Materialien 1981

Die Aggression der Faschisten und der Antifaschisten

Bei der Veranstaltung des OV München zum Thema „Rechtsextreme Organisationen und Propaganda – Was lässt sich wirksam dagegen tun?“ waren auch einige Betroffene im Publikum: Friedhelm Busse, der Vorsitzende der „Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands“ (VSBD), eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die dann eine Schlägerei begann und noch ein paar einzeln auftretende Neonazis. So geriet die Veranstaltung schnell medias in res: es ging bei der Podiumsdiskussion um die Frage „Verbot oder nicht?“. Wäre es sinnvoll gewesen, diesen Vertretern des Rechtsextremismus den Eintritt zu verwehren oder das Wort zu verbieten?

Ich war betroffen von der Entwicklung der „Auseinandersetzung“ zwischen den (zumeist organisierten) Antifaschisten und den Neonazis. Es wurde deutlich, dass die Neonazis provozieren wollten und mit den Provokationen anfingen, aber auch, dass die Antifaschisten sofort mit Gegenaggressionen reagierten. Die Aggression als solche, wenn auch in verschiedener Ausprägung, war auf beiden Seiten dieselbe. Ich erlebte diese Kurzschlüssigkeit, die jede Auseinandersetzung verhindert, persönlich, als sich ein junger Mann in seinem Diskussionsbeitrag auf meinen vorhergegangenen bezog, als „interessante Ausführungen“. Ich spitzte die Ohren, bekam aber nur ein Stück zusammenhängender Rede zu hören, da diese Rede bald von den Antifaschisten unterbrochen wurde. Ich selber hatte den Redner weder vom Äußeren, noch von seinen ersten Aussagen her, einem Lager zuordnen können. Wenn sie nun schon mal da waren, die Betroffenen, dann hätte ich lieber wenigstens den Versuch gemacht, mit ihnen oder zu ihnen zu reden. Dazu kam es jedoch nicht.

Mein Beitrag, der – wie auch die Argumente der Podiumsdiskutanten – gegen ein (neues) Verbot rechtsextremer Organisationsformen Zuspruch aus dem anderen Lager fand, wollte hinweisen auf die vermutlichen Ursachen faschistischen Denkens und Handelns unter Vernachlässigung des ökonomischen und gesamtgesellschaftlichen Bedingungen.

Diese Hinweise beziehen sich auf den Zusammenhang zwischen persönlicher Biographie des einzelnen und der Entwicklung faschistischer Ideologie und Gesellschaftsstruktur.

Dabei geht es um die Umwandlung von ursprünglich in der Kindheit (aber auch später in der Schule, in der Arbeitswelt und in extremster Form im KZ) erlittenen Kränkungen und Demütigungen durch Erziehung als Herrschaft, die das Kind (bzw. den Untermenschen) ständig bevormunden, formen und als eigenständige Person zerstören will, in Gehorsamsbereitschaft einerseits (der Mitläufer des Faschismus) und Herrenmenschentum andererseits (der aktiven Faschisten). Die ersteren bleiben Opfer einer autoritären Herrschaft, die letzteren wandeln psychisch und häufig genug auch in der Tat die erlittenen Aggressionen um in Aggressionen gegen Untermenschen, sei es gegen die individuellen Kinder, sei es gegen Menschengruppen. Diese Zusammenhänge sind Interpretationen, als solche nicht beweisbar: meines Wissens gibt es keine überzeugenderen Untersuchungsergebnisse (Ich verweise auf Alice Miller: „Am Anfang war Erziehung“, Frankfurt 1980). Man müsste sonst annehmen, manche Menschen seien von Natur aus böse.

Nun taucht in solchen Veranstaltungen immer wieder, meist zaghaft, der Hinweis auf, man müsse destruktive Phänomene wie den Faschismus nicht nur auf der formal-politischen Ebene angehen, sondern in der Erziehung vorbeugen – womit meist Aufklärung auf einer humanistisch-rationalen Ebene gemeint ist, die nur bedingt greift, wenn das Kind auf emotionale Ebene gerade durch Erziehung und Bevormundung unterdrückt wird.

