Nützliches

Einleitung

Ein Blick auf Geschichte ist wie ein Blick auf Flusslandschaften. Wenn ihr über eine fliegt, seht
ihr breite Ströme, Rinnsale, Bäche, die auch versickern können, Teiche, Zusammenflüsse. Einige Tümpel glitzern im Gegenlicht der untergehenden Sonne; sie trocknen langsam aus. Unsere Fluss-
landschaft der Ereignisse in München gibt zunächst eine chronologische, noch grobe Abfolge wieder, stellt alles dar, das ganze breite Spektrum des Protesthandelns, bedeutende wie unbedeu-
tende Dinge, Abläufe, farbige wie farblose, zeigt den ganzen Blick und bleibt zugleich unübersicht-
lich. Was Bestand haben wird, wenn überhaupt etwas bleiben wird, ist noch unklar.

Dieses Bild ist nicht neu. Nach zehn Jahren Trikont Verlag gaben sich die Mitglieder des Kollektivs in einem selbstreflexiven Rückblick 1977 das Selbstverständnis eines „Wasserlandschaftsverlags“.1

Damit wird deutlich, dass jeder Versuch einer Definition von Protest, Protestverhalten und Protestbewegung notwendig bleibt, aber, um nicht einengend zu reduzieren, den Rahmen dieses knappen Vorworts sprengen würde. Jedenfalls reicht die hier zitierte Definition „Protestbewegung“ nicht nur nicht aus, um dem Thema auch nur annähernd gerecht zu werden, sie transportiert auch ein ganzes Bündel ideologischer Voraussetzungen:

„Bei »Protestbewegung« handelt es sich also um eine … moralische Entrüstung und Empörung einer relevanten Bevölkerungsgruppe zumeist jugendlichen Alters und häufig intellektuellen Zuschnitts, die sich – getragen von einem Gefühl gemeinsamer Ablehnung gegen als negativ empfundene Verhältnisse – durch eine ausgeprägte Organisationsfeindlichkeit und eine Ablehnung jedweder Konvention ausweisen sowie durch ein radikales Infragestellen alles Bestehenden und durch eine Überwindung nationaler Grenzen in Form eines sich Verantwort-
lichfühlens für die Probleme der gesamten Welt und in Form einer Identifikation speziell für
die sogenannte Dritte Welt.“2

Hinter jedem Wort seht Ihr die Absicht schimmern. Daher geht das Projekt „Protest in München seit 1945“ umgekehrt vor. Nicht Definitionen bilden ein starres Koordinatengerüst, innerhalb dessen sich Menschen und ihre Aktionen bewegen dürfen (oder nicht), sondern es breitet sich
eine so bunte und vielfältige Beschreibung der Ereignisse aus; erst daraus werden sich Schluss-
folgerungen und damit Definitionen ergeben.

Die narrativ erzählenden Kapitel dieser Web-Seite erinnern euch vielleicht an das bekannte Erbsenzählen. Sein Sinn und Zweck liegt darin, all denen, die sich mit einem konkreten Thema, mit einer „Bewegung“ oder einem Strukturwandel beschäftigen, zu helfen, die dafür notwendigen Informationen zu finden.

Der Weg des Projekts

Stadtrat Siegfried Benker hat das Projekt „Protest in München 1945 bis in die Gegenwart“ Anfang 2009 im Münchner Stadtrat durchgesetzt. Frau Dr. Angelika Baumann vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München betreute das nicht gerade unkomplizierte Projekt.

Im Auftrag des Kulturreferats hat Günther Gerstenberg seit dem 15. April 2009 das Projekt vor-
bereitet, Chronologien rekonstruiert, Hinweise und Quellen gesammelt und versucht, über die Geschichte des Protestes in München Überblicke zu finden und diese zu strukturieren. Daniel Bürkner M.A. recherchierte bis Ende 2009 im Auftrag des Kulturreferats in Archiven, besorgte Fachliteratur und entwickelte Fragestellungen und Thesen. Frau Dr. Brigitte Huber vom Münchner Stadtarchiv ermöglichte dankenswerterweise den Einblick in die Kartei der Münchner Stadtchro-
nik. Alle Einträge, die sich auf Proteste und Kundgebungen in München beziehen, wurden so in die vorliegende Zusammenstellung übernommen.

