Materialien 1980

Die Pädophilie-Bewegung in Westdeutschland - Rückblick und Perspektiven

Auf dem Höhepunkt der Jugend- und Studentenrebellion 1968, als ein frischer Wind die Fassaden der bürgerlichen Moral ins Wanken brachte und so manches verstaubte Stück aus der Mottenkiste der deutschen Sitten- und Tugendgeschichte auf dem Schuttabladeplatz landete, blieb ein Thema Tabu: Die Pädophilie, vor allem die Päderastie. Natürlich wurde in dieser Zeit der Boden bereitet für einen Angriff auf dieses Tabu, und natürlich kamen mit den amerikanischen Underground-Poeten neue Töne zu uns herüber, die uns aufhorchen ließen, etwa Allen Ginsbergs How.1, John Rechys Nachts in der Stadt oder William S. Burroughs Naked Lunch. Eine große Rolle spielte auch die Rock-Musik, die nicht nur mit Mick Jagger und Jim Morrison zwei Sex-Symbole hervorbrachte, deren androgynes Wesen unschwer zu erkennen war, sondern auch in ihrer späteren Phase durch einen lasziven Stil und das Spiel mit der Travestie und der Bisexualität wesentlich dazu beitrug, daß Vorurteile gegen Schwule und Päderasten abgebaut wurden, besonders bei Jugendlichen.

Aber noch bis 1975 war es bei uns unmöglich, das heiße Eisen Päderastie anzufassen. Erst als 1976 die Berliner Schwulenzeitung „Schwuchtel“ zum ersten Mal einige Artikel zu diesem Thema veröffentlichte, die später zum Teil im „Blatt“ nachgedruckt wurden und eine heftige Reaktion auslösten, kam bei uns eine Diskussion in Gang. Unvergessen für viele und ein wesentlicher Wendepunkt war das Teach-in im Januar 1977 in der Frankfurter Uni, zu dem über 800 Leute kamen und in aller Öffentlichkeit über Päderastie diskutierten. Seitdem kann man bei uns in der BRD von einer Päderastie-Bewegung reden, die allmählich auch die Pädophilie mit einbezog.

Heute haben wir in der BRD bereits einige zum Teil sehr aktive Gruppen, in Nürnberg die „Indianer-Kommune“, in Krefeld, Düsseldorf und Berlin die DSAP („Deutsche Studien & Arbeitsgemeinschaft Pädophilie“), in Duisburg und Köln den AKP („Arbeitskreis Päderastie“), in Hamburg die Päderastengruppe in der HAH („Homosexuelle Aktion Hamburg“), in Pforzheim und Karlsruhe die „Kinderbefreiungsfront“, in München den „Arbeitskreis zur Emanzipation der Knabenliebe“ und andere weniger bekannte Gruppen.

Besonders in der DSAP kam es zu einer sehr engen Zusammenarbeit mit der niederländischen Pädophilie-Bewegung, die viel weiter entwickelt ist und in Frits Bernard und Edward Brongersma zwei bekannte und aktive Vertreter hat. Bernard ist Sexualpsychologe und u.a. wissenschaftlicher Berater der Hauptvorstandskommission für Pädophilie des Niederländischen „Vereins für Sexualreform“ (Den Haag) und Mitglied der multidisziplinären „Arbeitsgruppe Pädophilie des Nationalen Zentrums für psychische Volksgesundheit“ (Utrecht). In zahlreichen Büchern und Aufsätzen hat er sich mit der Kindersexualität und dem Problem der Pädophilie befasst. In deutsch erschien 1978 sein Buch Pädophilie, das aus langjähriger psychologischer Praxis und verhaltenswissenschaftlicher Forschung des Autors hervorgegangen ist. Bernard kommt zu der Erkenntnis, dass Pädophilie überall vorkommt, dass keine Grenzziehung möglich ist (Pädophilie, Ephebophilie usw.), dass jede Grenzziehung willkürlich ist und von den moralischen, politischen oder religiösen Auffassungen des einzelnen abhängt. Bernard hat Kinder befragt und untersucht und Erwachsene, die früher als Kinder sexuelle Beziehungen zu Älteren hatten, und kommt zu dem Ergebnis, dass gewaltlose Beziehungen dieser Art niemals schädlich sein können, auch keine schädlichen Folgen zeigen:

