Materialien 1975

Gutachten

Über Aussagen und Wirkungen von Comics,
insbesondere über deren Aufforderungscharakter

Von Fritz Weigle1

… Die Handlung spielt in einem gewissen »Ducking« zusammen mit dem Personal der Handlung eindeutig als das »Entenhausen« der auflagenstärksten Comic-Serie Donald Duck von Walt Disney zu identifizieren. Entenhausen, als Ort unzähliger Geschichten, wird von Comic-Experten ernst genommen … In diesem seinerseits prägenden Ort wird eine Untat verübt von den wohlbekannten Mitgliedern jener »Panzerknacker«-Bande, die jeder Donald-Duck-Leser als ziemlich dumpfe Typen kennt, denen nie etwas richtig gelingt. Analysiert wird deren Vorgehen von den drei Neffen. Im Original sind Tick, Trick und Track fest geprägt als stereotype schlaue Kerlchen, die, wie hier auch, ihrem Onkel helfen … In der in Frage stehenden Geschichte ist dieses stereotype Dreigespann der schlauen Enten ersetzt durch den dreifachen Charlie Brown, auch er der Allgemeinheit wohlbekannt durch Bücher, Abdruck in Illustrierten und durch Filme. Gesteigert wird durch diese Umbesetzung die Redlichkeit der drei. Doch erhalten die Aussagen in den Sprechblasen der drei nun jene Einfärbung ins leicht Trottelhafte, wie man’s von Charlie kennt … Charlie Brown, der Inbegriff der Rat- und Tatlosigkeit, der erfolglose >Klotzkopf< – solch ein Typ kann nicht das Sprachrohr für Verbotenes sein – ebensowenig wie Tick, Trick und Track, deren Rollen er durch eine Dreiteilung spielt.

Die Vorbilder, die der Zeichner für seine Geschichte benützt, sind also festgeprägte Charaktere, unveränderliche Markenartikel mit wohlbekannten und hochanständigen Einstellungen – sie sind sozusagen sauber. Ich möchte hier am Rande noch auf die Selbstverpflichtung zur Sauberkeit hinweisen, der sich alle größeren europäischen Comics-Verlage unterziehen, sofern sie Comics für Kinder und Jugendliche herstellen und vertreiben, und Donald Duck sowie auch die Peanuts mit Charlie Brown (von Charles Schulz) sind – zumindest auch und hauptsächlich – Kindercomics … Mir scheint, der Autor hat für die Aussage – eine Aufforderung zur Gesetzesübertretung -, um deretwillen er hier angeklagt ist, die denkbar ungeübteste, unwirksamste Inszenierung gewählt – kurz gesagt: jenen Figuren, denen er die umstrittenen Sätze in den Mund legt, kauft man sie als Aufforderung nicht ab – die tun sowas nicht. Ich meine, er kommt gegen das oben dargelegte »image« der Figuren nicht an, selbst wenn er wollte.

… Zur Sache: Jener Fahrkartenautomat ist einerseits ein montiertes Element aktueller Realität, andrerseits aber auch Bestandteil der Fiktion, aufgehoben in der Geschichte. Die Inhalte der Sprechblasen, die als Beleg und Ursachen für verheerende Wirkungen herangezogen werden könnten, sind definiert von dem, der’s sagt – hier von notorisch braven und angepassten Charakteren. Eine genauere semiotische Analyse jener Bildgeschichte könnte erweisen, dass die Kritik des Zeichners jene allzu glatten, moralisch wasserdichten und stilistisch eleganten Walt-Disney-Figuren trifft: so die vergröbernde Entstellung des Rollenträgers von Donald Duck zum Schwein »Bonald«: ein Stück vom wahren Wesen solcher Figuren wird evident: Donald ist im Grunde ein armes Schwein. Der mit all seinem Geld und seinem Geiz immer noch liebenswerte Kauz Onkel Dagobert wird ein superreicher dicker Hund. Das Umfunktionieren dieser Figuren kann die allzu stromlinienförmigen Walt-Disney-Geschichten kritisch aufschließen und Hinweise für ihre affirmativen Wirkungen – eben ihrer Folgenlosigkeit – geben. So würde ich sie als Kunsterzieher im Unterricht verwenden.

Ansonsten aber: eine spaßige Parodie mit travestierenden Elementen, deren Realitätsbezug für den unvoreingenommenen Leser den Wirkungsgrad kabarettistischer Anspielungen nicht übersteigt, den Rahmen der vorgegebenen Fiktion kaum verlässt. Aktualisierungen, die um so viele Ecken gehen wie hier in diesem geistreichen quid-pro-quo, können m.E. nur zum Lachen auffordern.


Gerhard Seyfried, Die Werke. Alle! Sämtliche Cartoons, Illustrationen, Poster und Gemälde sowie Skizzen und Entwürfe, Frankfurt am Main 2008, 58 f.

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1 i.e. F.W. Bernstein.

Überraschung

Jahr: 1975
Bereich: Militanz

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