Flusslandschaft 1968

Medien

Am 7. Mai findet eine Kundgebung vor dem Verlagshaus der Süddeutschen Zeitung statt, weil diese sich geweigert hat, ein Anti-Springer-Inserat abzudrucken.1

Als Reaktion auf die gegen die Springer-Presse gerichteten Studentenproteste hält Max Christian Feiler am 13. Juni einen Vortrag mit dem Titel „Gesetze gegen Verblödung durch Massenmedien“.

Heinz Huber erinnert sich: „Ein Bild, das seinerzeit durch alle Medien ging, war das von Napalm entsetzlich verbrannte vietnamesische Kind. Da dachten wir von der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK), wir könnten dieses Grauen unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern etwas näher bringen, wenn wir ankündigten, einen Deutschen Schäferhund im Innenhof des Deutschen Museums mit Napalm zu verbrennen. Natürlich hätten wird das nie in die Tat umgesetzt, hatten aber einen Schäferhund und einen Kanister, gefüllt mit harmlosem Leitungswasser parat. Nach der öffentlichen Ankündigung der Verbrennung in den Medien aber brach der Sturm los. In unserer Geschäftsstelle klingelte ununterbrochen das Telefon. Es gab Beschimpfungen, Ausfälle und Morddrohungen. Ein Schäferhunde-Verein aus Schleswig-Holstein kündigte an, dass er uns besuchen wolle.“2 Wenn der Vietnam-Krieg oder der Krieg in Biafra gegen Zamperl geführt würde statt gegen Menschen, hätte ihn der wütende Protest der Internationale der Tierfreunde schon längst gestoppt, so die Münchner Sektion der Internationale studentischer Kriegsdienstgegner (IsK): „Die Hundeverbrennung soll dokumentieren, dass sich die Menschen über den Tod eines Hundes mehr aufregen als über den Tod zahlloser Menschen.“ Der Entrüstungssturm, der sich über IdK und IsK ergießt, beweist, was zu demonstrieren ist. Ein „Fraule“ bietet sich sogar an, man möge lieber sie verbrennen als so ein Viecherl anzünden. Und im Namen der fünfzehntausend Mitglieder des Münchner Tierschutzvereins erklärt der 1. Vorsitzende Alfred Zoll: „Wir warnen die hundertfünfzig Mitglieder der IsK vor der Welle der Empörung, die aus allen Kreisen der Bevölkerung gegen sie anrollt.“3 — Die Kriegsdienstgegner blasen die ganze Aktion ab, weil sie befürchten, dass es Tote und Verletzte gibt. Auf einer öffentlichen Diskussion im Lohengrin in der Türkenstraße 59 in der Maxvorstadt soll einige Tage später bewiesen werden, dass die Menschen „für das Leben von Tieren sehr viel mehr übrig haben als für das Leben der Menschen“. In einem Brief an die Münchner IsK erklärte der Psychoanalytiker Hans Kilian: „Das Gefühl der Tierliebe diene vielen Menschen als Alibi einer Humanität, die es im menschlichen und gesellschaftlichen Leben faktisch nicht gebe … Der Menschenhass sei bei manchen friedlichen Zivilisten mit einer Tierliebe gekoppelt.“4 — Natürlich fackeln die, die dann reden, keinen Dackel ab. Auch die nicht, die nicht davon reden. Ebenso wenig werden amoklaufende Ausnahmezündler bekannt. Einen Sinn aber haben diese provokativen Drohungen. Sie beweisen sich ihr Bild von der Gesellschaft und ihre eigene Handlungshemmung. Sie benutzen die Massenmedien in der Form, die diese selbst nur anbieten. Sie beweisen, dass Medienpräsenz immer plakativer und aggressiver, aber auch immer schneller vergänglich wird. Abgestumpfte Beliebigkeit und ununterbrochenes Bombardement von Versatzstücken erfordern eine Massierung von Stimuli, die auf den Nährboden von Infantilität und Brutalität der Rezipienten fallen, ohne dass diese auch nur ansatzweise mit dem Nachdenken beginnen.5

Siehe auch „Militanz“.


1 Siehe „Erklärung“; vgl. Süddeutsche Zeitung 110/1968.

2 Heinz Huber in der Sendung „Nie wieder Barras, nie wieder Krieg“ des Friedensforums in Radio Lora am 7. September 1989.

3 Süddeutsche Zeitung 184 vom 1. August 1968, 13.

4 Süddeutsche Zeitung 187 vom 5. August 1968, 15.

5 Siehe „Aus dieser Straße …“ von Herbert Röttgen.