Jüngere können sexuelle Kontakte und Beziehungen mit Erwachsenen oft als positiv erleben, Jüngere suchen – neben dem sexuellen Aspekt – auch Gefühl, Zuneigung und Geborgenheit, von einem traumatisierenden Einfluß können wir nicht sprechen, auch nicht von Ängsten gegenüber Erwachsenen; nach den Ergebnissen des ABV-Tests sind unsere Probanden nicht neurotischer als der durchschnittliche Niederländer, die Initiation hat keinen Einfluss auf die spätere Triebrichtung, in einigen Fällen beginnen die ersten Kontakte schon während des Grundschulalters, die sexuellen Handlungen sind meistens von masturbatorischer Art, manchmal wird die Freundschaftsbeziehung nach der sexuell gefärbten Periode weitergeführt, in einigen Fällen sogar das ganze Leben lang, die Haltung der Gesellschaft wirkt negativ.

Professor Edward Brongersma ist Kriminologe und Jurist. Auch er hat sich in zahlreichen Aufsätzen und Büchern mit der Thematik der Pädophilie befasst. In der BRD kursiert seit einiger Zeit seine Broschüre Kindersexualität und Recht, die einen interessanten historischen Rückblick über die Kindersexualität enthält. So erließ z.B. der Stadtrat von Ulm im 16. Jahrhundert ein Besuchsverbot der Bordelle für Jugendliche, weil der große Zustrom von 12- bis 14-jährigen Knaben die älteren Besucher belästigt hatte, während in London noch um 1800 herum jährlich mindestens 30.000 Knaben in diesem Alter in den Bordellen anzutreffen waren. Die Französische Revolution hob alle Sexualverbote auf, denn – so eine zeitgenössische Begründung – die sexuellen Freuden schaden keinem Menschen, auch dem Kind nicht. Erst im 19. Jahrhundert wurde die sexualfeindliche Haltung der christlichen Kirchen wieder gesetzlich verankert.

Brongersma zitiert auch das bei uns so gern unterschlagene Gutachten der „Speijer-Kommission“, das im Auftrag des niederländischen Justizministeriums erstellt wurde. Diese Kommission erklärte intime Kontakte in der präadoleszenten Phase (also etwa vor dem 14. Lebensjahr) für wünschenswert, verwarf den schwerwiegenden Begriff „Verführung“ und ersetzte ihn vorzugsweise durch „Initiation“. Sie erklärte schließlich sogar nachdrücklich, dass in manchen Fällen diese Initiation (Einführung in die Sexualität) in welcher Richtung auch immer (heterosexuell oder homosexuell), eine bessere Entfaltung der heranwachsenden Jugendlichen bewirken kann.

Inzwischen mehren sich auch in der BRD die Stimmen, die teils aus juristischer, teils aus psychologischer Sicht ein Überdenken unserer Sexualstrafgesetze fordern. In erster Linie wenden sie sich gegen den Aberglauben von Justiz und „gesundem Volksempfinden“, dass sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu seelischen Schädigungen der Letzteren führen würden. Ein Vorreiter in dieser Richtung war zweifelsohne Professor Dr. med. Reinhart Lempp, wohl der bekannteste deutsche Kinderpsychologe, der 1968 in der Neuen Juristischen Wochenschrift einen später oftmals zitierten Aufsatz veröffentlichte, in dem es u.a. hieß:

»Ich bin bei der Erörterung des Problems der seelischen Schädigung der Kinder als Opfer gewaltloser Sittlichkeitsdelikte von den Erfahrungen der Glaubwürdigkeitsbegutachtung ausgegangen. Man würde der Frage jedoch nicht gerecht, wenn man nicht feststellen würde, dass die an solchen Sittlichkeitsverfahren beteiligten Kinder zum Teil in ihrer eingangs geschilderten zunehmenden Befangenheit tatsächlich den Eindruck seelisch belasteter und damit wohl auch geschädigter Kinder machen. Das Belastende für die Kinder ist dabei unbestreitbar die Reaktionsweise der sie umgebenden Erwachsenen, angefangen von den manchmal vorwurfsvollen Eltern bis hin zu den misstrauisch erwarteten jugendpsychiatrischen Begutachtungen und den oftmals quälenden Befragungen vor Gericht. Allein über solche sexuellen Dinge vor einem Kreis erwachsener Menschen reden zu müssen, belastet solche Kinder mehr als die Tat selbst, ja es belastet die Kinder oft ganz allein.«

Zwei Jahre später erschien bei Rowohlt das Buch Sexualerziehung von Professor Helmut Kentler, das ebenfalls mit dem Märchen der seelischen Schäden aufzuräumen versuchte. Kentler hatte zuvor in Berlin an einem mit stiller Duldung der SPD-Senatorin Reichelt unternommenen Experiment teilgenommen, Trebegänger, also jugendliche Ausreißer, bei Päderasten unterzubringen. Obwohl dieser Versuch von allen Beteiligten als gelungen angesehen wurde, musste er abgebrochen werden, da man bei einem Bekanntwerden in der Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung befürchtete. (Inzwischen werden solche Experimente in den USA wissenschaftlich durchgezogen, und zwar mit der Absicht, die „positiven“ Seiten der Homosexualität für die Sozialarbeit zu nutzen).

Energischer und deutlicher trat 1978 der an der Bremer Uni Rechtswissenschaft lehrende Professor Rüdiger Lautmann für eine Reform des Sexualstrafrechts ein. In einer Broschüre stellte er die provokante Frage: Sexualdelikte – Straftaten ohne Opfer?

»Das Strafrecht«, so beginnt Lautmann seine Ausführungen, »erfasst nach wie vor mehrere Formen von Sexualität, bei denen die Beteiligten einvernehmlich handeln und/oder niemandem ein physischer bzw. psychischer Schaden entsteht. Die Frage nach der Berechtigung solcher Pönalisierungen muss immer wieder neu gestellt werden.« Und kommt zu der Feststellung: »Das geltende Sexualstrafrecht schützt, unter Missachtung des Freiheitsbegriffes, die Sexualmoral.«

Zur Pädophilie erklärt Lautmann: »Der Fall Pädophilie verliert nur langsam an Unzugänglichkeit; erst allmählich bauen Sexualpsychologie und -kriminologie die theoretische Stützkonzeption ab, die in der Bevölkerung und in den Kontrollinstanzen lange tief verankert war. Das hergebrachte Stereotyp enthielt u.a. die folgenden Annahmen zur Sexualität mit Kindern:

An diesem die öffentliche Meinung und Strafverfolgung tragenden Stereotyp stimmt nichts.«

Lautmann, der außerhalb seiner Arbeit an der Uni einen Arbeitskreis Homosexualität und Gesellschaft leitet, war maßgeblich an einem Antrag auf Reform des Sexualstrafrechts beteiligt, der im April 79 auf dem Kongress der deutschen Soziologen in Berlin von einer Arbeitsgemeinschaft erstellt wurde, der u.a. die „Humanistische Union“, die „Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft“ und Schwulengruppen der Jungsozialisten, Jungdemokraten und der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ angehören. In diesem Antrag heißt es u.a.:

»Die §§ 175 und 176 StGB sind aufgrund der vorgesehenen Neufassung des Art. 3, Abs. 3 GG verfassungswidrig und vom Gesetzgeber aufzuheben. Beide Vorschriften kriminalisieren die sexuelle Orientierung Homosexualität und Pädophilie/Päderastie … Zu § 176 StGB: In § 176 werden sexuelle Handlungen mit Kindern unter 14. Jahren mit Strafe bedroht. Soweit dabei Abhängigkeit, Gewalt oder Nötigung eine Rolle spielen, sind die §§ 174, 178, 179, 223 ff. StGB ein ausreichender Schutz. Der Grund für die eigenständige Strafdrohung des § 176 StGB ist die ungestörte geschlechtliche Entwicklung des Kindes (BT-Drucksache VI/3521, Seite 34), also der Schutz vor angeblicher Verführung. Dagegen kommt Lempp aufgrund einer eigenen Untersuchung in 93 Verfahren an 97 Kindern zu dem Ergebnis, dass diese Untersuchung in keinem Fall eine sichere und zweifelsfreie Schädigung der Kinder unmittelbar durch die sexuelle Handlung erkennen ließ. Im Gegenteil weist vieles darauf hin, dass enge Beziehungen zwischen einem Kind und einem Erwachsenen seiner Wahl (wobei es unwesentlich ist, ob es zu sexuellen Kontakten kommt) dem Kind für seine weitere Entwicklung wichtige emotionale Bedingungen verschaffen. Dennoch darf heute kein Richter in einem solchen Fall den Betroffenen freisprechen.«