Andererseits lautet das Argument gegen die Annahme der Ursachen faschistischen Denkens und Handels in der Erziehung meist: Wir sind doch alle erzogen worden und nicht alle Faschisten geworden. Dies ist zweifellos richtig, beweist aber nicht die Unrichtigkeit der Annahme. Es gibt mehrere Formen der Umwandlung von erlittenem Leid (und die Funktion der Umwandlung besteht immer darin, dass das Leid als solches nicht mehr wahrgenommen wird): die Umwandlung in das Mitläufertum, das weiterhin jede Verantwortung für eigenes Handeln abschiebt auf Autoritäten, die Umwandlung in den offenen Faschismus, der das eigene Leid in anderen in brutalster Weise bekämpft und die Umwandlung in die Ausbildung eines extrem sensiblen Gespürs für Ungerechtigkeiten in ein scharfes soziales Gewissen. Menschen, die – aus was für Gründen auch immer – diese letztere Umwandlung gewählt haben, findet man nach meinen Erfahrungen häufig in humanitär orientierten Bewegungen. Oft wurden sie nicht mit offen brutalen Mitteln erzogen, sondern mit einer Moral, die das Erleben und Artikulieren eigener Bedürfnisse und Meinungen unterdrückte, auch die Aggression gegen diese Unterdrückung. Nicht selten kann man beobachten, dass solche Menschen die Aggression gegen sich selbst richten, z.B. sich für eine Idee aufarbeiten oder depressiv werden usw. und sich dadurch z.T. ihrer Kraft zum Widerstand berauben. Nur wenn diese Aggression darin ein Ventil findet, sich gegen eine als inhuman erkannte Ideologie zu richten und dadurch akzeptierbar wird, kann sie nach außen treten.

Solch einen Mechanismus vermute ich in den während der Veranstaltung geäußerten Aggressionen mancher Antifaschisten gegen die Neonazis. Die Aggression als Potenz ist dieselbe; auf der einen Seite ist sie als objektiv böse und inhuman zu bezeichnen, und auf der anderen Seite richtet sie sich gegen die Inhumanität. Das macht letztere verständlicher, akzeptabler, erlaubter – ist sie deshalb besser? Verändert sie etwas an der faschistischen Aggression? Oder schürt sie diese, nährt zumindest ihre Rechtfertigung?

Dass die Aggression eines ehemaligen KZ-Häftlings sich direkt gegen einen Vertreter der faschistischen Ideologie richtet, mit dem er konfrontiert ist, erscheint nur allzu verständlich. Dennoch wird dabei übergangen, dass dieser Mensch damals ein Kind war oder noch nicht geboren. Es erscheint unmöglich oder sehr schwierig, zumindest in einer öffentlichen Veranstaltung, dass ein ehemaliger KZ-Häftling dem heute aktiven Neonazi die vielleicht einzig wirksame, nämlich Betroffenheit erzeugende Reaktion entgegenhält: seine Betroffenheit.

Die Reaktion ehemaliger KZ-Insassen während der Veranstaltung war unterschiedlich: ein damals aus politischen Gründen Inhaftierter zeigte Zorn, eine Frau, die als Jüdin inhaftiert gewesen war, reagierte damit, dass ihre Finger taub wurden. Man kann von diesen Menschen nicht erwarten, dass sie ihre aktuelle Betroffenheit oder ihr damals erlittenes Leid mitteilen – vielleicht ist es unsere Aufgabe als Nachgeborene, dies für sie zu tun. Nur darin sehe ich eine kleine Chance, Faschisten als Menschen anzutreffen und durch die eventuell auch bei ihnen hervorgerufene Betroffenheit, ihre fundamentale „Denkhemmung“ aufzuzeigen. Sie können nämlich nur solange die Herrenmenschen sein, wie sie selbst in diesem System funktionieren (gab es nicht Mitläufer, die liquidiert wurden, weil sie „Fehler“ machten oder auf einmal aussteigen wollten?) und solange das System funktioniert. Sie vermeiden die Annahme, dass sie selbst Opfer sein werden, weil sie nicht mehr funktionieren oder weil das System zusammenbricht – für letztere Annahme gibt es allerdings auch wenig Grund, angesichts der skandalösen Anwendung strafrechtlicher Verfolgung der NS-Verbrecher in der Bundesrepublik.

Ursula Schmidbauer-Schleibner, München


Mitteilungen der Humanistischen Union vom Juni 1981, 22 f.