Materialien 1973

Ein Fest für's Volk


Theater die „roten Rüben“ in München:
Abtreibung verweigert, ein Mädchen springt verzweifelt in den Olympiasee.

In München fanden sich vor zwei Monaten elf freie Gruppen und Einzelakteure zur Volkstheater-Front zusammen. Vom ersten öffentlichen Auftritt berichtet Roman Ritter.

Am letzten Samstag im Juni wurden im Münchner Nationaltheater einigen hundert Kulturbürgern die festlichen Klänge von Smetanas „Verkaufte Braut“ verkauft. Wer seinen lieben Kleinen nachmittags ein paar besonders schöne wirklichkeitsferne Stunden bieten wollte, konnte ihnen auch im Puppentheater vorführen lassen, wie die Prinzessin den sprechenden Frosch aus dem Schlossbrunnen an die Wand donnert oder der Knüppel aus dem Märchensack springt. Ein festlich gestimmtes Publikum hatte auch die Möglichkeit, einen Kammermusikabend im Schleißheimer Schloss zu goutieren. Eben das übliche im Kulturbetrieb hierzulande: Kultur unter Ausschluss der Mehrheit, die sie bezahlt und um ihr Recht auf Selbstverwirklichung betrogen wird. Kultur auch als besonders sublime Form der Verführung Minderjähriger.

Aber an diesem Tag gab es auch eine Alternative. Es fand ein wirkliches Fest fürs Volk statt, veranstaltet als erster öffentlicher Auftritt von der „Münchner Volkstheater-Kooperative“ (VoKo). Der Frosch, der dort herumhüpfte, wurde nicht an die Wand gedonnert. Es war ein kleiner Junge, der die festliche Möglichkeit, aus großen Töpfen mit Farbe zu pantschen, ausgenutzt hatte, um sich über und über grün anzumalen. Es gab aber auch blaue, gelbe und rote Farbe, mit der sich eine Menge Kinder je nach Geschmack und kindlichem Bedürfnis verzieren konnten, viele sicher zum ersten Male so ausgiebig („Dös wasch i oba erst dahoam wieda ob“).

Die Mitglieder der Theaterkollektive „Transparent“ und „Oppodeldok“ sangen und spielten mit den Kindern, veranstalteten improvisierte Rollenspiele und Malaktionen. Das Bild war bunt, auch als Hörbild. Es gab Rock, Songs und Lieder mit und ohne Rückkopplung. Den Rock vom „Montags-Theater München“, das auch schon Beat-Kabarett und Jugendsendungen im Fernsehen produziert hat. Die Lieder und Songs vom Liedermacher EKKES und der „Münchner Songgruppe“ („Das Bayernland ist wunderschön / Viel Berge gibt es da und Seen / Doch Strand und Ufer sind – ’zefix – / Fast überall Privatbesitz …“).

Es gab auch politisches Kabarett. „Die Bonzenbrenner“, das Laienkabarett des Kreisjugendringes München-Stadt, brannte natürlich den Bonzen eins drauf und feuerte die Lehrlinge an. Es gab auch einen großen schwarzen Hund, der eine Kabarettszene der „Hammersänger“ mit Furor verbellte. Die spontan geäußerte Vermutung, es handle sich um ein von der CSU für Störaktionen gedungenes Tier, erwies sich als voreilig: Kurze Zeit später näherte sich die antiautoritäre Kreatur schamlos, aber nicht ohne Erfolg einer Dackelhündin – die Stimmung war einfach bei allen gut.

Auch diese Darbietung fand großen Anklang bei einem Publikum, unter dem samstäglich weiße Perlonhemden mit Krawatte ebenso zu finden waren wie „Fuck for peace“-Parkas, nackte Oberkörper und hennarote Haare ebenso wie Trachtenjanker; es gab eine Oma mit Sonnenschirm, neugierige Touristen und überraschte einheimische Spaziergänger.

Gegen Abend kam es sogar noch zu einer dramatischen Zuspitzung: Ein dünnes, armes und verzweifeltes Mädchen sprang in selbstmörderischer Absicht in den Olympiasee, weil ein ebenfalls anwesender feister Frauenarzt ihre Schwangerschaft nicht unterbrechen wollte, nicht einmal, nachdem sie ihn notgedrungen drübergelassen hatte. Das Mädchen konnte aber schwimmen, stieg wieder aus dem Wasser und sang dann noch den agitativen Schlußsong des Stücks „Frauenpower“ mit. Die „Straßen- und Cafe-Revue“ wurde von den weiblichen Mitgliedern der Lebens- und Schauspielergemeinschaft „Rote Rüben“ selbst produziert und uraufgeführt. Sie spielten gegen den § 218 und die Unterprivilegierung der Frau mit sehr viel women-liberation-Courage (ein bisschen mehr politisch-gesellschaftliche Vermittlung möcht’s vielleicht in Zukunft noch sein?) und sehr interessanten theatralischen Mitteln an: Zu Musikstücken und Dialogen aus dem Lautsprecher stellten die weißgeschminkten Mädchen mit expressiven Pantomimen Szenen nach – wie die zwischen dem Dracula-Gynäkologen und dem armen Mädchen.