Aber nicht nur „neutrale“ Soziologen, Psychologen und Juristen kommen zu den obengenannten Ergebnissen, anscheinend auch das Bundeskriminalamt, wie aus dem Juniheft der Zeitschrift Spielen und Lernen zu entnehmen ist. Ich zitiere:

»Michael Baurmann, Psychologe, hat sich im Auftrag des Bundeskriminalamtes mit der Frage beschäftigt: Welche Schäden treten bei minderjährigen Sexualopfern auf? Er hat dazu 8.000 angezeigte Sexualdelikte mit Minderjährigen in Niedersachsen ausgewertet und 200 von ihnen psychodiagnostisch nachuntersucht. Erste Ergebnisse liegen jetzt vor. Die Forschungsarbeit von Michael Baurmann enthält folgende Tatsachen: 1977 wurden insgesamt 6 Kinder Opfer eines Sexualmords, 101 Kinder wurden aus anderen Motiven umgebracht, weitere 43 waren unerwünschte Kinder, die von ihren eigenen Eltern totgeschlagen wurden. Demgegenüber starben 1.354 Kinder im Straßenverkehr. Das nur zum Vergleich. Damit sollen die 6 Sexualmorde nicht verharmlost werden, schon ein einziger ist zuviel. Aber wenn man bedenkt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass meinem Kind so etwas passiert, sehr gering ist, dann wirken die Schreckensberichte in der Sensationspresse enorm aufgebauscht. Das ist gefährlich, denn sie können zu übertriebenen Reaktionen bei Eltern, Kindern und Gesetzgebern führen. Für die übrigen angezeigten Fälle von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern zeigte die Untersuchung am Beispiel Niedersachsen: nur in 20 Prozent wurde Gewalt in irgendeiner Form angewandt, 80 Prozent verliefen gewaltlos, d.h. mit Zustimmung der „Opfer“. Gewalt wurde dabei vornehmlich von Verwandten und Bekannten ausgeübt, nicht von Fremden. Sehr oft verbergen sich hinter den angezeigten Straftaten freundschaftliche Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen, die in unserer Gesellschaft in dem Augenblick tabuisiert werden, wo sie über die rein geistige Beziehung hinausgehen … Baurmann kam zu dem Ergebnis, dass das Böse, das wir Eltern unseren Kindern tagtäglich mit mangelnder Zuwendung, verpönter Körperlichkeit und tabuisierter Kindersexualität antun, das Ausmaß dessen bei weitem übertrifft, was die sogenannten „Sittenstrolche“ anrichten. Und ich bin überzeugt davon, dass der Sekundärschaden an den „Opfern“ von Sexualdelikten viel größer ist als der Schaden durch die eigentliche Tat. Mit anderen Worten: die meisten Kinder hätten das Erlebnis problemlos verarbeitet, wenn nicht Eltern, Polizei und Justiz sie noch wochenlang mit Verhören gequält hätten. Aus diesem Grunde plädiert Baurmann auch für die Aufhebung des gesetzlichen „Schutzalters“, weil eine Altersgrenze für sexuelle Beziehungen unsere Kinder nicht schützt, sondern lediglich zerstörenden, brutalen Verfahren ausliefert.«

Man kann keine Bewusstseinsveränderung durch Reformen erreichen, das sollten wir von der Schwulenbewegung gelernt haben. Auch dort hat der Wegfall von Gesetzen nichts Entscheidendes geändert. Freiräume müssen erkämpft werden, sie können nicht durch Gesetzesänderungen von oben präsentiert werden. Wer wie ich dem Staat grundsätzlich das Recht abspricht, das Sexualleben seiner Bürger durch Gesetze zu kontrollieren und zu regeln, der wird seine Zeit nicht damit vergeuden, für die Streichung eines Paragraphen zu kämpfen. Es geht um mehr.

