Flusslandschaft 1947

Medien

Seit Monaten häufen sich in den Medien Kritiken und Anwürfe gegen führende Politiker im Frei-
staat. Da fliegen die Fetzen und neben Kritik am Regierungshandeln kommt es auch zum Waschen schmutziger Wäsche. Die Grenzen zwischen fundamentalem Einspruch und persönlicher Denun-
ziation verschwimmen. Der Landtagsabgeordnete Waldemar von Knoeringen spricht am 23. April vor dem bairischen Landtag: „… Je weiter unter dem Druck materieller und seelischer Not der VERFALL einer GESELLSCHAFTSORDNUNG vor sich geht, um so mehr treten jene in den Vor-
dergrund, die von der Zersetzung leben und für die Wahrheit, Gerechtigkeit und Anstand leere Be-
griffe sind. Wir leben heute in einer solchen Gesellschaft … Das ABSCHIESSEN … hat … in den meisten Fällen persönliche und politische Motive. Es setzt ein, wenn aus irgendeinem Grunde ein anderer vernichtet werden soll. Das hat mit staatsbürgerlicher Pflicht oder Politik nichts mehr zu tun. Das ist schlechthin der TRIUMPH des GANGSTERTUMS und der SIEG der NIEDERTRACHT … Ich erwähne nur den Fall des stellvertretenden Ministerpräsidenten Dr. HOEGNER. Er stand in den letzten Jahren besonders im Vordergrund des öffentlichen Lebens und hat sich wahrlich hohe Verdienste um dieses Land erworben. Hier fing es an mit dem komfortablen Leben unter der strah-
lenden Sonne der Schweiz und ging weiter zu den Zigarettentransporten in seinem Auto, zu der von ihm verfügten Erhöhung der Ministergehälter, zu den drei Villen, die er sich gekauft hat, und schließlich bis zur verkündeten Ausrufung einer deutschen Regierung in Zürich. Es ist eine ekelhaft lange Liste von Lügen und versuchten Abschüssen, eine nach SYSTEM geführte ABSCHUSSAKTI-
ON … Wir sind daher der Meinung, dass alles getan werden muss, um wenigstens diejenigen Män-
ner nach Möglichkeit zu schützen, die heute in einer chaotischen Zeit die kaum tragbare Verant-
wortung für die Leitung unseres Staates übernommen haben. Wir haben die Pflicht, diese Männer zu schützen, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. Es ist daher erforderlich, dass die Regie-
rung durch entsprechende MASSNAHMEN in der RECHTSPFLEGE dafür sorgt, dass die vorhan-
denen Rechtsbehelfe gegen Verleumder und Beleidiger tatsächlich und wirksam funktionieren, dass die Staatsanwaltschaften erweitert eingeschaltet werden und dass die Fertigstellung des neu-
en PRESSEGESETZES mit größter Beschleunigung betrieben wird. In dieses Gesetz werden Be-
stimmungen aufzunehmen sein, die die Verantwortlichkeit für Anschuldigungen und die Verbrei-
tung von Tatsachen, die Regierungsmitglieder oder politische Persönlichkeiten in ein schlechtes Licht setzen sollen, in richtiger Weise abgrenzen. Strenge STRAFBESTIMMUNGEN gegen vor-
sätzliche oder fahrlässige Verletzung der Wahrheitspflicht sind zu schaffen … Die Krise der Ge-
sellschaft, die wir durchleben, geht sehr tief. Sie kann nur überwunden werden, wenn sich im Kör-
per unseres Volkes neue Zellkerne bilden, die ehrlich, anständig und moralisch fest sind … Ich richte daher an alle den Appell: Retten wir das Ansehen unserer jungen Demokratie! Wir retten damit das Ansehen unserer geschändeten Heimat. Es geht um den moralischen Halt, den letzten Halt überhaupt, den wir in dieser scheinbar ins Bodenlose sinkenden Welt noch haben. (Lebhafter Beifall.)“1

Nach Knoeringen reden Ministerpräsident Dr. Ehard, Abgeordnete der CSU, der FDP und der WAV. Sie alle mit Ausnahme des CSU-Abgeordneten August Haußleiter schließen sich den Aus-
führungen des SPD-Abgeordneten an. Kurze Zeit später schreibt Oskar Maria Graf an Otto Graf: „… Was Du übrigens so nebenher von Knöringen schreibst, hat mich stark berührt, denn ich schätze den Mann sehr, brachte ihn eigentlich in Wien wieder zu neuer Aktivität und – jetzt lese ich, dass er mit all den biederen Leuten im Landtag gegen die ‚frechen Presseleute’ in ein Horn geblasen hat. Schauderhaft, dass sie alle selbst in so langer Emigration noch kein Fünkchen wirk-
liche Demokratie gelernt haben, sie meinen, weil sie gewählt sind, darf man sie nicht mehr kritisie-
ren! Zum Kotzen, dieses ewige, unausrottbare Sich-Überheben, als sei man schon was, weil man ein Amt hat. Es scheint, dass Du recht hast mit dem ‚Auergeist’, der ihnen noch tief in den Knochen sitzt …“ 2

„… Der erste ‚Ostemigrant‘ des Bayerischen Rundfunk war Herbert GESSNER, der bereits 1947 als Kommentator bei Radio München sein Wirken einstellte und in Ostberlin auftauchte. Infolge der verworrenen Verhältnisse in den ersten Nachkriegsjahren entging der Fall Gessner damals der ob-
jektiven Betrachtung. Es ist heute bekannt, dass Herbert Gessner, als er 1945 ins Funkhaus kam, noch kein Kommunist war, sondern dass ihn linksintellektuelle amerikanische Besatzungsoffiziere im Münchner Funkhaus zur Weltanschauung ihres damaligen Alliierten ‚bekehrten‘. Ein Untersu-
chungsausschuss des amerikanischen Kongresses hat Jahre später diese Feststellung getroffen …“3

Die Besatzungsmacht vergibt an Journalisten, die schon vor 1933 meinungsbildend führend waren, Lizenzen zum Aufbau neuer Zeitungen. Kritiker meinen, dass damit ein wirklicher Neuanfang ver-
hindert würde.4

(zuletzt geändert am 21.5.2020)


1 Bayerischer Landtag, 11. Sitzung vom 23.4.1947, 283 f., Archiv des Bayerischen Landtags.

2 Brief Oskar Maria Grafs an Otto Graf, undatiert, nach dem 23.4.1947, Depositum Otto Graf, Archiv der Münchner Arbei-
terbewegung. Zu Otto Graf siehe: Otto und Wolfgang Graf, Leben in bewegter Zeit. 1900 – 2000. Hg. von Ingelore Pilwou-
sek, München 2003. Zu „Auergeist“: Erhard Auer, „königlich-bairischer“ Sozialdemokrat, der mit Hilfe seiner Seilschaften bis 1933 die bairische Sozialdemokratie autoritär anführte.

3 Verschwörung gegen die Freiheit. Die kommunistische Untergrundarbeit in der Bundesrepublik. Hg. von der Münchner Arbeitsgruppe „Kommunistische Infiltration und Machtkampftechnik“ im Komitee „Rettet die Freiheit“ [unter Mitarbeit von Hans Hartl], München (Frühjahr 1960), 41.

4 Siehe „Ein Mann – eine Zeitung – eine Politik“ von Heinz Mode.