Es waren alle Gruppen gut, weil alle kooperativ mitgemacht haben und weil es ein Fest fürs Volk war. Dies in mehrfacher Hinsicht: Es fand zu einer Zeit statt, in der auch Werktätige Zeit und Lust haben, sich zu unterhalten, nämlich an einem Samstagnachmittag von 14 bis 20 Uhr. Es fand an einem Ort statt, der prinzipiell allen zugänglich ist, nämlich im Theatron innerhalb des Olympiaparks. Wenn dieser mit großem finanziellen Aufwand gebaute und dem antiken Kommunikationszentrum des Amphitheaters nachgebildete Spielplatz innerhalb der olympischen Hügel, Zeltdächer und Wasserspiele nicht eine bloße idyllische Fassade bleiben soll, dann nur, wenn er zukünftig für Veranstaltungen dieser und ähnlicher Art genutzt wird.

Bisher stand das Theatron meist leer. Es war ein Volksfest auch deshalb, weil die VoKo-Gruppen mit ihren Präsentationen eingingen auf ein an diesem Ort diffuses, fluktuierendes und nicht vorinformiertes Publikum. Das Theatron war fast den ganzen Nachmittag gut besetzt, und durch die Fluktuation war es möglich, dass Tausende ihren Spaß haben konnten. Einen Spaß allerdings, der mit Aufklärung gekoppelt war, der nicht über die Leute, sondern für und im Interesse der Leute gemacht wurde.

Auf dieser Basis fanden sich in München seit Mai dieses Jahres elf freie Gruppen bzw. Einzelakteure zur Volkstheater-Front zusammen. Außer den genannten Kollektiven gehören noch dazu: der „Münchner Sati(e)rschutzverein“ („Lächerlichkeit tötet. Und darum prangern wir mit den Mitteln der Satire die sozialen und politischen Mißstände in unserer Gesellschaft an“); die Gruppe „Sparifankal“ („Wir machen Rübelmusik. Rübelmusik ist Gruppenmusik. Alle rubeln miteinander. Wir wohnen, leben, lieben und arbeiten zusammen“) und das „Theater K“. Es gastierte mit Uwe Timms Lehrlingsstück „Die Steppensau“ auf dem „Jungen Forum“ der diesjährigen Ruhrfestspiele, wo auch die „Roten Rüben“ und die „Hammersänger“ auftraten.

Es ist ein Signal für den verschärften Klassenkampf – nennen wir’s doch beim richtigen Wort – auch im Kultursektor, dass solche Volkstheater-Kooperativen bisher in Berlin und München zustande kamen und sich zweifellos auch noch andernorts bilden werden. Die in der Münchner VoKo zusammengeschlossenen Akteure – Laien und Profis – haben durchweg Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit gemacht, sind in Schulen, Freizeitheimen, auf der Straße und bei fortschrittlichen politischen Organisationen aufgetreten.

Wolfgang Anraths, Leiter des „Theater K“ und Initiator der Münchner VoKo: „Es ist für uns nötig, Texte und Programme auch kollektiv mit dem Publikum und uns nahestehenden Autoren zu entwickeln. Wichtig ist auch die Koordination zwischen den Mitgliedern, die inhaltliche, formale und organisatorische Diskussion. Dies sollte dazu führen, dass gemeinsame Programme und Auftritte, Austausch von Spielern und Produktionsmitteln, gemeinsame Werbung usw. praktiziert werden. Gemeinsame Programme unterschiedlicher Themenstellung und Richtung sollten untereinander abgestimmt werden.“ Für das Volksfest im Olympiapark haben die Mitglieder der VoKo nicht nur gemeinsam geworben und gespielt, sie müssen auch gemeinsam dafür bezahlen.

Das Nationaltheater wird jährlich für die „Verkaufte Braut“ und ähnliche Kulturgüter mit rund 20 Millionen aus den Steuergeldern der Bevölkerung subventioniert. Die VoKo musste dafür, dass sie einen Nachmittag lang kostenlos die Münchner Bevölkerung unterhielt, 250 Mark bezahlen – als Gebühr für die Benutzung des Theatrons. Ein Antrag auf finanzielle Unterstützung aus dem Kulturetat der Stadt wird gestellt. Stadtrat, wir kommen!


konkret. Monatszeitung für Politik und Kultur 29 vom 12. Juli 1973, 41 ff.

Überraschung

Jahr: 1973
Bereich: Kunst/Kultur

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