Wenn ich trotzdem diesem Aspekt einen so breiten Raum einräumte, dann deshalb, weil er typisch ist für die zweite Phase der Pädophilie-Bewegung, die zur Zeit ihre „Magnus-Hirschfeld-Periode“ durchläuft, die Periode der wissenschaftlichen Aufklärung. Dass das Tabu Kinderliebe überhaupt zur Diskussion gestellt wurde, verdanken wir nicht den wissenschaftlichen Untersuchungen und juristischen Abhandlungen, sondern der Tatsache, dass es Menschen gab, die sich in provokativer Absicht zu ihrer Sexualität bekannten, die von ihren Sehnsüchten und Hoffnungen Sprachen oder schrieben, von ihren Beziehungen zu Jugendlichen, und sich durchaus nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse beriefen. Das gilt sowohl für die Artikel in der „Schwuchtel“ wie für die Artikel im „Blatt“ und in der „Autonomie“, das gilt auch für die Provokationen der „Indianer-Kommune“. Erst dadurch gelang es, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, anderen Mut zu machen und eine allgemeine Diskussion in Gang zu setzen. Das ging auf keinen Fall von den Psychologen, Juristen oder Soziologen aus. Ihre Erkenntnisse mögen im einzelnen helfen, sich mit Eltern, Lehrern, Polizei oder Justiz auseinanderzusetzen, sie sind jedoch nicht Inhalte einer Bewegung. Wir wollen keine wissenschaftliche Vereinsmeierei, wir wollen eine spontane, lebendige Bewegung mit Kindern und Jugendlichen.

Der Durchbruch gelang uns vor allem mit Hilfe der Schwulenbewegung, die in Stagnation geraten war und durch die Problematisierung der Päderastie eine neue Phase der aktiven Auseinandersetzung mit der Gesellschaft erhoffte. Es gelang uns vor allem auch, weil wir uns auf ein breites Spektrum alternativer und linker Stadtzeitungen und andere Publikationen stützen konnten, die sich uns als Multiplikatoren anboten. Dabei darf nicht übersehen werden, dass das Echo in keinem Verhältnis zur Stärke der Bewegung steht. Machen wir uns nichts vor: Die Pädophilenbewegung in der BRD ist sehr klein, wenn sie auch teilweise äußerst aktiv ist. Sie steht allerdings vor vielen Problemen, und sie steht vor allem vor der Gefahr, sich einer Selbsttäuschung über das große Echo ihrer Aktivitäten hinzugeben.

Es ist an der Zeit, eine Pause einzulegen und nachzudenken, was zu tun ist, und etwas weniger Wert auf eine übertriebene Öffentlichkeitsarbeit zu legen. Ob eine Ankündigung über die Ausstellung idealisierter und überstilisierter Knabenköpfe in einer Stadt nun unbedingt bundesweit angekündigt werden muß, ist eine Überlegung wert. Ebenso für bedenklich halte ich die hektische Scheinaktivität einer Gruppe, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, sich permanent auf Reisen zu begeben, um auf jeder Veranstaltung zwischen Flensburg und Konstanz, Köln und Berlin eine Schau abzuziehen. Viel eher sollte sie in der eigenen Umgebung eine Konsolidierung anstreben, Führungsstrukturen abbauen, um so für andere Jugendliche attraktiver zu werden. Auch die Wissenschaftsgläubigkeit mancher Gruppen halte ich für gefährlich. Eine Bewegung entsteht weder durch die Gründung eines Vereins noch durch die Organisation großer Kongresse. Was ich bei ihnen vermisse, sind die Jugendlichen, die sie ansprechen möchten. Sie waren anfangs da, inzwischen sind sie gegangen, weil Vereine, Kongresse und wissenschaftliche Referate kein Anziehungspunkt für sie darstellen. Eine Bewegung entsteht nur durch unzählige kleine autonome Gruppen, die in der Basis verwurzelt sind, Zuflucht und Versteck für Jugendliche, die aus dieser für sie so unattraktiven Welt ausbrechen wollen. Wir möchten mit Jugendlichen und Kindern zusammenleben, zu denen wir Beziehungen haben, mit denen uns gemeinsame Bedürfnisse verbinden.

