etwa hundert bis zweihundert jungen Männern, die alle einen Motorradhelm tragen. Sie sind Mitglieder der KPD/ML (RoMo). Auf dem Stachus ertönt plötzlich ein lauter Ruf wie ein Befehl. Der Block der Behelmten bleibt stehen, wendet sich nach rechts in Richtung Karls-
tor und marschiert auf die Polizeiabsperrung zu. Schließlich steht man sich gegenüber. Die jungen Männer holen aus ihren Jacken Prügel, die Polizisten nehmen ihre Gummiknüppel und so schla-
gen sich beide etwa zwei Minuten lang gegenseitig auf die Helme. Das Geräusch wie von Hagel oder Platzregen ist weit in die Neuhauserstraße hinein, wo viele Kauflustige flanieren, zu hören. Beide Gruppen stehen sich recht statisch gegenüber. Erst nachdem der Demonstrationszug auf der Sonnenstraße zum Stehen kommt und viele Richtung Karlstor drängen, verstärkt sich der Druck der Massen, so dass die behelmten jungen Männer durch die Polizeiabsperrung hindurch gedrückt werden. Schließlich ergießen sich einige hundert Demonstranten in die Neuhauserstraße. Es kommt zu Massenschlägereien.17 Im Nachhinein sind die Mitglieder der KPD/ML (RoMo) stink-
sauer auf die KPD/ML (RoFa), da letztere kurz nach dem Durchbruch der RoMos auf dem Stachus eine Zwischenkundgebung veranstaltet habe und damit geradezu verhindert habe, dass noch mehr Demonstranten in die Innenstadt gezogen seien.18 — Am 20. März 1973 beginnt der Prozess gegen einen Teilnehmer der „Schlacht am Karlstor“ vom 2. September 1972.19 Am 20. Juni 1973 wird er zu 1½ Jahren Gefängnis verurteilt.20

Am 5. September verlangt die DKP Flugblätter zurück, die bei ihrer Kundgebung beschlagnahmt wurden. — Am 5. September überfallen Palästinenser die israelische Olympia-Mannschaft, töten zwei Sportler und nehmen neun Personen als Geiseln. Am selben Tag findet eine Demonstration statt, die den Abbruch der Spiele fordert.21 Am 6. September scheitert eine Befreiungsaktion; es kommt zu einem Blutbad in Fürstenfeldbruck. Noch am selben Tag nehmen achtzigtausend Menschen an einer Trauerfeier teil.22 — 9. September: Verbot einer Kundgebung der KPD/ML.23 Am 10. September marschieren „Jesus-People“ der Aktionsgemeinschaft Missionarischer Dienste durch die St. Paul-Straße „gegen das Olympia-Attentat und für Frieden ohne Gewalt“.24

Wie sind die Olympischen Spiele im nachhinein für den Prozess der Stadtentwicklung einzuschätzen? Welche Auswirkungen waren mit diesem Modernisierungsschub verbunden?25


1 www.zitate.eu/de/autor/658/pierre-de-coubertin

2 Siehe das Foto von Sven Simon in „Der olympische Friede heute“ von Harald Pieper.

3 Vgl. Blatt. Stadtzeitung für München 22 vom 16. Mai 1974, 7.

4 Siehe „erwartung“.

5 Siehe „Die Spitzenleistung“.

6 OB Vogel stellt im Mai 1972 in Inzell fest: „Alle Kostensteigerungen und Projektausweitungen gegenüber den ursprünglich geschätzten Verpflichtungen der Steuerzahler trägt ein Personenkreis, der unser Mitleid nur im beschränkten Umfang verdient, nämlich der der Lotteriespieler und Münzensammler.“ Europäische Gemeinschaft 8 — 9 vom August/September 1972, Bonn, 26.

7 Harald Pieper, Das olympische Dorf, in: Europäische Gemeinschaft 8 — 9 vom August/September 1972, Bonn, 27.

8 Gerald Vogel, Die olympische Medaille, in: Europäische Gemeinschaft 8 — 9 vom August/September 1972, Bonn, 29.

9 Volker Rittner, Der olympische Unsinn, in: Europäische Gemeinschaft 8 — 9 vom August/September 1972, Bonn, 30.

10 Jens Hinrichsen, Wie ich die olympischen Spiele sehe, in: Europäische Gemeinschaft 8 — 9 vom August/September 1972, Bonn, 32.

11 Siehe „Die Stadionsprecher der Olymp. Spiele 1972“.

12 Vgl. Münchner Merkur 187/1972.

13 Vgl. Süddeutsche Zeitung 191/1972, Münchner Merkur 191/1972, tz 191/1972 und Abendzeitung 193/1972.

14 Vgl. Süddeutsche Zeitung 191/1972 und Münchner Merkur 191/1972.

15 Vgl. Süddeutsche Zeitung 196/1972, Münchner Merkur 196/1972, tz 197/1972 und Abendzeitung 198/1972, siehe „26. august“.

16 Siehe „2. — 3. september“.

17 So die Erinnerung des Verfassers dieser Zeilen. Vgl. Süddeutsche Zeitung 202/1972, Münchner Merkur 202/1972, tz 203/1972 und tz 204/1972 sowie Abendzeitung 204/1972. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

18 So der Anmelder der Demonstration am 13. Juni 2010 zu G. Gerstenberg.

19 Vgl. Süddeutsche Zeitung 67/1973.

20 Vgl. Süddeutsche Zeitung 141/1973.

21 Foto: Demo für die Beendigung der Olympiade, Standort: www.einestages.spiegel.de.

22 Vgl. Süddeutsche Zeitung 205/1972, Münchner Merkur 205/1972, tz 207/1972 und Abendzeitung 207/1972.

23 Vgl. Süddeutsche Zeitung 207/1972 und Münchner Merkur 207/1972.

24 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

25 Siehe „Die Janusköpfigkeit des ‘perspektivischen Inkrementalismus’“ von Klaus M. Schmals.