Vom April bis Juli 2011 veranstalten Andrea Naica-Loebell und Ruth Oppl in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, unterstützt vom Stadtarchiv München, von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), der Stadtbibliothek München, der Münchner Volkshoch-
schule (MVHS), der Gleichstellungsstelle für Frauen der Landeshauptstadt München, der Petra-Kelly-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung/dem Kurt Eisner Verein die Reihe „Protest in München seit 1945“. Zu dieser Veranstaltungsreihe erscheint ein Buch mit dem Titel „Auf den Barrikaden: Proteste in München seit 1945“, das Zara Pfeiffer herausgibt.

Protest-muenchen.sub-bavaria.de, als dessen Architekt Patrick Gruban wirkt, editiert diesen ersten Versuch einer Annäherung an die Geschichte der sozialen Bewegungen und des Widerstands in der bayrischen Landeshauptstadt.

Mit kritischem Rat und mit handfester Tat haben protest-muenchen.sub-bavaria unterstützt: Manfred Ach, Siegfried Benker, Cornelia Blomeyer, Dr. Claudia Brunner, Dr. Dirk Dautzenberg, Volker Derlath, Christine Dombrowsky (†), Dr. Rolf Eckart, Ernst Grube, Egon Günther, Alfred Gulden, Herbert Hösl (†), Heinz Huber (†), Felicitas Hübner, Rechtsanwalt Konrad Kittl (†), Heinz Koderer (†), Wolfgang Kretzer, Fritz Letsch, Friedbert Mühldorfer, Andrea Naica-Loebell M.A., Oliver Nauerz, Ruth Oppl M.A., Zara S. Pfeiffer, Birgit Rauscher, Carl-Ludwig Reichert, Dr. Hella Schlumberger, Bernd Schreyer, Gerhard Specht (†), Rechtsanwalt Dr. Hartmut Spiess, Karl Stankiewitz, Rüdiger Tresselt, Rechtsanwalt Hartmut Wächtler, Günter Wangerin und Michael Wittmann.

Protest-muenchen.sub-bavaria.de ist nicht abgeschlossen und wird dies auch nie sein, denn: Manche Ereignisse haben angeblich nie stattgefunden, weil sie in den Medien oder in den Archiven nicht aufscheinen. Dann sind die Beschreibungen vieler Ereignisse interessegeleitet und daher fragwürdig. Nicht zuletzt entwickeln sich die richtigen Fragestellungen erst, wenn genügend Material vorhanden ist.

Diese Web-Seite ist im Aufbau. Es finden sich noch viele Fehler. Bitte habt Verständnis dafür, dass auf einer Baustelle Material herumliegt, vieles noch nicht begehbar ist und an manchen Treppen die Geländer fehlen.

Archive

Noch heute flößen Archive der Öffentlichen Hand wie das Bayrische Hauptstaatsarchiv oder das Staatsarchiv für München und Oberbayern Respekt ein. Sie zu besuchen kostet Überwindung, denn in den aus der Tradition des Rechtswesens seit der Antike entstandenen, hierarchisch organisierten und scheinbar dem Strudel aller gesellschaftlicher Veränderungen unverrückbar widerstehenden, überzeitlichen Institutionen sind Umgangsregeln entstanden, die suggerieren, dass nur Zugang erhält, wer weiß, was er sucht, und mit einem Konzept des eigenen Forschungs-
vorhabens aufwarten kann. Dieses Konzept hat sich üblicherweise in bestimmten tradierten Standards zu bewegen.

Aber die Zeiten ändern sich. Manche exklusiven Archive beginnen sich zu öffnen. Nicht nur Experten, Professoren und Doktoranden, haben Zugang. Das Münchner Stadtarchiv in der Winzererstraße 68 bietet uns allen zum Beispiel Führungen durch die Magazine an und Lesekurse in der „Deutschen Schreibschrift Sütterlin“. So übernehmen die Archivarinnen und Archivare zu ihrer ursprünglichen Aufgabe, Archivgut zu sichern, zu verzeichnen und sicher aufzubewahren eine zweite Aufgabe: Archivgut der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit zu demokratisieren. Hier sei der Appell an alle angebracht, jegliche Scheu zu überwinden und die Archive der Öffentlichen Hand zu besuchen.3

Die Öffnung in der realen Welt begleitet ein Prozess der Autorisierung von Sammlungen, Diskus-
sionszusammenhänge, Blogs und Foren im www unter dem Begriff „Archiv“, der Inhalte für jede/n zugänglich macht. In diese Bewegung reiht sich auch protest-muenchen.sub-bavaria ein, zuweilen ein Archiv, dann auch ein Recherche-Portal, nicht zuletzt ein Denk- und Gesprächs-Angebot. Solltest Du Lust haben, an dieser Web-Seite redaktionell mitzuarbeiten, kontaktiere mich.

