Flusslandschaft 1993

Atomkraft

Atomkraftgegnerinnen und –gegner meinen: „I mox net!“ Ab Donnerstag, 14. Januar, können 40.000 Einwender beim Erörterungstermin über den geplanten Einsatz plutoniumhaltiger Misch-
oxid-Brennelemente (MOX) in der Augsburger Schwabenhalle ihren Einspruch begründen. Viele Münchner AtomkraftgegnerInnen nehmen an der Veranstaltung teil. Ministerialrätin Edeltraud Böhm-Amtmann müsste im Auftrag der Genehmigungsbehörde sich einer neutralen Verhand-
lungsführung bedienen, tatsächlich vertritt sie die Ansichten von Minister Gauweiler und den Atomkraftwerksbetreibern. Drei Tage lang versuchen die Teilnehmer der Erörterung zu argumen-
tieren, am vierten Tag verlassen sie unter Protest den Ort der Verhandlungen.1

15. Februar: Einleitung des Raumordnungsverfahrens beim Atomforschungsreaktor FRM II in Garching – Siemens und die bairische Staatsregierung (mit 525 Millionen Mark aus dem Bildungs-
etat) wollen in Garching einen neuen, größeren Atomforschungsreaktor (FRM II) errichten, in dem hochangereichertes Uran, also atomwaffenfähiges Material, explosiver flüssiger Wasserstoff und brennbares, auf 2.500 Grad erhitzbares Graphit eingesetzt werden soll. Anfang März erklären sich der Bund Naturschutz und neun Bürgerinitiativen bereit, die Bürger gegen Atomreaktor Gar-
ching
, die schon seit eineinhalb Jahren aktiv sind, zu unterstützen. Es sind dies: Bürgerforum gegen Atomkraftwerke Landshut, Bürgerforum Volkshofen, Mütter gegen Atomkraft, Vierether Kuckucks-Ei, Bürgeraktion Umwelt und Lebensschutz Schweinfurt, Eltern gegen Atomkraft Ro-
senheim
, Mahnwache Gundremmingen und Oberpfälzer Initiativen gegen Atomanlagen. – Seit Anfang März läuft das Raumordnungsverfahren für den FRM II in Garching. Bürgerinnen und Bürger aus Garching, den angrenzenden Gemeinden und aus München äußern massenhaft ihre Bedenken. Unterlagen dazu liegen in Rathäusern und Landratsämtern aus. – 24. Mai: Die Garchin-
ger Bürgerinitiative sammelt über 400 Unterschriften und erzwingt die Durchführung einer außer-
ordentlichen Bürgerversammlung in Garching zum FRM II. – Am 21. Juli verlangt die Mehrheit der Anwesenden bei der Garchinger Bürgerversammlung im Bürgersaal, dass der neue Reaktor nicht gebaut wird. – Im Raumordnungsverfahren zum FRM II gibt es 15.000 Einwendungen; es wird im Oktober trotz aller Proteste von Gemeinden, Bürgern und wissenschaftlichen Gutachtern positiv abgeschlossen. – 20. Oktober: Das Atomrechtliche Genehmigungsverfahren zum FRM II wird angekündigt. – 29. Oktober: Öffentliche Auslegung der Planungsunterlagen des FRM II (u.a. der Sicherheitsbericht) – Am 13. November, Samstag, findet eine Großveranstaltung von 12 bis 15 Uhr auf dem Garchinger Bürgerplatz statt, um 15 Uhr beginnt der Protestmarsch zum geplanten Bauplatz am „alten Atom-Ei“ auf dem Garchinger Forschungsgelände. Die Polizei zählt 1.100 De-
monstrantinnen und Demonstranten, die Veranstalter zählen rund 1.500.2 – Am Mittwochvormit-
tag, 29. Dezember, übergeben nach einer Kundgebung, für deren Schwung bei großer Kälte die Münchner Ruhestörung sorgt, etwa hundert AtomkraftgegnerInnen Tausende von Einwendungen gegen den FRM II beim bairischen Umweltministerium am Rosenkavalierplatz.

