Materialien 1983

Blutenburgstraße 66

Seit 2 Jahren kämpfen wir, die Mietergemeinschaft Blutenburgstraße 66, für den Erhalt unserer Wohnungen. Viele andere Mieter haben sich mit uns solidarisiert – das beweisen nicht zuletzt fast 3.000 gesammelte Unterschriften gegen den Abbruch unseres Hauses. Trotzdem sind wir 110 Mie-
ter heute mehr denn je von der Vertreibung aus Neuhausen bedroht!

Das Gutachten, das die Hausbesitzer, eine Erbengemeinschaft, erstellen ließen, lieferte die Begrün-
dungen für den Antrag auf Abriss. Einblick in dieses Schreiben bekamen wir trotz wiederholter Forderungen nicht. Warum, wo wir doch die Betroffenen sind?

Ein neutrales Gegengutachten, das wir Mieter im Herbst 1982 in Auftrag gaben und auch selber finanzierten, sagt folgendes aus: „Die vorhandene Bausubstanz muss als erhaltungswürdig bezeich-
net werden. Eine Fachfirma garantiert die vollständige Beseitigung des Hausschwammes – EIN ABBRUCH ERSCHEINT NICHT GERECHTFERTIGT !“

Inzwischen liegt ein angeblich neutrales Obergutachten der Stadt vor. „Angeblich“ deshalb, weil wir Mieter keinen Gutachter zu Gesicht bekommen haben. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wurde es am Schreibtisch erstellt, und plädiert – wie könnte es anders sein – für Abbruch!

WARUM KÖNNTE ES NICHT ANDERS SEIN?

Weil eine große Münchner Versicherung am Kauf des Grundstückes interessiert ist. Die Häuser auf dem angrenzenden Grundstück in der Nymphenburgerstraße wurden schon im letzten Herbst ab-
gerissen. Nach dem Abbruch unseres Hauses wäre genügend Platz für einen Komplex mit Eigen-
tumswohnungen, Geschäften und Büros – in einer Gegend, die durch den Wiederausbau der Nym-
phenburgerstraße zur Prachtallee und den unmittelbaren U-Bahn-Anschluss eine enorme Wert-
steigerung erfahren hat.

Und, wie heißt es doch im Münchner Stadtentwicklungsplan? „Die Investitionslust im Wohnungs-
bau muss gesteigert werden.“ Genau das schafft man z.B. mit der Vernichtung von billigem Wohn-
raum, der einen preisdämpfenden Einfluss auf die Mieten hat.

UND WAS TUT DIE STADT FÜR UNS MIETER?

Warum wendet sie das Instandsetzungsgebot nicht an? Was passiert mit uns, wenn die Abrissge-
nehmigung erteilt wird? Viele von uns hätten Anspruch auf eine Sozialwohnung, fast keiner kann die in Neubauten und umgewandelten Altbauten üblichen überhöhten Mieten bezahlen.

Nachdem es in München schon 8.000 Dringlichkeitsfälle mit Anspruch auf Sozialwohnungen gibt, und pro Tag sage und schreibe sieben Zwangsräumungen stattfinden, weil die Leute die Miete nicht bezahlen können, wäre es da nicht angebracht, oder vielmehr dringend erforderlich, preis-
werten Wohnraum zu erhalten?

Fragen, auf die uns die Stadt bisher die Antworten schuldig geblieben ist.

- Einladung -
Hausfest in der Blutenburgstraße 66
am Samstag, 2. Juli 1983 ab 14 Uhr

Informationen – Kaffee und Kuchen – Flohmarkt – Musik – Diskussion mit Stadträten – Würstl und Bier – Versteigerung – u.s.w.

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V.i.S.d.P.: Mietergemeinschaft Blutenburgstraße 66, Monika Ziehaus, 8 München 19


Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

Überraschung

Jahr: 1983
Bereich: Stadtviertel

Referenzen