Zur Architektur von protest-münchen.sub-bavaria

Flusslandschaften

Ihr seht auf dieser Webseite zwei große Komplexe, einmal die jährlichen „Flusslandschaften“,
die den Grundstock einer Chronologie bilden, und dann die jährlichen „Materialien“, die die Ereignisse näher zu erläutern versuchen. In den „Flusslandschaften“ wird in den Fußnoten auf
die „Materialien“ hingewiesen.

Die „Flusslandschaften“ wurden aus Erinnerungen beschrieben oder aus Notizzetteln kompiliert. In sie eingestreut finden sich kurz gefasste Zitate. Es empfiehlt sich sehr, diese Texte als zum
Teil noch korrekturbedürftige Sachinformation mit ansatzweise interpretierenden Gedanken zu verstehen. Hier wird es notwendig sein, die Angaben vor einem Quellenhintergrund noch einmal zu verifizieren. Bitte habt auch nachsichtiges Verständnis dafür, dass die von einem generischen Maskulinum beherrschten Substantive nicht immer gegendert wurden.

Manche Jahre sind noch überproportional vertreten. Ihre Bedeutung ist zurückzufahren. Andere Jahre sind unterrepräsentiert. Viele Ereignisse sind noch unscharf beschrieben, viele fehlen, manche sind falsch datiert.

Materialien

Die Materialien dokumentieren nicht nur Äußerungen einer kritischen Szene, sondern stellen, um diese Äußerungen noch besser erklären zu können, manchmal auch die Ansichten derer vor, gegen die die Proteste laut wurden. Da letztere im Kontext des Projekts zu lesen sind, ist ihre Veröffent-
lichung nicht nur legitim, sondern notwendig.

Die Dokumente in den Materialien unterliegen dem Schutz des geistigen Eigentums. Um sie hier zu veröffentlichen, wurden ihre Urheberinnen und Urheber um Genehmigung gebeten, soweit
sie erreichbar waren. Manche Materialien sind noch gesperrt, da die Genehmigung bis jetzt nicht erteilt wurde. Solltet Ihr Texte finden, die unzulässigerweise geöffnet sind, teilt uns dies mit. Wir werden sie unverzüglich löschen. Das copyright auf die Dokumente ist naturgemäß zu beachten. Wenn Ihr zitiert, gebt die Quelle an!

Zunächst finden sich eine Fülle von Beschreibungen der Ereignisse in den Medien. Allein diese aufzulisten, zeigt aber nicht die ganze Wirklichkeit. Medien selektieren, favorisieren und inter-
pretieren. Daher erscheint es nötig, auch zitierfähige Quellen aus Archiven sowie Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie von Akteurinnen und Akteuren zur Datensammlung heranzuziehen.

Die Auswahl der Materialien repräsentiert ein breites Spektrum; es handelt sich um kluge und dumme, „linke“ und „rechte“, humorlose und humorvolle Texte, die zuweilen mit Bildbeispielen ergänzt wurden.

Die Erweiterung der Quellenbasis auf die „Materialien“ antwortet auch auf das oft behauptete Klischee, das nichts geschehen sei, das sich nicht in den Medien niedergeschlagen habe. Nur das, was medial aufscheine, dringe in die Wahrnehmungshorizonte politischer Entscheidungsträger und werde so wirkmächtig.

Ob das wirklich stimmt? Der Strukturwandel der Öffentlichkeit unterliegt diffizileren Push- und Pullfaktoren, deren mediale Vermittlung nur einen Charakterzug beschreibt. Um das Ereignis, dem in den folgenden Seiten beinahe überall die ausschließliche Aufmerksamkeit gilt, ranken sich eine Vielzahl von „vorbereitenden Überlegungen und Aktionen, die treibenden Kräfte im Hintergrund, die nachfolgende Verarbeitung des Protests durch Teilnehmer, Adressaten und Zuschauer“.4 Sie alle finden sich in der medialen Betrichterstattung nicht wieder.

Kategorien

Der Versuch, ein breites Kompendium von Protest-Initiativen zusammenzustellen, mündet in zusammenfassende Rubriken. Diese entsprechen den verschiedenen Protestbewegungen und finden sich in den „Kategorien“, die – natürlich abhängig von der Überlieferung und den bis jetzt gefundenen Fakten – wiedergeben, in welchem Zeitraum „Bewegungen“ entstanden und manch-
mal auch wieder verschwunden sind.

