Flusslandschaft 1989
Wohnen
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1983 begründete die Bonner Koalition das neue Mietgesetz mir den Worten „stärkere Anpassung der Mieten an den Markt“. – „… Mieterverein-Geschäftsführer Felix von Grünberg. München, Anzeige im Februar für eine Wohnung im Altbauviertel Haidhausen: ,’3 Zi., ca. 135 qm, kompl. eingerichtete Küche, 4. OG., Lift, Miete 2.400,- + 350, – NK + Kt.’ Dallas ist ein Wiegenlied gegen die Mietersituation 1989 … Unweit von der Münchner CSU-Zentrale liegt ein schäbiger Altbau in der Kreittmayerstraße. Hier wohnt die 62jährige Rentnerin Erna Müller (Name geändert). 358 Mark Kaltmiete zahlt sie für ihre winzige Wohnung ohne Bad, 42 Prozent also von ihren 861 Mark Rente. Hausbesitzer Helmut K., Arzt und Zahnarzt in Pfaffenhofen, versucht schon länger, die Mieterin loszuwerden. – Immerhin konnte er bei einer anderen, nicht mal 50 Quadratmeter großen Wohnung im Haus die Kaltmiete schon auf 980 Mark schrauben. Mit aberwitzigen, für die Mieterin nutzlosen Modernisierungsplänen – ein Bad und die notwendige Fenstersanierung waren nicht dabei – will er jetzt die Kaltmiete von Erna Müller auf 858 Mark katapultieren. Der Rentnerin blieben dann drei Mark zum Leben. – Wohngeld? Sie würde nur 90 Mark bekommen. Mietwucher? Nach den neuen Gesetzen liegt dieser Strafbestand erst vor, wenn die Miete mehr als 50 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegt und dazu eine Notlage ausgenutzt wurde. Josef Wüstefeld, Pressesprecher des Deutschen Mieterbundes in Köln: ‚Es gibt kaum Prozesse wegen Wuchermieten. Ordnungsbehörden bearbeiten Anzeigen dermaßen schleppend, dass Betroffene bald aufgeben.’ – Auch der Bau neuer Wohnungen wurde Objekt schöner Fensterreden, während die Tatsachen ganz anders aussehen. Das Bonner Bauministerium weist stolz auf ein Beispiel hin: 16.934 Wohnungsbaugenehmigungen im November 1988. Davon sind aber 6.851 Einfamilienhäuser und 3.398 Eigentumswohnungen abzuziehen. Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, das klassische Objekt wohnungssuchender Mieter, belaufen sich nur auf 5.960. Und was Bonn ganz verschweigt: Jährlich verschwinden 130.000 Mietwohnungen aus dem bundesweiten Bestand, durch Abbruch, Zweckentfremdung, Umwandlung in Eigentumswohnungen. – Die Zahl der Mieter, die mit dem Rücken zur Wand stehen, verzweifelt Wohnungen suchen, unter horrenden Mietsteigerungen leiden, ist Legion. Der Deutsche Mieterbund errechnete, dass ohne Förderung von mindestens 100.000 neuen Sozialwohnungen die Wohnungsnot dieses Jahr um mindestens 200.000 Wohnungen auf eine Gesamtzahl von einer halben Million fehlenden Behausungen steige. – Wie Hohn klingen angesichts der bundesweiten Wohnungsnot in Großstädten Äußerungen des Zentralverbandes der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer. Von Not zu reden, sei ‚eine unverantwortliche wohnungspolitische Panikmache. Mindestens 95 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung ist heute bestens und zur eigenen Zufriedenheit mit Wohnraum versorgt’. Theodor Paul, Präsident des Verbandes, gibt zwar durchaus ‚regionale Engpässe, insbesondere in Ballungsgebieten’ zu … Als sich Wohnungsbauminister Schneider vor ein paar Wochen in die Mieterhölle München wagte und von Spekulationsgeiern bedrohte Mieter besuchte, empfingen die ihn mit einem bitteren Scherz: Wie heißt der Münchner Nebenfluss der Isar mit sieben Buchstaben? Reibach. – Jeder verstand den Scherz. Nur Schneider offenbar nicht. Denn er meinte immer noch, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen sei doch an sich nichts schlechtes, eine „Masse Mieter“ sei gar ‚froh, die eigene Wohnung erwerben zu dürfen’.“1
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Manche Bürgerinitiative kann einen kleinen Erfolg verbuchen. Am 24. Juni feiert die Aktion Maxvorstadt die Rettung eines Hauses in der Veterinärstraße.
