Flusslandschaft 1970

Kunstakademie

Der Student Peter Finkenstaedt wird am 10. Februar wegen erschwerten Hausfriedensbruchs nach dem Jugendstrafgesetz verwarnt, weil er am 20. Februar 1969 zusammen mit einhundertzweiund-
zwanzig anderen Studenten die Akademie der Bildenden Künste in der Akademiestraße 2 – 4 nach der Schließung durch das Kultusministerium gestürmt hatte. – Graphiker Volker Hinninger thematisiert die vergangenen Polizeieinsätze vor und in der Kunstakademie und kombiniert dies mit einem Selbstporträt.

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Volker Hinninger: Selbstporträt, Siebdruck. Rechts oben fliegt Kultusminister Huber. Im Absatz des Schuhs rechts unten steht “Made in USA”. Im Saum der Hose sind die Stares and Stripes eingenäht.

Im Juni suspendiert Präsident Nagel den Kunsthistoriker Harro Ernst aus seinem Bibliotheksamt.2

Hermann Nitsch plant im Sommer 1970 sein „Abreaktionsspiel“ als geschlossene Hochschulver-
anstaltung in der Münchner Kunstakademie. Das Kultusministerium bezieht sich in seinem Auf-
führungsverbot auf den inzwischen verwaltungsgerichtlich angefochtenen Bescheid des Amts für öffentliche Ordnung der Landeshauptstadt München. Das Amt beschreibt ein Spiel wie folgt: „Die abgehäuteten Kadaver zweier Lämmer werden gekreuzigt. Die Mitwirkenden reißen mit bloßen Händen Brust- und Bauchhöhle der Tiere auf, sie zerren die Eingeweide heraus und zerfetzen diese. Die Kadaver werden vom Kreuz gerissen, mit Nägeln durchbohrt, zerschnitten, zertrampelt, mit Blut und Gedärm überschüttet. Die Mitwirkenden besudeln sich selbst mit Blut und rohen Fleischfetzen, wobei mindestens eine Person total entkleidet wird. Boden und Wände des Veran-
staltungsraumes sowie Ausstattungsgegenstände werden mit Blut, Farbe und Kot verschmiert und bespritzt. Die Zuschauer werden aufgefordert, sich selbst zu beteiligen.“3 Das Präsidialkollegium der Kunstakademie (Aloys Goergen, Franz Nagel, Thomas Zacharias) tritt daraufhin am 5. Juli aus Protest gegen das Verbot des Auftritts des Aktionskünstlers zurück. Die Professoren werten das Verbot durch das Kultusministerium als schweren Eingriff in die Lehrfreiheit und „sehen sich nicht mehr in der Lage, in den zwischen Hochschule und Kultusministerium sich verschärfenden Span-
nungen länger zu vermitteln“.4

In der Kunstakademie wird die „Cuba-Ausstellung“ der Roten Zellen eröffnet.5

3. August: Auf Druck des Kultusministeriums wird die Sonderausstellung der Kunstakademie zum Thema „Kunst und Gesellschaft“ im Kunstverein in der Galeriestraße 4 in der Maxvorstadt vor-
zeitig abgebrochen. Sie war Bestandteil der Politikunst-Ausstellung des Stockholmer Moderna Museet mit dem Titel „Verändert die Welt! Poesie muss von allen gemacht werden!“

Der Senat der Kunstakademie legt am 28. September beim Verwaltungsgericht Widerspruch gegen die Entschließung des Kultusministeriums ein, die einhundertzweiundzwanzig Probezeitentschei-
dungen vom Juli/August im Oktober durch Nürnberger Professoren wiederholen zu lassen. Die Entschließung stelle einen „unerträglichen Eingriff in den Kernbereich der durch die Verfassung garantierte Freiheit von Lehre und Forschung“ dar. Das Kultusministerium kann sich jedoch am 19. Oktober rechtlich durchsetzen, da die Akademie durch die Bindung an das Kultusministerium keine Klage erheben kann.

Die Erstsemestler an der Kunstakademie boykottierten am 16. Februar die Probezeitprüfung. Am 17. Februar wurde die Probezeit abgeschafft und die Öffentlichkeit der Senatssitzungen beschlos-
sen. Das Münchner Verwaltungsgericht entscheidet am 27. Oktober im Streit um die Probezeit-
prüfungen an der Kunstakademie vom 15. Juli gegen das Kultusministerium. Vierundfünfzig Stu-
denten können sich damit sofort einschreiben. Das Bayrische Verwaltungsgericht widerruft am 28. Oktober die Entscheidung und beschließt die Wiederholung der Probezeitprüfung für einhundert-
zweiundzwanzig Studierende. Das Akademie-Präsidium verurteilt diese Entscheidung als schweren Eingriff in die Autonomie der Akademie.6

22. November: Das Kultusministerium lehnt die Berufung des Sozialpsychologen Dr. Hans Kilian, der als Sympathisant der APO gilt, auf den Lehrstuhl für angewandte Psychologie an der Kunstaka-
demie ab.7 Die Architekturstudenten protestieren dagegen und fordern das Kultusministerium auf, den Verdacht politischer Motivation für die Ablehnung zu entkräften.

Der Akademie-AStA veranstaltet am 19. Dezember in der TH-Mensa unter dem Titel „„Polit Pop Weihnacht“ eine Kunstauktion für Vietnam. Es spielt die Band Embryo.


1 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

2 Siehe „Der Fall Harro Ernst“ von Volker Hinninger.

3 Zit. in Abendzeitung vom 8./9. August 1970, 10.

4 Siehe das Interview mit Hermann Nitsch „Jeder muss sich austoben“ von Stefan Szcesny.

5 Siehe „cuba“.

6 Siehe „Zur sukzessiven kommissarischen Übernahme der Münchner Kunstakademie durch das Kultusministerium“ von Volker Hinninger.

7 Hans Kilian (1921 – 2008), Psychotherapeut, bis 1970 Leiter der Psychosomatischen Abteilung der Poliklinik der Universität München und Rundfunkautor, spricht regelmäßig an der Kunstakademie. Der Autor der 1971 publizierten Schrift »Das enteignete Bewusstsein. Zur dialektischen Sozialpsychologie« weist in der Tradition der Frankfurter Schule darauf hin, dass die Zeit ihres Lebens auf Kaufen und Gehorchen konditionierte Konsummonade in der spätbürgerlichen Gesellschaft darauf getrimmt werde, sich selbst zum einen als Objekt durch »die Brille des Wertsystems einer verinnerlichten Fremdautorität«, zum anderen als aus der vierdimensionalen Realität entlaufene Subjektphantasie zu sehen.