Die Kategorien, es handelt sich bei ihnen um Akteure, Themen, Haltungen …, bilden ein grobes und holzschnittartiges Raster. Sie stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander. Um eine not-
wendige Übersicht zu bekommen, vereinigen sie oft ausgesprochen gegensätzliche und zum
Teil miteinander unvereinbare Strömungen und Tendenzen. Dies wird besonders deutlich in der Rubrik „Rechtsextremismus“. Hier spannt sich der Bogen vom intellektuell anspruchsvollen Konservatismus bis zum grobschlächtigen Haudrauf-Neonazismus, vom platten Agitprop des Gerhard Frey bis zu den CSU-Dissidenten bei den Republikanern. So sind die Kategorien nicht mehr als ein gezeichneter Rahmen, der in vielem korrigiert und mit genaueren Einzelunter-
suchungen zu füllen ist.

Oft gehören Ereignisse mehreren Kategorien an, die sich vielfältig überschneiden. Nicht immer findet Ihr, was Ihr sucht. Zum Beispiel sind gewerkschaftlich organisierte Türkinnen, die in Haidhausen in einer kleinen Näherei um höhere Löhne streiten, sowohl der Rubrik „Frauen“ wie „Gewerkschaften/Arbeitswelt“, „Stadtviertel“ oder „AusländerInnen“ zuzuordnen. Hier wurde oft subjektiv entschieden und deshalb: Schaut über den Gartenzaun.

Selbstverständlich sind die einen Politikfelder in den „Kategorien“ überproportional vertreten, andere dagegen nur marginal. Daher wird es in Zukunft auch erforderlich sein, diese Ungleichgewichte zu korrigieren.

Dem „Archiv der Münchner Arbeiterbewegung“ werden beständig neue Unterlagen übergeben. Dadurch entstehen neue Zusammenhänge; „Flusslandschaften“ und „Materialien“ werden laufend ergänzt, zurechtgerückt und korrigiert. Solltet Ihr fragwürdige Passagen, Fehler oder Lücken entdecken, bin ich für einen Hinweis dankbar.

Ein annäherndes Bild

Die bis jetzt erhobenen Daten ergeben nur ein annäherndes Bild der Protestdichte in München
in den Grafiken I und II. Sie fügen sich in den blauen Säulen aus der Summe der pro Jahr festgestellten Themeneinheiten in den Printmedien aus dem Stadtarchiv München und aus Privatsammlungen zusammen. Die Größe errechnete sich aus der Anzahl der Protestfelder pro Jahr + Umfang der Flusslandschaften in der vorliegenden Arbeit. Da Kraushaars Protestchronik5 in die Zusammenstellung einfloss, wurden von 1945 bis 1959 jeweils fünf Punkte abgezogen. Da die systematische Kompilation des Stadtarchivs von 1987 bis 1989 ebenfalls in die Zusammenstellung einfloss, wurden von 1987 bis 1989 acht Punkte abgezogen. Schließlich wurden die Summen halbiert.

In den roten Säulen zeigen sich die dem Verfasser dieser Zeilen bekannten Aktenüberlieferungen im Stadtarchiv, Staatsarchiv und Bayrischem Hauptstaatsarchiv. Die Beendigung der Über-
lieferung Mitte der 90er Jahre beruht auf Sperrfristen, fehlender Freigabe und noch nicht erfolgten Abgaben der Behörden.


GRAFIK I. blau: Protestdichte in München 1945 – 1977 (Überlieferung in Printmedien im Stadtarchiv München und in Privatsammlungen) rot: Protestdichte in München 1945 – 1977 (Überlieferung in Archivalien im Stadtarchiv, Staatsarchiv, Bayer. Hautstaatsarchiv, Stand Dezember 2009)


GRAFIK II. blau: Protestdichte in München 1978 – Anfang April 2011 (Überlieferung in Print-
medien im Stadtarchiv München und in Privatsammlungen) rot: Protestdichte in München 1978 – 2009 (Überlieferung in Archivalien im Stadtarchiv, Staatsarchiv, Bayer. Hautstaatsarchiv, Stand: Dezember 2009)

Eine differenziertere Darstellung ergibt sich aus der jetzt noch nicht möglichen Zusammenstellung von Erhebungseinheit, Codiereinheit, Analyseeinheit und Kontexteinheit.6 Zudem wäre es nötig, die einzelnen Protestfelder voneinander zu trennen, um genauere Aussagen zu erhalten.

