Flusslandschaft 1970
Kinder
Die Uraufführung im Theater der Jugend „oder auf etwas schiessen, bis es kaputt ist“ von Helmut Walbert findet am 28. Januar 1970 statt. Der Autor: „Das »Schießen-Stück«, wie es hieß, hatte für mich den Sinn, Sozialverhalten und Spielverhalten von Kindern und Jugendlichen zu zeigen, von Zwölfjährigen etwa, Machtverhalten, das man in Kindergruppen beobachten kann. Ich hatte dieses Stück so strukturiert, dass sechs Personen agieren, ohne Namen, sondern mit Nummern. Nummer 1 war der Boß, 2 war ihm sehr nahe, war sein ausführendes Organ, 3 war dazwischen, hatte auch komische Züge, mußte auch dem 2er dienen, der 1er machte aus den Rivalitäten sein Spiel, 4 hielt sich meistens aus allem heraus, 5 war von Nummer 1 sehr weit entfernt, aber er war kein Rebell, sondern tendierte eher ins Komisch-Theatralische, er war auch der Cowboy. Nummer 6 war das Schlußlicht, wurde von allen gehänselt und nicht ernst genommen, hatte furchtbar zu leiden. Es waren nur Jungen, das war meine Vorstellung. Ich hatte schon überlegt, vielleicht auch ein Mäd-
chen hinzuzunehmen, bin aber dann wieder davon abgekommen. Aber die Mädchen, das sagten sie mir, erkannten sich auch wieder. Bei den Aktionen ging es darum: Wenn Nummer 1 einen zu gro-
ßen Fehler gemacht hat, konnte er abgesägt werden. Es wurde geschossen, auf wen, weiß ich nicht mehr genau. Es gab jedenfalls zwei Pistolen, eine Schreckschußpistole und eine echte. Mit der ech-
ten wurde geschossen, aber es ist nichts passiert, es gab keinen Toten auf der Bühne. Das war halt ein Spiegel, der vorgehalten wurde – Theater im ureigenen Sinn. Man traute aber zwölfjährigen Kindern offenbar nicht zu, daß sie es verstehen könnten. Das Stück wurde »älter« gemacht, kein Kinder-, sondern ein Jugendstück. Jeder sagte oder dachte, so können zwölfjährige Kinder nicht handeln, man wollte die Kinder schützen. Heute handeln Kinder viel brutaler in der Wirklichkeit als in meinem damaligen Theaterstück. Es lief gut im Theater der Jugend, weil es sehr viel Publizi-
tät hatte. Bundesweit gab es 16 Inszenierungen …“1
Der AStA der Akademie der Bildenden Künste an der Akademiestraße 2 – 4 lädt für den Abend des 29. Januar Buben und Mädchen der drei Münchner antiautoritären Kinderläden zu einem Konzert der Musikgruppe Embryo in die Aula der Akademie ein. Die progressive Musik soll dabei „die Kin-
der zur Entfaltung eigener Aktivität anregen“.2
Vom 10. bis 13. Juni verteilt die Gruppe „Kunst Erziehung Kybernetik Soziologie“ (KEKS) Flug-
blätter vor Schulen im Hasenbergl und in Fürstenried sowie auf Kinderspielplätzen und im Eng-
lischen Garten. Darin heißt es: „Kinder aller Länder vereinigt euch! … Spielplatz ist überall … Wir lassen uns nirgendwo mehr das Spielen verbieten.“ Es kommt zu unterschiedlichen Reaktionen. „FOLGEN DER AKTION: Die Initiatoren wurden am 7. Juli 1970 zu einer Bezirksversammlung am Hasenbergl eingeladen, die die Freigabe von Rasenflächen für Kinder als Tagesordnungspunkt aufgenommen hatte. Auf der Versammlung wurde die Initiative durchaus begrüßt, die Methode des Vorgehens allerdings kritisiert, weil nämlich Kinder zum ‚Ungehorsam’ aufgefordert und als Informationsträger für ihre Eltern ‚benutzt’ worden waren.“3
Vierzig Kinder stürmen am 15. Juli mit ihren Eltern das Münchner Rathaus, um gegen dreißigtau-
