Flusslandschaft 1991

Lebensart

„Es stinkt im Münchner Klärwerk — Die Münchner Oberstaatsanwältin Ursula Lewenton denkt nicht an Kokain, wenn sie vor ,Verhältnissen wie in Kolumbien’ warnt. Die sehr behutsam formulierende Expertin für Wirtschaftskriminalität leitet die Ermittlungen in dem Münchner Bestechungsskandal, in den als städtischer Bediensteter der frühere Bauleiter und spätere Chef eines Münchner Großklärwerks und mindestens 20 Münchner Elektrofirmen – allen voran die Firma Siemens – verwickelt sind. Bilder wie ,Elektro-Mafia’ und ,Spitze des Eisbergs’ haben sich mittlerweile als zutreffend erwiesen: Mit Preisabsprachen, festen Schmiergeldtarifen für die Einsichtnahme in Konkurrenzangebote (drei Prozent vom Auftragsvolumen) und teilweise gefälschten Endabrechnungen hatte sich der beteiligte Firmenklüngel die Aufträge beim Bau des 1989 in Betrieb gegangenen Klärwerks München II (Dietersheim) und allem Anschein nach auch die Erweiterungsaufträge fürs Klärwerk München I (Großlappen) zugespielt. Die Connection flog auf, weil einer der an der Runde beteiligten Mittelständler die 400.000 Mark Bestechungsgeld von der Steuer absetzen wollte. So kam der Leiter des Klärwerks in Haft – und mit ihm ein 70jähriger Siemens-Rentner, der angeblich ohne Wissen seines Ex-Arbeitgebers und ganz aus freien Stücken gegen einen ordentlichen Anteil vom Bakschisch-Kuchen die krummen Geschäfte eingefädelt und das Bargeld transportiert hatte. Siemens beteuerte öffentlich Unschuld und kündigte ,eigene Ermittlungen’ an. Doch die betriebsfremden Ermittler der Kripo wurden schneller fündig: Bei einer Durchsuchung der Zweigniederlassung (ZN) München fiel den Fahndern die Lücke in den sonst ordentlichen Geschäftsunterlagen auf. Dem Vernehmen nach hatte ein Siemens-Manager die Beseitigung angeordnet und einen Lkw voll Akten nach Erlangen transportieren lassen. Gegen ihn und sechs weitere Leitende der ZN an der Richard-Strauß-Straße ergingen (inzwischen ausgesetzte) Haftbefehle wegen Verdunklungsgefahr. Seitdem die Siemens-Beteiligung an dem Bestechungsskandal unübersehbar ist, hat der Münchner SPD-Oberbürgermeister Georg Kronawitter die ursprüngliche Ankündigung, verstrickte Firmen nicht mehr mit Aufträgen zu bedenken, nicht wiederholt. Und nach einem Telefonat mit Siemens-Chef Karlheinz Kaske, den er zunächst ins Rathaus zitieren wollte, zeigte sich der OB nach einem Bericht der ,Süddeutschen Zeitung’ plötzlich überzeugt, dass die Konzernspitze sich nicht um Kleinkram wie die 1,3 Millionen Schmiergeld für die Klärwerke gekümmert habe: ,Die machen im Jahr 75 Milliarden Mark Umsatz. Das sind 1,5 Milliarden pro Woche und 300 Millionen pro Arbeitstag.’ Auf staatlicher Seite sind an den Ermittlungen fünf Dienststellen beteiligt – darunter auch das bayerische Wirtschaftsministerium. Bleibt zu hoffen, dass die Oberstaatsanwältin Lewenton nicht zur Hauptrolle in einer Serie ,Allein gegen die Mafia’, live aus München, verurteilt wird.“1 Siehe auch „Lebensart“ 1992.


1 Metall. Zeitung der Industriegewerkschaft Metall 13 vom 28. Juni 1991, 7.

Überraschung

Jahr: 1991
Bereich: Lebensart