Die Komplexität in Schaubildern einzufangen, stößt auf die Unmöglichkeit, die unterschiedlichen empirischen Indikatoren der bis jetzt vorhandenen Erhebungen festzustellen und in der Folge zu vereinheitlichen. Dies wird deutlich, wenn lediglich die Demonstrationstätigkeit in der BRD von 1968 bis 1986 mit den Grafiken I und II verglichen wird:


GRAFIK III: Demonstrationstätigkeit in der Bundesrepublik 1968 bis 1985 Quelle: Schriftliche Angaben des Bundesinnenministeriums sowie der Innenministerien und –behörden der Bundesländer in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8 vom August 1986, 1007.

Aus den Statistischen Jahrbüchern der BRD sowie aus Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeit von 1985 ist zu entnehmen, dass nach der Wirtschaftskrise 1967/68 eine Welle von Arbeits-
kämpfen einsetzt, die 1978 und 1983/84 ihre Höhepunkte findet. Diese entsprechen nur zum Teil den hier in den Grafiken I und II gezeigten Zu- und Abnahmen von außerparlamentarischen Aktionen wie zum Beispiel den Protesten und Kundgebungen gegen die Nachrüstung und gegen die Wiederaufbearbeitungsanlage in Wackerdorf.7

Fragen

Ein Blick in aktuelle Statistische Jahrbücher der BRD zeigt, dass allein schon die Erhebungsmo-
dalitäten sowie die Auswahl der untersuchten Politikfelder interessegeleitet sind. Es finden sich zum Beispiel Daten über Zu- und Abgänge von Kirchenmitgliedern, das Auf und Ab in den Erwerbslosenzahlen, aber keine Angaben zu Kundgebungen, Demonstrationen oder Streiks.

Die Perspektive dessen, der über eine Flusslandschaft fliegt und auf sie herab sieht, ist subjektiv; die Statistischen Jahrbücher helfen ihm dabei nicht zu objektivieren. Manches sieht er, weil er sich erinnert, weil er darauf hingewiesen wurde oder weil er gerade nicht abgelenkt wird. Eine Land-
schaft, die alles in den richtigen Proportionen zeigt, gibt es in diesem Abbild nicht. Außerdem bleibt vieles verborgen, weil es von Akteuren verdrängt wurde oder in den Medien und Archiven keine Spuren hinterlässt.

Andererseits ist die historisierende Einordnung und Analyse der Strukturen dem Geschichtsin-
teressierten oft mehr bremsendes Hindernis als Erhellung. Zu hoffen ist, dass die den Ereignissen zugrunde liegenden Strukturen auch in diesen selbst sichtbar werden und „Erzählungen“ nicht nur Emotionen bedienen, sondern auch Analysen liefern.

Die hier vorgestellten Flusslandschaften wollen zur Beschäftigung motivieren, zur Erinnerung
und zur Verunsicherung oder zur Vergewisserung. Sie dienen als Steinbruch und als Vorläufer für Dreh- und Regiebücher. Sie sollten ergänzt und vor allem korrigiert und verbessert werden.

Fragen drängen sich auf, zum Beispiel:

Wo sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Protestformen? Das Spektrum reicht vom raunzenden Bierdimpfl bis zum autonomen Streetfighter. Wo hört Kritik mit dem Räsonieren
auf und beginnt zu verändern?8

Gibt es eine für München spezifische Protestkultur? Ist sie nicht eher im Vergleich zu anderen Orten unspezifisch und zu vernachlässigen?

Stimmt es, dass die Münchner Mehrheiten sich eingerichtet haben und nichts wissen wollen von Alternativen zur schlechten Gegenwart? Wenn ja, wie ist es dazu gekommen?9

Antworten

Wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht gelernt hat, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Im seltensten und besten Falle ermöglichen Revolten angestrebte Ziele. Viel öfter versanden sie, verschwinden sie, als ob es sie nie gegeben hat. Nicht selten erzeugen sie das Gegenteil dessen, das sie angestrebt haben. Naivität und Unwissenheit, vor allem Geschichtslosigkeit und Verzicht auf Analyse lassen befürchten, dass die aktuellen Bewegungen gegen Finanzkapital und globale Konzernherrschaft weniger qualitative Umschläge in das „ganz andere Bessere“ als vielmehr
nur Modernisierungen des Bestehenden bewirken.

