Flusslandschaft 1977
Wohnen
Seit Anfang 1977 besteht in München kein „Grauer Kreis“ mehr. Jetzt sind die Mieten in Altbauten nicht mehr an einen festen Quadratmeterpreis gebunden, sondern orientieren sich an den üblichen Vergleichsmieten. Die Stadt veröffentlicht im Januar einen sogenannten Mietpreisspiegel, der u.a. eine durchschnittliche Mieterhöhung von 160 Prozent für eine vor 1919 erbaute Altbauwohnung mit WC, Bad und Zentralheizung errechnet. Proteste zwingen die Stadt, diese Statistik zurückzu-
nehmen und neu zu überarbeiten.1
„… Den 150 Mietern des Anwesen Hauzenbergerstr. 10 bis 18 ist eröffnet worden, daß sie entweder ihre Wohnungen als Eigentumswohnungen kaufen können (wer kann das schon, eine sechsstellige Summe hinblättern) oder aber alsbald auszuziehen. Den Kündigungsschutz hatte der feine Herr Großvermieter dadurch unterlaufen, daß er alle Wohnungen als seine Eigentumswohnungen ins Grundbuch eingetragen hat. Den Mietern hat er freilich davon nie etwas erzählt, die wollte er ‚kalt‘ erwischen … Edgar Heckelmann ist Chef der DEBA, die den Häuserblock gebaut und später an die ‚Timano‘ verkauft hat. Chef der ‚Timano’ ist ebenfalls Heckelmann. Mulit-Chef Heckelmann hat mit solchen Geschäften seit 1958 über 500 Millionen DM (errechnet vom STERN) gemacht. Die Münchner wurden dabei schon immer am meisten zur Ader gelassen. Im 0lympia-Dorf kaufte er den Grund vom Freistaat Bayern für 187 Mark pro Quadratmeter. Andere hätten das Dreifache geboten – aber Heckelmann bekam‘s. Dafür verlangte er dann auch noch mehr als das Doppelte für die fertigen Eigentumswohnungen, als er vorher vertraglich zugesichert hatte. Und wieder ließen ihn die Behörden gewähren. Diese „Stütze der Gesellschaft“ wurde sogar Ehrensenator der Universität München …“2
Das „Westendkomitee“ um Peter Eberlen setzt sich für die Erhaltung des Westends als bezahlbares Wohngebiet ein und plant eine eigene Publikation: die Westend-Nachrichten.
„Mieterhöhung in Hadern. In der Guardini-Straße, wo die Bayerische Versicherungskammer über 300 Sozialwohnungen vermietet, herrscht Empörung! Die Mieter erhielten Briefe, worin die BVK eine empfindliche Mieterhöhung ‚in einer ersten Stufe‘ zum 1.6. und 1.7.77 ankündigt. Es folgt der Hinweis auf Abbau öffentlicher Förderung und steigende Betriebskosten (Gartenpflege und Haus-
meisterkosten). Um diese ‚soziale Tat‘ in einem ihr günstigen Licht erscheinen zu lassen, hat sich die BVK in ihrer ‚Mieter-Information‘ und in Rundschreiben schon seit langem einen Sündenbock ausgesucht: Kinder, die angeblich von ihren Eltern zu wenig daran gehindert werden, die Pflanzun-
gen und Grünflächen der Wohnanlage ‚mutwillig‘ zu beschädigen. Nein, so einfach ist das nicht!!! Wir Mieter werden uns zur Wehr setzen und den Finger auf jeden Posten dieser Rechnung legen. ‚Mit Kammersicherheit für jederman‘ – der slogan der BVK. Wovor können wir da sicher sein?! In sogenannten ‚frei-finanzierten‘ Wohnungen am Stiftsbogen ist das Wohnen für BVK-Mieter teurer geworden. Sie sind jetzt von 100 Kfz-Stellplätzen vor ihren Wohnungen ausgesperrt, nachdem sie ca. ein Jahr lang dort kostenlos parken durften. Nicht zuletzt diese Parkmöglichkeit hatte die teuren Wohnungen attraktiver gemacht. Was seit neustem ‚Kundenparkplatz Einkaufszentrum’ heißt, wird vor vielen Kunden von 8 bis 20 Uhr und sonntags mit Ketten gesichert. Begründung der BVK: Die Tiefgaragen sind jetzt fertig! Weil die BVK ihre teuren Tiefgaragen nicht loswird, darum sollen die Autobesitzer zum Anmieten gezwungen werden. Wer also bei uns in Hadern ein Auto braucht, wird wiedermal zur Kasse gebeten. Warum nicht? U-Bahn und S-Bahn sind doch auch teuer! Schlimm genug, aber U- und S-Bahn wird man hier noch lange nicht sehen, wenn es im Stadtrat so weitergeht wie bisher.“4
Sanierung in Haidhausen: Die Bewohner befürchten Mietsteigerungen, haben Angst, dass sie ihre angestammten Mietwohnungen verlieren, wenn das Haus abgerissen wird, müssen übergangswei-
se umziehen … Das Münchner Sozialreferat hat zwar Hilfspläne ausgearbeitet, aber erst die Schau-
spielerin und Schriftstellerin Carlamaria Heim, die Vorsitzende des Sanierungsbeirats, kann mit massiven Protesten etwas bewegen.5
Wer kennt sich schon aus im Wust der Vorschriften, der Gesetze und Gesetzesänderungen!? Mieterinnen und Mieter eher nicht.6
Die Auseinandersetzungen um Zweckentfremdung, Luxussanierung und Umwandlung von Wohn- in Büroräumen im Lehel hält an, zuweilen sogar von Erfolg gekrönt: „Jubel, Freudenschrei – Wir haben schon berichtet über das Haus Gewürzmühlstr. 17 im Lehel! Der frühere Besitzer verschul-
dete; Zwangsversteigerung; das Haus ging für etwa 650.000 an ein Architektenbüro Conle in Duisburg, der bei der Gelegenheit auch gleich das Nachbarhaus Sternstr. 16 kaufte. Den 7 WG’s und der älteren netten Dame, die hier wohnen, wurde gekündigt. Begründung: ‚Sicherstellung einer vernünftigen wirtschaftlichen Nutzung’. Die WG’s und die nette ältere Dame haben zusam-
men einen Prozess gegen diese Absichten angestrengt; der Zirkus aus Gutachten und Gegengutach-
ten ging los … Warum? Einfach weil wir hier zusammen wohnen bleiben wollen und auch vielleicht mal mehr daraus machen. Im Herbst haben wir die erste Instanz gewonnen. Der neue Besitzer ging in Revision … und jetzt ist es heraus: trotz der ihm nachgesagten mieterfeindlichen Haltung hat uns das Landgericht recht gegeben: WIR BLEIBEN DRIN! Jetzt kommt hoffentlich das städtische Wohnungsamt zum Zuge und macht dem Besitzer Dampf, damit er endlich herrichten muss, was er bisher absichtlich verwahrlosen ließ. Wir wünschen uns selber Glück für ein besseres Leben in der Gewürzmühlstraße, die wir – abgesehen von der Versicherungskammer-Ecke – liebgewonnen haben. — Leute aus dem Haus“7
In Hadern kriselts immer noch. Sanierungen laufen nicht immer zufriedenstellend ab. 8
(zuletzt geändert am 9.10.2025)
1 Vgl. Haidhauser Nachrichten 3 vom März 1977, 1.
2 Der scharfe Radi. Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei für Laim, Hadern und Westend Extra vom März 1977, 1f.
3 Der scharfe Radi. Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei – DKP für Laim, Hadern und Westend vom März 77, 7.
4 Der scharfe Radi. Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei – DKP für Laim, Hadern und Westend vom Mai 77, 4 f.
5 Siehe „Keine Hilfe bei Sanierungshärten“.
6 Siehe „Ein ganz alltäglicher Fall“.
7 Blatt. Stadtzeitung für München 109 vom 8. Dezember 1977, 2. Vgl. auch Blatt. Stadtzeitung für München 110 vom 16. Dezember 1977, 7.
8 Siehe „Prost Neujahr, Herr Preißinger!“.