Materialien 1981

Wir nehmen Ängste ernst

Auf Einladung der „Bayerischen Ärzte-Initiative“ erläuterte am 29. Dezember 1981 im Konferenzraum des Bundesbahnhotels der ehemalige Gesundheitsminister des Staates Pennsylvania, U.S.A., Gordon K. McLoid die Hintergründe des Atommeiler-Unglücks in Harrisburg. Hier die stark geraffte Fassung seines Referats:

Jedes experimentelle Projekt der medizinischen Fakultät der Universität Pittsburgh, Pennsylvania, hat durch vielfältige Kontrollen abgesichert zu sein. Am Ende eines jeden Forschungsvorschlags ist eine Seite, betitelt „Informed Consent“ („Wissen um den Zusammenhang und Einwilligung“) von jedem Teilnehmer an diesem Experiment zu unterschreiben. Jeder Teilnehmer einer medizinischen Versuchsanordnung ist demzufolge über alle möglichen Nebeneffekte, auch die unwahrscheinlichsten informiert. Zudem hat jeder Teilnehmer jederzeit die Möglichkeit, das Experiment abzubrechen.

Die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie wiederspricht den Regeln eines solchen Experiments auf gesellschaftlicher Ebene. Das „Prinzip des informierten Einverständnisses der Bevölkerung“ wird nicht angewendet. Im Gegenteil. So werden folgende Informationen der Öffentlichkeit vorenthalten: Mitte 1978 wurden in Pennsylvania siebzehn Fälle von Schilddrüsenunterfunktion bei Neugeborenen festgestellt, acht davon lagen westwärts des Kraftwerks, neun im Windschatten. Nach dem Unfall ergaben sich sieben im Westen, aber zwanzig östlich des Meilers.

Nach dem Unfall in Harrisburg sind folgende Umsatzzuwachsraten im Land ermitteln worden; 113 Prozent Schlafmittel, 88 Prozent Beruhigungsmittel, 44 Prozent Alkohol, 32 Prozent Zigaretten.


□ Atomkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg
● Schilddrüsenunterfunktion bei Neugeborenen vor und nach der Kernschmelze in Block II am 28. März 1979.


Tabelle I zeigt die Zunahme von Schilddrüsenunterfunktion bei Neugeborenen pro 1.000 Einwohner.


Die Sterblichkeitszunahme bei Neugeborenen im Bereich von 10 Meilen um das Kernkraftwerk ist der Tabelle II zu entnehmen.


Figur I zeigt die Wahrscheinlichkeit von Abnormitätszunahme infolge Bestrahlung eines ungeborenen Kindes.


Figur II zeigt die Relation von Strahlenbelastung zu deren gesundheitlichen Folgen.

Prof. McLoid berichtete zurückhaltend, aber dafür umso überzeugender, wie ihm als Gesundheitsminister Untersuchungen und nötige Reaktionen verunmöglicht wurden. Nachdem er von der Regierung eine Veröffentlichung der vorhandenen Daten und weitere Konsequenzen verlangt hatte, wurde er zum Rücktritt gezwungen.

Der Ansicht des Professors, dass die „friedliche“ Nutzung der Atomenergie die gesellschaftliche Form eines medizinischen Experiments habe, wiedersprach ein Zuhörer, indem er anführte, dass die Atomlobby längst um die gesundheitlichen Risiken wisse und nur nach kapitalistischer Art eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmache, wobei auf Kostenseite die Gefährdung der Bevölkerung miteinbezogen sei.

Referat und Diskussion hätten eine viel größere Öffentlichkeit verdient.

Gegen Zusendung von DM 4,- in Briefmarken an G. Gerstenberg, Reichenaustr. 15, 8000 München 60 mit dem Vermerk „Harrisburg“ werden 3 Referate mit zusammen 19 photokopierten Seiten von Prof. McLoid in englischer Sprache zugesandt.


Münchner Zeitung Notausgabe vom 15. Januar 1982, 2.

Überraschung

Jahr: 1981
Bereich: Atomkraft

Referenzen