Flusslandschaft 2017

Gedenken

Vom 16. Januar bis 24. Februar erinnert in der Sendlinger Kulturschmiede in der Daiserstraße 22 das plenum R an den Umsturz und die Räterepubliken in Baiern vor fast 100 Jahren:
► Mo 16. Januar, 19:00 Prof. Dr. Frank Jacob (Würzburg/New York): Kurt Eisner – politisch verfolgter Jude und erster Ministerpräsident des Freistaats Bayern,
Dr. Riccardo Altieri (Würzburg): Kurt Eisner und der Antisemitismus in München
► Mi 18. Januar, 19:00 Fritz Letsch: Die Wandervogelbewegung und ihr Einfluss auf die bayrische Revolution
► Do 19. Januar, 19:00 Cornelia Naumann/Günther Gerstenberg: Sarah Sonja Lerch und die Januarstreiks 1918
► Do 26. Januar, 19:00 Film „Rotmord“ Fernsehspiel nach Tankred Dorst zum Theaterstück „Toller“. Regie: Peter Zadek, WDR 1969
► Fr 27. Januar, 19:00 Christiane Sternsdorf-Hauck/Marta Reichenberger: Frauen in Revolution und Räterepublik. Ist die Revolution weiblich?
► Sa 28. Januar, 14:00 Werkstatt „München in Revolution und Rätezeit“
► Mi 1. Februar, 19:00 Dr. Rudolf Stumberger: Die Wittelsbacher und die Revolution
► Do 2. Februar, 19:00 Robert Hültner/Ulrich Bardelmeier: Die Revolution der Literaten.
► Sa 4. Februar, 14:00 Werkstatt „Bayern in Revolution und Rätezeit“
► Mi 8. Februar, 19:00 Dr. Marcel Bois (Hamburg): Von der Russischen zur Deutschen Revolution
► Do 9. Februar, 19:00 Sebastian Zehetmair (Berlin/München): Gründung und Politik der KPD in Bayern 1919
► Sa 11. Februar, 14:00 Kalenderwerkstatt
► So 12. Februar, 19:00 Film „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ mit der Autorin und Regisseurin Ulrike Bez
► Mo 13. Februar, 19:00 Dr. Siegbert Wolf/Dr. Peter Seyferth: „Hier Revolution!“ Wer dort?“ – Gustav Landauer, Erich Mühsam und der Anarchismus
► Mi 15. Februar, 19:00 Autorenlesung mit Klaus Kordon: Die roten Matrosen
► Do 16. Februar, 20:00 Florian von Brunn (MdL SPD) und Gäste: Die SPD in der Revolution 1918/19 – Die SPD heute in Anbetracht von Neoliberalismus und Rechtspopulismus
► Mo 20. Februar, 19:00 Wolf-Dieter Krämer: Ernst Toller – Expressionismus und Revolution
► Di 21. Februar, 19:00 Dr. Sabine Schalm / Dr. Bernhard Schneider (beide Kulturreferat, LHM): Revolution und Räterepublik in der städtischen Erinnerungskultur
► Fr 24. Februar, 15:00 Werkstatt „Utopien für eine bessere Gesellschaft“1

Es jähren sich zum hundertsten Mal die Oktoberrevolution und kurze Zeit später die bairische Räterepublik. Unter dem Titel „Revolution statt Krieg. Ein Aktionszug mit Kunstcharakter unter dem Motto: Ihr Herrschenden, nehmt Euch in Acht! Wir lernen aus unseren Niederlagen und halten die Zukunft in Händen“ veranstaltet der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD Kundgebungen und Demonstrationen in Erinnerung an die Ereignisse vor Hundert Jahren. Be-
dauerlich ist, dass er bei seinen Aktionen die Rolle der Anarchisten damals völlig ignoriert. Seine Inszenierung ist ansonsten eindrucksvoll. Termine und Orte sind: MITTWOCH, 12. APRIL, am Vortag des reaktionären Putsches gegen die erste Räterepublik – 5 Uhr Frühschicht BMW/U-Olympiazentrum, 11 Uhr Mittag bei Krauss-Maffei und Siemens Mobility/Allach, 14 Uhr Mittags-
schicht bei BMW, 16 Uhr Max-Josephsplatz. Hier sollen Klaus Hahnzog für die SPD, Ates Gürpinar für die USPD und eine Arbeiterin für die KPD sprechen. Hahnzog ist leider erkrankt, lässt aber seine Rede verlesen. Dann geht der Zug durch die Maximilianstraße zum Max II-Denkmal.2 Um den Zugang zum Landtags-Haupteingang gibt es eine gerichtliche Auseinandersetzung. Landtags-
präsidentin Stamm hat auf die Einhaltung der Bannmeilenverordnung bestanden. Schließlich ge-
lingt es den Demonstranten auf einem Umweg über den Max-Weber-Platz ihr Ziel nach Geneh-
migung des Verwaltungsgerichtshofs zu erreichen.3 DONNERSTAG, 13. APRIL, Errichtung der Zweiten Räterepublik – 5 Uhr Frühschicht BMW Tor 5, 10 Uhr DGB-Haus Auftakt zu den Orten der Revolution: Sendlinger Tor – Oberanger Kurt-Eisner-„Denkmal“ – Marienplatz – Mongelas-Palais – Hauptbahnhof, 3.30 Uhr BMW Tor 5, von dort ab 15.15 Uhr Zug durch Milbertshofen, 17.30 Uhr Nordfriedhof Gedenken für Rudolf Egelhofer. Es sprechen Reinhard Mosner, plenum R und eine Jugendliche für die Aktion Revolution statt Krieg. SAMSTAG, 29. APRIL, Beginn der blu-
tigen Niederschlagung der Arbeiterräte – 10 Uhr Zug durchs Westend vom „Haus mit der Roten Fahne“ zum Hauptbahnhof, 11 Uhr Solidaritäts-Kundgebung Hbf., Holzkirchner Bahnhof. Ein Ver-
treter der Refugee struggle for freedom spricht, nach ihm ein Vertreter der ATIK. Anschließend Zug zum und durchs Westend – 13 Uhr Kundgebung an der Guldeinschule, in der sich damals ein Waffendepot und Einheiten des Landsturms befanden. Die Arbeiter*innen stürmten am 7. Novem-
ber 1918 das Gebäude, die Soldaten schlossen sich den Aufständischen an, Waffen wurden verteilt. 15 Uhr vor dem Frauengefängnis Schwarzenbergstr. 14 und vor dem Gefängnis Stadelheim: Solida-
rität mit den lnhaftierten der ATIK! Es spricht ein Vertreter der Roten Hilfe, ein Vertreter der ATIK, eine Vertreterin der Frauenorganisation Die neue Frau, anschließend Zug durch Giesing. Selbstverständlich wird der Arbeiterbund auch bei der Demonstration am 1. Mai vertreten sein. Die Kundgebung beginnt um 9.45 Uhr vor dem Gewerkschaftshaus in der Schwanthalerstraße 64.


