Materialien 1972

Fest statt Protest

Münchner Bürgerinitiative: Party für den Nachbarn

Auf der Straße wurde getanzt, jung und alt durcheinander und miteinander, dazwischen hüpfen Kinder. Von den Tischen und Bänken, die in vielen Reihen mitten auf der Fahrbahn standen, wurden Regenspuren weggewischt, man nahm die Bierkrüge in die Hände und prostete sich zu. Das spielte sich mitten in München ab; in der zum Teil für den Verkehr gesperrten Türkenstraße feierte die Maxvorstadt ihr erstes Bürgerfest.

Sechs- bis siebentausend Leute kamen, sahen nicht nur zu, sondern machten mit. Die türkischen Familien, die hier wohnen, mochten sich zum erstenmal als Gäste und nicht als Fremde gefühlt haben. Bürger hatten für ihre Mitbürger diese Straßenparty ausgerichtet, es gab keine technischen Rummelplatzattraktionen, keinen Profit und auch keine Rauferei. Ein totgesagtes Viertel zeigte, dass es lebt.

Die Münchener „Maxvorstadt“ – eher ein städteplanerischer als ein volkstümlicher Begriff – ist langst keine Vorstadt mehr, sondern dicht bebaute Innenstadt. Im allgemeinen rechnet man dieses Viertel zu Schwabing, hier ist die Universität, die sich immer mehr ausdehnt, und an Stelle vieler alter Wohnhäuser sind Verwaltungsbauten aus Glas und Beton entstanden.

Eine (ausnahmsweise tatsächlich) überparteiliche Bürgerinitiative, die „Aktion Maxvorstadt“, kon-
stituierte sich vor mehr als einem Jahr mit dem Ziel diesen Stadtteil als Wohnviertel zu retten. Man veranstaltet informative Ausstellungen, korrespondiert mit Stadtrat und Landtag, besucht die Bewohner abbruchgefährdeter Häuser und versucht, ihnen zu raten und zu helfen, so gut es geht. Die Idee zu einem Fest kam dem Mit-Initiator der Bürgerinitiative, dem jungen Kaplan Rolf Dantscher. „Wir wollten das Selbstvertrauen der Bürger stärken und wir wollten ihnen wieder so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl geben“, sagt er.

Im „Festkomitee“ wurde heftig gestritten, ob man nun eher progressive oder mehr konservative Unterhaltung bieten sollte. Die Gemäßigten setzten sich durch, und der Erfolg gab ihnen recht.

Mittags um eins wurde angefangen, die ersten Kinder probierten die von Kindern betriebene Wurfbude aus, wo unter höllischem Geschepper nicht leere Konservendosen, sondern altes Ge-
schirr zu Boden und zu Bruch ging. Man hatte alte Klamotten gesammelt, die auf einem Minifloh-
markt zu Minipreisen versteigert wurden (der Erlös kommt dem Gemeindekindergarten zugute), Kinder konnten Fußball spielen und Plakatwände bemalen, junge „Maxvorstädter“ halfen ihnen dabei mit Engelsgeduld.

Die Bläser der Pfarrei, sonst eher auf Barockmusik eingespielt, hatten sich als Bayernkapelle ver-
kleidet und steuerten viel Uriges bei; eine Studentenkapelle spielte Dixieland und ein emeritierter Biologieprofessor hatte Moritatenverse verfaßt, die von Studenten schön-schröcklich vorgetragen wurden.

Je später es wurde, desto mehr war los. Die Erwachsenen veranstalteten Spiele, etwa ein Tauziehen Türken gegen Studenten, und viele meinten: „Warum nur können wir nicht immer so sein?“ Wild-
fremde boten anderen einen Platz unter ihrem Regenschirm an, als es gewitterte, über laute Kinder wurde gelacht und nicht geschimpft, und stadtbekannte Jungsozialisten und Leute von der Jungen Union – sonst erbitterte Feinde im derzeitigen Stadtratswahlkampf – schleppten einträchtig Bänke miteinander. Drei Rocker, die abends auf dem Plan erschienen, legten bald die Fahrradketten aus der Hand und feierten mit. Um zehn Uhr wurde das Fest mit großer Mühe beendet, jedenfalls das auf der Straße. Man hatte ein ganz neues Nachbarschaftsgefühl – zumindest geprobt.

Cornelia Jacobsen


Die Zeit 23 vom 9. Juni 1972.

Überraschung

Jahr: 1972
Bereich: Stadtviertel

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