Ein anderes Problem: Die Päderasten (Die Pädophilen-Bewegung bei uns besteht hauptsächlich aus Päderasten) müssen sich freischwimmen aus dem Fahrwasser der Schwulenbewegung, mit der uns eigentlich nicht sehr viel verbindet. Unsere Problematik ist eine andere.

Die Schwulenbewegung bleibt nach wie vor unser nächstliegender Bündnispartner, und wir wollen auch weiterhin mit ihr zusammenarbeiten. Wir müssen uns aber freischwimmen, d.h. eigenständig werden, die eigentlichen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen und klar machen, dass die Päderastie nicht von der Pädophilie zu trennen ist. Außerdem gibt es eben homosexuelle und heterosexuelle Pädophilie. Das unterscheidet uns von der Schwulenbewegung. Ich sehe zur Zeit in der bestehenden Bewegung zum größten Teil nur ältere Päderasten, die sich entweder auf jugendlich trimmen (und z.B. auch öffentlich ein falsches Alter angeben, was ich für eine Unaufrichtigkeit gegenüber der linken Szene halte, die uns ihre Zeitschriften nicht zur Verfügung gestellt hat, damit wir Lügen verbreiten) oder sich sogar als Gurus aufspielen und über die Probleme von anderen – nämlich den Jugendlichen diskutieren, ohne diese zu Wort kommen zu lassen. Diese Art Avantgarde-Verhalten war bisher stets der Tod jeder Bewegung. Die einzige Ausnahme in dieser Beziehung ist wohl die „Kinderbefreiungsfront“, die nur aus Jugendlichen besteht, die aber jetzt schon zu Recht ihre Bedenken gegen die Päderasten angemeldet hat. (Siehe den Beitrag von Peter Laudenbach im Rundbrief August/September 79 des AKP).

Was haben die Päderasten bisher an konkreten Möglichkeiten geschaffen, um denjenigen Jugendlichen zu helfen, die aus Elternhaus, Heim und Jugendknast geflüchtet sind, wo sie unterdrückt, ausgebeutet, geschlagen wurden. Wo gibt es illegale und konspirative Wohnungen, wo solche Jugendliche Unterschlupf finden können? Wo gibt es Alternativen zu den Jugendwohngemeinschaften, die von der Jugendfürsorge überwacht werden, geleitet werden? Statt dessen kenne ich Gruppen, die solchen Jugendlichen die Türe weisen und dafür lieber spektakuläre Auftritte inszenieren, die Schlagzeilen schaffen. Im harmloseren Fall ist es die Angst, die uns davon abhält, Ausreißern Unterkunft zu gewähren. Dann könnten wir wenigstens nach anderen Wohngemeinschaften und Einzelpersönlichkeiten Ausschau halten, denen es möglich ist, Ausreißer aufzunehmen.