Wer „neu einsteigt“, muss sich oft vieles erst mühsam aneignen, wer „neu einsteigt“, macht zwangsläufig Fehler. Viele, die „länger dabei sind“, halten dies nicht aus und resignieren. Vielleicht kann protest-muenchen.sub-bavaria zwischen den Generationen eine Brücke schlagen, Informa-
tionen und Analysen nachreichen, aber auch dazu motivieren, kritisches Denken und Handeln weiter zu entwickeln.10

Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich an eine der schönsten Einleitungen in ein Kapitel eines Buches, das ihm viel bedeutet:

„Zunächst, und das ist sehr wichtig für den Titel dieses Kapitels, möchte ich mich ganz und gar dagegen aussprechen, wie herkömmlich Bücher geschrieben wurden. Die herkömmliche Form impliziert die binäre Rollenstruktur von Autor/Leser, sie ist ein Typus gesellschaftlicher Gewalt, der durch seine Nicht-Gegenseitigkeit und Non-Reziprozität nur zur geistigen Versklavung beider, des sogenannten ‚Autors’ und des so genannten ‚Lesers’ führen kann. Es ist eine Methode sozialer Kontrolle, eine Methode mikropolitischer Manipulation von Personen. In einer ausbeuterischen Gesellschaft kann sie nur zu einer falschen Gegenseitigkeit – einer Gegenseitigkeit der Ausbeutung, die das System, das uns alle unterdrückt, verstärkt – führen. Diese eingleisige binäre Rollenstruk-
tur repräsentiert die gleiche Gewalt auch auf anderen Gebieten der Erfahrung und des Verhaltens, z.B. Therapeut/Therapierter, Analytiker/Analysierter, Folterer/Gefolterter, Kolonisator/Koloni-
sierter usw.“11

G. Gerstenberg
20. Mai 2012


1 Siehe Achim Bergmanns Antwort auf die Selbstdarstellung des Verlags „Ich finde das Papier im ganzen o.k.“.

2 Gerd Langguth, Protestbewegung. Entwicklung, Niedergang, Renaissance. Die neue Linke seit 1968, Köln 1983, 16.

3 Die Podiumsdiskussion im Saal des Münchner Stadtarchivs am 19. Mai 2011 mit Dr. Isabella Fehle (Münchner Stadtmuseum), Dr. Michael Stephan (Münchner Stadtarchiv), Dr. Klaus Lankheit (Institut für Zeitgeschichte), Günther Gerstenberg (Archiv der Münchner Arbeiterbewegung), Moderation: Dr. Angelika Baumann (Kulturreferat der Landes-
hauptstadt München) hatte zum Thema „Und was bleibt vom Protest?“. Die Leiterin und die Leiter der Institute erläuterten u.a. die Strukturen und Zugangsmöglichkeiten ihrer Sammlungen. Die Diskussion, die Hans Türk (www.acting-art-of-memory.podspot.de/post/protest-in-muenchen-und-was-bleibt-vom-protest/) einleitet, kann heruntergeladen werden unter www.media3.roadkast.com/acting-art-of-memory/Protest_in_Muenchen.mp3.

4 Dieter Rucht (Hg.), Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt am Main 2001, 17.

5 Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949 — 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie. 4 Bde., Hamburg 1996.

6 Vgl. Dieter Rucht/Peter Hocke/Dieter Oremus, Quantitative Inhaltsanalyse: Warum, wo, wann und wie wurde in der Bundesrepublik protestiert? In: Ulrich von Alemann (Hg.), Politikwissenschaftliche Methoden. Grundriss für Studium und Forschung, Opladen 1995, 262.

7 Die DGB-Gewerkschaften führen keine systematische Arbeitskampfstatistik. Aber auch die offizielle Arbeitskampfstatistik der Arbeitsbehörden und statistischen Landesämter bieten nur unzureichende Informationen mit hoher Fehlerquote. Zu den Fehlerquellen in der offiziellen Statistik vgl. Rainer Kalbitz: „Die Streikstatistik in der Bundesrepublik“ In: Gewerkschaftliche Monatshefte 8 vom August 1972, 495 ff.

8 Siehe „Kritik der Kritik“.

9 Siehe „von denen baiern freiwilliger knechtschaft über die jahr“ von Argula von Grumbach.

10 Siehe dazu auch Bernd Hüttner: „Geschichte von unten und radikale Linke“ in arranca!, www.linksnet.de/de/artikel/18765, 5. Juli 2004.

11 David Cooper, Von der Notwendigkeit der Freiheit, Frankfurt am Main 1976, 19.

Überraschung

Bereich: SchülerInnen