Das Mietniveau in München liegt 53 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Beim Wohnungsamt liegen im Juli 18.000 Anträge auf eine Sozialwohnung vor, 9.000 von ihnen sind dringlich. Oft fressen die Mieten 30 bis 50 Prozent des Haushaltseinkommens. Ab September sammelt der Mieterverein München e.V. Unterschriften für einen „Münchner Mieterschutzbrief“, der dem Bundestag vorgelegt wird. Zwei Aktionen finden in der Fußgängerzone statt: Ein Wohnzimmer ist unter dem Motto „Wir bleiben hier“ zu sehen, eine Bank wird aufgestellt mit dem Motto „Jeder Spekulant findet seine Bank“.
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Am 19. Oktober versammeln sich 5.000 Menschen auf dem Marienplatz zur Mieterkundgebung unter dem Motto „Münchner Mieter wehren sich“ auf dem Marienplatz. Zahlreiche Mietergemeinschaften und Mieterinitiativen aus vielen Stadtvierteln nehmen daran teil. Auf Tafeln ist zu lesen „Weltstadt der Spekulanten. Wir fordern für den Ballungsraum München: 1. Verbot der Umwandlungsspekulation von Miet- in Eigentumswohnungen. 2. Begrenzung der Mieterhöhung auf maximal 15 Prozent in 5 Jahren statt der jetzigen 30 Prozent in 3 Jahren. 3. Verstärkte Förderung des sozialen Mietwohnungsbaus. 4. Verlängerung der Kündigungsschutzfristen für Mieter“ und „Hafenstraße bleibt“. Auf einem Transparent steht: „Die Erde ist vermessen/auf ‚Eigentum’ getauft/ Mich hat man nicht vergessen/Mich hat man mitverkauft.“4 Einige Alternative skandieren: „Miete ins Sparschwein, Kündigung ins Klo, Hausbesetzung sowieso!“
Am 11. November protestieren etwa dreihundert Menschen vor dem Verwaltungsgebäude der Neuen Heimat Bayern; 14.700 Wohnungen in München und 5.651 in Neuperlach sollen verkauft werden. Die Mieterinitiative Neuperlach fordert, dass die NH-Wohnungen von der öffentlichen Hand übernommen werden.
„Die Preise für Bauland sind 1989 um 25,1 Prozent gestiegen, also viel schneller als im Jahr zuvor (8,6 Prozent). Bauland ist heute zwölfmal teurer als 1961. Freilich differieren die Preise je nach der Lage in der Stadt. Bauland für ein freistehendes Familienhaus kann in bevorzugter Wohnlage (etwa Bogenhausen) zwischen 1.000 und 1.300 Mark pro Quadratmeter kosten. In einfacher Lage, meist durch ungünstige Verkehrsanbindung und Immissionen von nahegelegenen Straßen gekennzeichnet, kostet der Quadratmeter zwischen 680 und 900 Mark.“5
(zuletzt geändert am 19.12.2023)
1 Stefan Esser: „Der Wucher um die vier Wände“ In: Metall. Zeitung der Industriegewerkschaft Metall 5 vom 10. März 1989, 10 ff.; siehe: „Nach 39 Jahren Räumungsklage: ‚Das überleben wir nicht’“ und „‚Miete – die neue Ausbeutung’ — METALL-Interview mit dem Münchner Mieter-Anwalt Christian Ude“.
2 Zeichnung: Ali Mitgutsch, 20 Jahre Aktion Maxvorstadt 1971 – 1991, unpag.
3 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
4 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen
5 Süddeutsche Zeitung 142 vom 23./24. Juni 1990, 17.
Diesen Artikel zitieren
Wohnen. In: Protest in München seit 1945. Stand: 19. Dezember 2023. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/4156 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).