Flusslandschaft 1971

Internationales

Vietnam und USA
Mosambik, Angola, Guinea-Bissau und Portugal
Griechenland
Türkei
Iran
Indien und Pakistan


VIETNAM und USA

Ab dem 2. Februar finden in der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 drei Veranstaltungen unter dem Motto „Alles für den Sieg des kämpfenden Vietnam“ statt.1

Etwa zweitausend Menschen demonstrieren am 6. Februar „gegen die US-Aggression in Indochina und gegen die zunehmende faschistische Unterdrückung der Arbeiterklasse und aller demokrati-
schen Kräfte in den USA“.2 Dabei sind auch Spanier, Perser, Türken, Griechen, Italiener und Ara-
ber. Zu diesem Zweck wird auch eine Aktionseinheit gebildet, an der sich die Roten Zellen, die Ar-
beiter-Basisgruppen
(ABG), die Generalunion Palästinensischer Studenten (GUPS), die Kommu-
nistische Jugend
Spaniens (JCE), die spanische kommunistische Partei (PCE), die Rote Schüler-
front
(RSF), der Türkische Kulturbund, die Türkische Proletarische Gemeinschaft und die Asso-
ziation Lateinamerikanischer Studenten
(AELA) beteiligen. Die DKP versammelt sich mit hun-
dertfünfzig Leuten, vorwiegend StudentInnen, zu einer Kundgebung vor dem Amerikahaus.

Für den 25. Februar lädt die Kampagne für Demokratie und Abrüstung zu einer Kundgebung „Freiheit für Angela Davis“.3

MOSAMBIK, ANGOLA, GUINEA-BISSAU und PORTUGAL

Die Portugiesische Kolonialmacht lässt seit 1969 am unteren Sambesi in Mosambik eine etwa
165 m hohe Bogenstaumauer errichten. Der Cabora-Bassa-Staudamm – heute Cahora Bassa – soll
der Elektrizitätsgewinnung dienen und vor allem den Apartheidstaat Südafrika mit Strom versor-
gen. Neben Firmen aus Südafrika, Italien, Frankreich und Portugal sind auch fünf deutsche Fir-
men, unter ihnen Siemens, am Projekt beteiligt. Weite Teile der unterdrückten Bevölkerung und die 1962 gegründete Frente da Libertação de Moçambique (FRELIMO – Mosambikanische Be-
freiungsfront) lehnen das Staudammprojekt ab.

Seit 1969 kritisieren Internationalismusgruppen das Cabora-Bassa-Projekt, seit 1970 rufen die Gruppen zum Boykott gegen die am Projekt beteiligten Konzerne auf.

1971 wird das Komitee für Angola, Guinea-Bissau und Mosambik aktiv: „Kongresssaal des Deut-
schen Museums, 25. März 1971, Mittagszeit. Ein junger Mann in Schlips und Kragen tritt ans Rednerpult und spricht vor 2.000 Aktionär/innen der Siemens AG über den Schaden, den der Münchner Konzern durch seine Beteiligung am Bau des Staudamms Cabora Bassa in der portu-
giesischen Kolonie Mosambik erleidet. Er spricht über den Ausstieg einer schwedischen Firma aus dem Staudammprojekt und den Beschluss afrikanischer Staaten, keine Regierungsaufträge mehr an Siemens zu vergeben. Er erläutert, dass ‚an keinem anderen Projekt in der Geschichte der Bundesrepublik sich derart klar die Brutalität und die unverhüllte Profitgier des kapitalistischen Systems zeigen’ lasse. Und er prophezeit: ‚In dem Moment […], wo die ersten deutschen Techniker in Cabora Bassa getötet werden, wird die öffentliche Meinung hier umschwenken, und ich frage Sie: Bei dem wievielten getöteten deutschen Techniker werden sie das Engagement in Cabora Bassa beenden?’ Seine Worte lassen große Unruhe im Saal aufkommen. Zwischenrufe und Pfiffe aus den Reihen des Vorstands bzw. der Aktionär/innen pariert er mit spontanen Entgegnungen, für die er sogar Beifall bekommt. Am Ende beantragt er, die Geschäftsleitung in Sachen Cabora Bassa zu tadeln und zu beschließen, dass Siemens in Zukunft nicht mehr in Projekte ähnlicher Art einsteige. Applaus von etwa 40 Anwesenden.

Vor 40 Jahren traten damit in München — erstmals in der Bundesrepublik — Aktivist/innen der Internationalismusbewegung als kritische Aktionär/innen auf einer Hauptversammlung auf. Sie skandalisierten die Beteiligung des Siemens-Konzerns am portugiesischen Kolonialismus.“4

Die Ereignisse in München machen Mut. Seitdem häufen sich Auftritte kritischer Aktionäre und Aktionärinnen in Hauptversammlungen verschiedener Unternehmen. 1986 gründet sich der Dachverband der Kritischen Aktionäre.

GRIECHENLAND

Der Bayrische Rundfunk produziert ein „Gastarbeiterprogramm“ für Griechen. Am 2. Juli ist hier ein Ausschnitt aus einem Flugblatt der Panhellenischen Antidiktatorischen Front zu hören. Der griechische Generalkonsul protestiert.5

TÜRKEI

… 22. Mai: Veranstaltung „Imperialismus und Faschismus — Türkei“ …6

… 13. November: Demonstration der Patriotischen Einheitsfront für eine demokratische Türkei (PEF) …

IRAN

Am 13. Oktober findet auf dem Marienplatz eine Demonstration anlässlich des Bestehens des iranischen Kaiserreichs seit 2.500 Jahren statt.7

19. Oktober: Demonstration gegen Jubelfeiern in Persien.8

INDIEN und PAKISTAN

Im dritten Indisch-Pakistanischen Krieg, der vom 25. März bis zum 17. Dezember dauert, unter-
stützt Indien die Sezessionbewegung Ostpakistans. Am Sonntagnachmittag, 28. November, de-
monstrieren etwa 150 Pakistani und einige Münchnerinnen und Münchner vom Wedekindplatz in Schwabing zum Marienplatz für ein „freies und unabhängiges Ostpakistan“. Sie fordern „Frieden in Indien“ und verlangen das Eingreifen der UNO.8 Nach Beendigung des Krieges erklärt sich Ostpa-
kistann als „Bangladesch“ für unabhängig.


1 Siehe „solidaritätswoche“.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 33/1971; siehe „6. februar“.

3 Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung 190/5.

4 Niels Seibert: „‚Wie viele Todesopfer haben Sie in die Kosten-Gewinn-Berechnung eingeplant?’ — Internationalistische Proteste auf Aktionärsversammlungen“ in: Zara S. Pfeiffer (Hg.), Auf den Barrikaden. Proteste in München seit 1945. Im Auftrag des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, München 2011, 109. Vgl. Niels Seibert, Vergessene Proteste. Internationalismus und Antirassismus 1964 — 1983, Münster 2008.

5 Siehe „Griechische Note“ von Ansgar Scriver.

6 Siehe „27. mai“.

7 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 250/1971.

9 Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 29. November 1971, 10.