Gegen das atomrechtliche Genehmigungsverfahren zum FRM II sammelt das Umweltinstitut München 50.000 Einwendungen und beginnt mit einer Umgebungsüberwachung von bairischen Atomanlagen.3

Anlässlich des „Tschernobyltages“ am 26. April betreiben die Mütter gegen Atomkraft (MgA) von 14 – 18 Uhr auf dem Marienplatz einen Infostand. Die Kundgebung um 17 Uhr veranstalten sie ge-
meinsam mit David gegen Goliath und dem Bund für Umwelt- und Naturschutz, die anschließen-
de Demonstration hat das Motto „Lichter und Blumen für das Leben“. Zugleich wiederholen die MgA ihre Aktion mit Großplakaten. Diesmal hängen an der U-Bahnstation Sendlinger Tor-Platz aufgelistete Störfälle, aus denen hervorgeht, dass in deutschen Atomkraftwerken alle 39 Stunden ein solcher Störfall stattfindet.

„,Atoms for Peace’, so hieß die Kampagne, mit der die USA das in der Atombombenproduktion erworbene Wissen für zivile Zwecke nutzbar machten. In den fünfziger Jahren machte sich die Menschheit in eine strahlende Zukunft auf. Vier Jahrzehnte danach gewinnen 26 Staaten der Erde aus Kernkraftwerken Energie, aber nirgends ist ein Weg in Sicht, sich des radioaktiven Abfalls zu entledigen, ohne unsere Nachkommen einem unkalkulierbaren Lebensrisiko auszusetzen; das Isotop Plutonium 239 zum Beispiel hat erst nach 12.000 Generationen ein harmloses Strahlungs-
niveau erreicht. Die bisherigen Methoden der Wiederaufbereitung tragen wenig zum Abbau der Müllberge bei. Bis zum Jahr 2000 steigen die Mengen weltweit auf knapp 200.000 Tonnen. Sie sind bestenfalls eingeschweißt in Glas- und Bitumenblöcken, die allesamt die Zwischenlager füllen und mehren. Nach Einschätzung des Washingtoner World-Watch-Instituts hat kein Land der Erde ein sicheres Endlager. So gleicht die zivile Nutzung der Kernkraft noch immer einem Flug, bei dem die Passagiere hoffen, die Ländebahn werde schon noch rechtzeitig fertig werden …“4

Ende September geht die neue britische WAA Thorp in Betrieb. Atomtransporte gehen von Gund-
remmingen nach Sellafield. Am 1. Dezember besuchen Karin Wurzbacher und weitere Mütter gegen Atomkraft das britische Konsulat, um eine Protestnote an Premierminister John Major zu übergeben. Sie fordern, dass die englische Wiederaufarbeitungsanlage Thorp nicht in Betrieb geht. Der ahnungslose stellvertretende Konsul, Clive Thompson, wird über Sinn und Zweck einer WAA informiert. „Eindruck hat unsere Aktion auf alle Fälle gemacht, denn nachdem Herr Thompson von uns auch etwas über die WAA La Hague erfahren hatte, war es ihm ein Anliegen, dass wir auch beim französischen Konsulat protestieren.“5

Französische Atomwissenschaftler planen eine kontrollierte Kernschmelze in Cadarache. Atom-
kraftgegnerinnen und –gegner überreichen am 3. Dezember im französischen Generalkonsulat ein Protestschreiben an den französischen Staatspräsidenten; er solle das Phebus-Experiment stop-
pen.

Am Mittwoch, 29. Dezember, überreichen am Ende des Einwendungsverfahrens die Mütter gegen Atomkraft im bairischen Umweltministerium etwa 50.000 Unterschriften von Menschen, die gegen den Forschungsreaktor FRM II in Garching protestieren. Die Übergabe begleitet die Samba-
gruppe „Ruhestörung“.

Siehe auch „Frauen“.

(zuletzt geändert am 20.4.2019)


1 Siehe auch „Krimi – kurz vor dem Mord“ von Marie Göring-Wikullil.

2 Siehe Bilder von der Demonstration „nein zum FRM II“ am 13. November von Cornelia Blomeyer.

3 Siehe www.umweltinstitut.org.

4 Wolfgang Roth: „Kernenergie: Das dicke Ende naht“ In: Süddeutsche Zeitung Nr. 199 vom 30. August 1993, 4.

5 Mütter Courage. Zeitung der Mütter gegen Atomkraft 1 vom April 1994, 27.

Überraschung

Jahr: 1993
Bereich: Atomkraft