Das Denkmal für die gefallenen Eisenbahnpioniere im Jahr 1923


Das Denkmal 2017

An der Dachauer Straße steht ein Denkmal. Wolfram Kastner und Hans-Peter Berndl sind der An-
sicht, dass es einen Geist atmet, der nicht mehr zeitgemäß ist. Nachdem sie dem Verteidigungs-
ministerium einen konstruktiven Vorschlag zur Modernisierung des Steins gemacht haben und einen abschlägigen Bescheid erhielten, schreiten sie selbst zur Tat. Vor Gericht begründet Kastner am 8. November seine ästhetische Intervention.4 Nach dem Urteil meint Kastner am 21. Dezem-
ber: „Die 24. Strafkammer des Landgerichts München I unter Vorsitz des Richters Magiera hat ein Urteil abgesondert wegen meiner Kunstaktionen am 1962 wieder errichteten Kriegerdenkmals mit der eisernen militaristisch-nationalistischen Aufschrift „SIE STARBEN FÜR DEUTSCHLANDS RUHM UND EHRE“. Herr Magiera ist wahrlich ein Magier der Sprache und der Juristerei: Er stellt fest, dass ich das Kriegerdenkmal „ausgekundschaftet“ habe und mir bewusst gewesen sei, dass es sich um „eine Gedenkstätte für den Tod von Kriegstoten handelt“. Wir hatten eine Tafel mit dem Text angebracht: „Wir trauern um die Soldaten der Bayerischen Eisenbahntruppe, die im Weltkrieg 1914 – 1918 grausam und sinnlos ihr Leben verloren. Die Toten mahnen uns, mit allen Kräften für Frieden zu sorgen und Kriege zu verhindern.“ Für den juristischen Magier ist es „uner-
heblich, welchen Inhalt auch das Plastikschild hat. Bereits das plakative Gelb auf dem ruhigen und in sich homogenen Erscheinungsbildes (!) des Kriegerdenkmales beeinträchtigt das zur Stille und zum Nachdenken mahnende Erscheinungsbild des Denkmals." Er erkennt eine „Störung der To-
tenruhe“ (sind die Toten nicht auf den Schlachtfeldern geblieben?) und gleich fünfmal „die Aus-
übung von beschimpfenden Unfug“ mit „gravierender Pietätsverletzung“ (dreimal). Insbesondere die Farbe der Tafel erregt seinen juristischen Unmut: „Vorliegend jedoch ist die plakative Anbrin-
gung der nahezu warnenden gelben Plastiktafel als beschimpfender Unfug zu werten.“ Die „unbe-
schränkten Eigentumsrechte“ seien geschmälert (steht im Grundgesetz Art. 14 nicht etwas davon, dass das Eigentum auch dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll?). Herr Magiera hat die Er-
kenntnis, dass ich „im Sinne von Faustrecht“ gehandelt hätte. Außerdem ist er offenbar im Neben-
beruf Künstler und gibt einige Hinweise, welche alternativen Kunstformen ich hätte wählen sollen, z.B. Briefe schreiben. Das Urteil, gegen das ich Revision eingelegt habe, ist ein wunderbares Werk deutscher Rechtsprechung …“ Daraufhin schreibt Wolfgang Blaschka Kastner einen Brief.5


1 Siehe www.plenum-R.org.

2 Siehe Bilder zur Aktion „revolution statt krieg“ von Richy Meyer.

3 Siehe „Die Bannmeile wird durchlässig“ vom Arbeiterbund für den Aufbau der KPD.

4 Siehe „Rede vor Gericht“ von Wolfram Kastner.

5 Siehe „RUHM D oder Wie sich die Bundeswehr mit Angriffskriegen bekleckert“ von Wolfgang Blaschka.

Überraschung

Jahr: 2017
Bereich: Gedenken