Materialien 2013

3. oktober

Auf dem Gotzinger Platz in Sendling versammelt am „Tag der Deutschen Einheit" und gegen den „Tag der Offenen Moschee" ein kleines Grüppchen farbenfroh ausgestatteter Menschen. Eine Lautsprecherstimme halt über den Platz. Ein aufgeregter Mensch vermutet, dass das 11-Uhr-Glockenläuten wesentlich länger dauert als üblich. Er glaubt, dass auch der Pfarrer seine Kundgebung sabotiert.


Es sind Verschwörungstheorien, die den Agitator inmitten seiner kleinen Gemeinde von Gläubigen plagen. Aber er schafft es, sie heraus zu schreien, er springt herum, hat einen Adrenalinschub nach dem anderen, schreit wie ein evangelikaler Pfingstprediger, fuchtelt mit den Armen. Die Gemeinde applaudiert den islamophoben Tiraden.


Einige seiner Anhänger sind schwarzrotgold drapiert, schauen finster, tragen Tafeln mit Bildern und Aufschriften, die gruseln machen. Der Besuch einer Geisterbahn auf der Wiesn könnte nicht schrecklicher sein.


Hitlers „Mein Kampf“ ist ab Juli 1925 erschienen. Der weitsichtige Churchill bringt also schon 25 Jahre früher den Analogieschluss auf den Punkt. Tatsächlich sagte er über Hitlers Schrift erst nach dem II. Weltkrieg: “Here was the new Koran of faith and war: turgid, verbose, shapeless, but pregnant with its message.” Er hätte genauso gut von einer „neuen Bibel“ reden können.


Der Gruppe stehen etwa gleich viel GegendemonstrantInnen gegenüber. Eine von ihnen spricht mich an, indem sie auf meine Kamera deutet, und fragt, ob ich Journalist sei. Sie meint, es wäre klug, den Islamgegnern kein Forum in den Medien zu geben und sie nicht abzubilden, da sie dadurch nur aufgewertet würden. Ich antworte, dass es auch Bilder gibt, die nicht propagandistisch wirken, sondern die entlarvende Wirklichkeit zeigen.


Die Gegendemonstranten weisen vergnügt auf das Wahlergebnis hin, das die Partei des Agitators zuletzt erzielte. Ein großes Polizeiaufgebot steht bereit. Nachdem die Gegendemonstranten auf der anderen Straßenseite mit Zwischenrufen den Wortschwall des Agitators stören, zieht eine Polizeikette auf und drängt sie an den Straßenrand.


Eine Gegendemonstrantin will mich am Fotografieren hindern. Sie kennt mich nicht und hat natürlich recht. Es ist bekannt, dass Spitzel Antifaschisten fotografieren, um sie zu identifizieren und dann zu bedrohen. Ich verstehe ihr Misstrauen, aber soll ich jetzt eine Diskussion anfangen, während die Polizei aufzieht?



Die Ordnungshüter bewachen inzwischen sogar parkende Kraftfahrzeuge, lassen aber auch völlig neue Perspektiven auf die Versammlung der Rechtspopulisten zu, deren Agitator weiter herumtanzt, mit den Armen rudert, die Gegendemonstranten als verblendete Idioten und Schwachköpfe beschimpft und gegen den Koran, gegen Muslime und Moscheen hetzt.


Schließlich schart er seine Gläubigen um sich, der Zug setzt sich in Bewegung zur Dural-Quran-Moschee, abgeschirmt von einem unübersehbaren Aufgebot uniformierter und zivil gekleideter Polizisten, und begleitet von Gegendemonstranten, die die Agitationsrede mit Zwischenrufen stören. Zum Glück. Die Balance zu finden ist nicht leicht. Die Rechtspopulisten sollen nicht ungestört ihre Propaganda verbreiten dürfen. Sie dürfen aber auch nicht unnötig aufgewertet werden.


Text und Fotos: Franz Gans

Überraschung

Jahr: 2013
Bereich: Rechtsextremismus