Es wäre z.B. sehr wichtig, eine Rechtshilfe aufzubauen, die sich um solche Jugendliche kümmern könnte, die Möglichkeiten finden müsste, ihre Situation zu legalisieren. Ihre andere Aufgabe wäre es. Prozessvorbereitungen für angeklagte Pädophile zu führen. Haben die bestehenden Pädo-Gruppen Kontakte zu den örtlichen Knastgruppen, Roten, Schwarzen oder Rosa Hilfen aufgenommen, um gemeinsam mit ihnen inhaftierte Jugendliche und Pädophile zu unterstützen? Ein praktisches Beispiel kam aus Hamburg. Die dortige Päderastengruppe hat ein Flugblatt entworfen, das Jugendliche und Kinder über ihre Rechte gegenüber Polizei und Justiz aufklärt, ihnen vermittelt, was man bei der Polizei sagen muss und was man nicht sagen darf, und sie hat eine Liste von Anwälten beigefügt, an die man sich wenden kann. Haben die anderen Gruppen eine ähnliche Liste von Anwälten und Gutachtern zur Hand, die sich im Sexualstrafrecht auskennen und die bereit sind zu helfen? Auch Anwälte, die sich im Jugend- und Fürsorgerecht auskennen, sind wichtig. Wenn man die zahlreichen Rundbriefe und Mitteilungen der einzelnen Gruppen ansieht, so erinnern sie oftmals mehr an die Vereinsnachrichten eines Kleintierzüchterverbandes als an ein Kampforgan von Pädophilen, das sich an Jugendliche wenden soll. Unsere Zielgruppe sind nicht die Wissenschaftler, Juristen, Psychologen, Soziologen oder Studienräte, sondern die Jugendlichen. Die Mitteilungen und Informationen sollen nicht an Prominente verschickt werden, sondern an Freizeitheime, Jugendzentren, Schulen, Fürsorgeanstalten, Waisenhäuser, Jugendgefängnisse. In der bisherigen Form werden sie dort wohl kaum gelesen werden.

Vor kurzem wurde in einem Mitteilungsblatt der DSAP über den Begriff linke und rechte Päderasten gestritten. Natürlich gibt es Pädophile und Päderasten auf der rechten wie auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Ebenso wie Schwulsein allein ist auch Pädophilsein allein kein Beweis für revolutionäres Bewußtsein. In einer Pädophilenbewegung haben aber nur die Pädophilen etwas zu suchen, die autoritäre Strukturen und bürgerliche Organisationsformen ablehnen und den Begriff der Emanzipation bejahen. Wir haben nicht die Aufgabe, Sozialarbeiter für verhaltensgestörte Kinder, also Opfer des Systems, zu spielen, die Eltern, den Lehrer, den Meister oder sogar den Polizisten zu ersetzen. Unser Verhältnis zu den Jugendlichen ist nicht vertikal, sondern horizontal. Wir sind nicht Leitbild, Vorbild, Vaterfigur, Führerfigur, wir sind Partner der Kinder und Jugendlichen, gleichberechtigte Partner. Unsere Aufgabe ist es, die Kinder und Jugendlichen aus jeder Art von Unterdrückung, Unterwerfung, Unterordnung zu befreien, nicht die Herrschaftsstrukturen zu stärken, sondern mitzuhelfen, dass sie endlich zerstört werden.

Woran es vor allem heute noch mangelt, ist eine solidarische Zusammenarbeit aller Gruppen. Man könnte mitunter vermuten, dass einige Gurus nur daran interessiert sind, eine kleine Schar von Kindern und Jugendlichen um sich zu sammeln und mit allen Mitteln zu versuchen, andere von dieser Gruppe fernzuhalten, die eventuell an dieser Guru-Haltung rütteln könnten. Wir wollen keinen „Einfluss“ auf Kinder und Jugendliche ausüben, sondern gemeinsam mit ihnen leben, lieben, kämpfen.

Wir sollten in nächster Zeit eine Art Magna Charta für alle Kinder und Jugendlichen erarbeiten. In der Münchner Gruppe zirkuliert bereits ein Entwurf. Ich würde allerdings eher ein Aktionsprogramm für die Befreiung aller Kinder und Jugendlichen vorschlagen. Dieses Dokument sollte in einer gemeinsamen Aktion und in allen möglichen Formen unter die Jugend gebracht werden, als Flugblatt, Plakat, Zeitungsartikel, Comic-strips usw. Es sollte ein Begriff für alle werden, das Prinzip Hoffnung für die Jugend, für das es sich lohnt, gemeinsam mit uns zu kämpfen.

Peter Schult


Joachim S. Hohmann (Hg.), Pädophilie Heute. Berichte, Meinungen und Interviews zur sexuellen Befreiung des Kindes, Frankfurt am Main/Berlin 1980, 15 ff.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: Kinder

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