Flusslandschaft 2011

Kapitalismus

Anlässlich eines Besuchs des portugiesischen Ministerpräsidenten sagt die Bundeskanzlerin im September auf die Frage, ob sie um die Schlagkraft des Rettungsschirms fürchte, wenn der Bun-
destag und alle anderen nationalen Parlamente in Europa bei wichtigen Entscheidungen vorab mitbestimmen wollen: „Wir leben ja in einer Demokratie und sind auch froh darüber. Das ist eine parlamentarische Demokratie. Deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments. Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den Märkten die entsprechenden Signale ergeben.“

In den Medien ist ununterbrochen zu hören, dass „WIR über unsere Verhältnisse gelebt hätten“. Der Schreiber dieser Zeilen zählt sich nicht zum WIR. Die vorherrschende Erklärung für die ge-
genwärtige Weltwirtschaftskrise besteht außerdem darin, sie sei auf die Krise im Finanzsektor, die „Raffgier“ und den „Größenwahn“ der Banker und die Unfähigkeit der Politiker zurückzuführen. Die kapitalistische Realwirtschaft dagegen funktioniere immer noch wunderbar. Tatsache ist: Das Wachstum der Weltwirtschaft wird seit mehr als dreißig Jahren wesentlich durch spekulative Dif-
ferenzgewinne, Defizitkreisläufe und staatliche Konjunkturprogramme, also durchs Schuldenma-
chen in Gang gehalten, während die atemberaubende Entfaltung der Technologien menschliche Arbeit marginalisiert, der produktive Sektor kleiner wird und der Kapitalismus seine eigene Basis, die Mehrwertproduktion, untergräbt. Nur interessiert sich kaum jemand für die tieferen Ursachen der heutigen Krise …

Überraschung

Jahr: 2011
Bereich: Kapitalismus