send fehlende Kindergartenplätze zu protestieren. Die Stadträtinnen und -räte lehnen es ab, die Eltern (Sprecherin Ingeborg Weber) vor der Vollversammlung reden zu lassen, eine Delegation mit Bürgermeister Dr. Hans Steinkohl und Stadtschulrat Anton Fingerle hört sich jedoch die Klagen und Forderungen der Eltern im kleinen Sitzungssaal an. Neben der Forderung für Kindergarten-plätze für alle Kinder werden noch genannt: Abbau autoritärer Strukturen in den Kindergärten und die Förderung der antiautoritären Modellkindergärten, eine bessere Bezahlung der Erzieher und eine Erhöhung der Zuschüsse. Am Abend findet auf Initiative des Bayerischen Elternverbandes und des Arbeitskreises der Kindergärtnerinnen im Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz eine Pro-testversammlung gegen den Kindergartenmangel statt.4
„HU-Arbeitskreise Kindergarten und Vorschulerziehung — Seit September trifft sich in München regelmäßig der Arbeitskreis Kindergarten und Vorschulerziehung. Er setzt sich mit theoretischen und praktischen Problemen der repressionsfreien Erziehung in unserer Gesellschaft auseinander und versucht zum Beispiel Empfehlungen für Selbsthilfegruppen und Öffentlichkeitsarbeit zu entwickeln. — Diskussionsgrundlage bilden die Erfahrungen des Kindergarten Pasing (vgl. Vor-gänge Nr. 5). Das Kindergartenseminar der HU in Wiesbaden bestimmte die Arbeit im Kindergar-ten wesentlich. — Besonderer Wert wird auf ein nicht leistungsorientiertes, emotionales Selbst-verständnis, auf die Befähigung zu einem kritischen sozialen Verhalten und auf die Entfaltung von Kreativität und Spontaneität gelegt. Den parallel geförderten seelisch oder geistig gestörten Kin-dern werden keine isolierten Fertigkeiten beigebracht, sondern es wird eine Förderung der Ge-samtpersönlichkeit versucht. Sie erfahren ihre eigenen Bedürfnisse und lernen, sich ihrer Stärken bewusst zu werden und ihre Schwächen selbständig zu beherrschen. Die Elternarbeit wird durch eine analytische Müttergruppe seit September intensiviert. — Die Teilnehmer des Arbeitskreises bitten die Mitglieder der HU um Unterstützung des vielversprechenden Modells. Der Kindergarten Pasing ist ein gemeinnütziger Verein und kann Spendenquittungen ausstellen. Spenden werden auf das Konto 197076 der Hypo München-Pasing erbeten.“5
Das neu entstandene gesellschaftliche Verhältnis zu Kindern, deren Interessen ernst genommen werde, löst auch einen Boom für Kinder- und Jugendtheater aus. Allerdings sind die bis jetzt gezeigten Stücke meistens fragwürdig.6
Die Deutsche Friedensgesellschaft/Internationale der Kriegsdienstgegner (DFG/IdK) führt am 19. Dezember eine Weihnachtsaktion „Abrüstung im Kleinen für die Kleinen“ gegen den Kauf von Kriegsspielzeug durch. Eltern und Kinder können mit Holzhämmern altes oder neu gekauftes Kriegsspielzeug selbst vernichten und erhalten dafür sinnvolles Spielzeug geschenkt.
(zuletzt geändert am 28.12.2025)
1 Zit. in: Gudrun Lukasz-Aden, Der eine kämpft, der nächste erntet. Vierzig Jahre Theater der Jugend. Vierzig Jahre Theater-Geschichte, (München 1993), 28 f.
2 Siehe dazu „Spieltherapie statt Kinderläden“.
3 Aktionsraum 1 oder 57 Blindenhunde, München 1971, 142; siehe „Hasenbergl …“.
4 Fotos von Dimitri Soulas, Fotomuseum.
5 Mitteilungen der Humanistische Union 45 vom Oktober/November 1970, 1 f.
6 Siehe „Nach allen Regeln der Polizeikunst“ von Melchior Schedler.