Flusslandschaft 1983

SchülerInnen

Im Sommer entsteht in München eine Schülerkoordination gegen den NATO-Doppelbeschluss. Im Herbst werden mehrere Schulen bestreikt, ein paar Tausend Schüler ziehen gemeinsam in die Innenstadt. Die Treffen der Schülerkoordination findet im Büro einer katholischen Jugendeinrichtung in Schwabing statt, in der gleichzeitig auch einige Lateinamerika-Solidaritätsgruppen aktiv sind.

Am 20. Oktober wollen bundesweit Schülerinnen und Schüler gegen Atombewaffnung und Nachrüstung demonstrieren. — „Der Satz ‚Ein Leben mit Raketen ist ein Leben ohne Zukunft’, gemalt auf weißes Leinen, hängt am 20. Oktober 1983 aus dem dritten Stock des Wilhelmsgymnasiums in der Thierschstraße. Im Pausenhof wird per Megafon zum Schulstreik gegen die ‚NATO-Nachrüstung’ aufgerufen. Weder der Schuldirektor noch die Mitglieder der Jungen Union, die das harmlose Transparent beschlagnahmen, können die rund einhundert Schüler/innen davon abhalten, das Gelände zu verlassen, um mit 2.000 Streikenden anderer Münchner Schulen zum Odeonsplatz zu ziehen. ‚Sie sprangen für den Frieden aus dem Fenster’, titelt die SZ vom 21. Oktober 1983. Damit sie nicht an einer ‚Friedenskette’ am Willi-Graf-Gymnasium teilnehmen, hatte die Direktorin des Sophie-Scholl-Gymnasiums kurzerhand ihre Schülerinnen eingesperrt. Diese verließen das Schulgebäude durch die Fenster und schlossen sich der Demonstration gegen den ‚NATO-Doppelbeschluss’ an.“1 — „Polizei observierte Schüler — München, 27. Oktober. Dass die Polizei am Friedenstag der Schulen diese Bildungseinrichtungen und ihre Umgebung observierte, hat inzwischen die Münchner Polizeiführung zugegeben. In einer Erklärung der bayerischen SPD vom Donnerstag heißt es, nach und nach stelle sich heraus, dass die Polizei ‚zumindest im Raum München’ bei den Friedensaktionen an den Schulen ‚Großeinsatz’ gehabt habe. Nach Zeugenaussagen ist vor dem städtischen Werner-von-Siemens-Gymnasium schon vor Bildung eines Schweigekreises auf dem Schulhof ein Streifenwagen vorgefahren. Einer der Beamten habe die demonstrierenden Schüler fotografiert. Der Landtagsabgeordnete Peter Kurz verlangt von Schulbehörden und Staatsregierung eine eingehende Untersuchung und vor allem die sofortige Vernichtung der Filme. Zu diesem besonderen Vorfall hat die Polizei noch nicht Stellung genommen, während die Aktivitäten von Polizeibeamten in Zivil, die sich auch nach Aufforderung durch Lehrer nicht ausweisen wollten, am Thomas-Mann-Gymnasium bestätigt wurden. Nach Angaben von Polizeipräsident Gustav Häring bestand eine Anweisung, die Schulen zu beobachten, da an diesem Tage mit ungenehmigten Demonstrationen und Versammlungen zu rechnen gewesen sei.“2

„Freie Grundschule München — Unser Ziel ist es, im Raum München eine freie Grundschule zu gründen: eine Schule, in die Kinder wie Erwachsene gern gehen. Der eigene Lebensraum, der in der Regelschule oft ‚draußen’ bleiben muss, soll zum lebendigen Erfahrungsraum werden. Diese Schule soll nicht nur einseitig intellektuell fördern, sondern die Schüler mit allen Seiten ihrer Person annehmen. Wir wollen eine freundliche, angstfreie Tagesheimschule ohne Noten und ohne Sitzenbleiben gründen, in der sich die Schüler geborgen fühlen. Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder in ihrer jeweiligen Altersstufe stehen im Vordergrund. Praktisch-handwerkliches und künstlerisch-musisches Tun sind bei der Erarbeitung der Lerngegenstände wesentlich. Wer mehr wissen möchte, wende sich bitte an die Projektgruppe für praktisches Lernen e.V., Postfach 1573, 8032 Gräfelfing, Tel. 089/8598086.“3


1 Michael Backmund: „‚Kriegsgerät interessiert uns brennend’ — Antimilitaristische Proteste — Schlaglichter von 1945 bis 2010“ in Zara S. Pfeiffer (Hg.), Auf den Barrikaden. Proteste in München seit 1945. Im Auftrag des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, München 2011, 155.

2 Frankfurter Rundschau vom 28. Oktober 1983, 4.

3 Mitteilungen der Humanistischen Union vom Dezember 1983, 39.

Überraschung

Jahr: 1983
Bereich: SchülerInnen