Flusslandschaft 1973

Internationales

USA
Vietnam und USA
Iran
UdSSR
Angola, Guinea-Bissau, Mosambik, Sahelzone
Paraguay
Griechenland
Brasilien
Chile, USA und BRD
Israel


USA

Bis ins 13. Jahrhundert hinein reichen die Wurzeln der Irokesen-Liga, einer erstaunlichen Erfolgs-
geschichte friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Völker. Die erste Veröffentlichung über diese indianische Konföderation stammt von Henry Lewis Morgan und gilt als Grundstein der amerikanischen Ethnologie. Der Völkerbund besteht aus sechs Nationen, die sich selbst Haude-
nosaunee nennen – Menschen aus dem Langhaus. Ihre Verfassung ist das „Große Gesetz des Frie-
dens“, ihre Gesellschaft ist matrilinear, d.h. die Häuptlinge werden von Frauen ernannt und abge-
setzt. Die Angehörigen dieses Bundes betrachten sich bis heute nicht als US-Bürger, sondern sie reisen mit eigenen Pässen. Und sie leben nicht in Reservaten, sondern in eigenen, autonomen Territorien. 1973 kommt der Münchner Claus Biegert das erste Mal zu den Irokesen im US-Staat New York. Sein Weg führt ihn ins Zentrum der Irokesenliga, nach Onondaga, dem Sitz des heiligen Ratsfeuers, und dann immer weiter hinein in die Gebiete und Angelegenheiten der Haudenosau-
nee. Seither setzt er sich immer wieder für ihre Rechte ein, ist aber auch maßgeblich in der Gesell-
schaft für bedrohte Völker
tätig, wo er sich vor allem gegen die Bedrohung von indigenen Völkern durch nukleare Technologien und den Abbau von Uran engagiert.

VIETNAM und USA

Am 10. Januar kam es zu einer Studentendemonstration gegen den Vietnamkrieg.1 – 11. Januar: Jungsozialisten demonstrierten gegen den Vietnamkrieg.2 – Am 15. Januar stellt das US-Militär seine Kriegshandlungen in Vietnam ein. Das Engagement für Vietnam konzentriert sich jetzt auf humanitäre Hilfsmassnahmen. Am 20. Januar findet in München eine Kundgebung der „Initiative Internationale Vietnam-Solidarität“ statt.3 Am 1. Mai 1974 zieht der Vietkong in Saigon ein. Am 30. April 1975 wird der Vietnamkrieg offiziell für beendet erklärt; es folgt die bedingungslose Kapitulation Südvietnams.

IRAN

Am 27. Januar findet eine Kundgebung gegen die Feier zum 10. Jahrestag der „weißen Revolution“ im Iran statt.4 Der „Savak“, der Geheimdienst des Schah, lässt Oppositionelle foltern. Exiliraner informieren die Münchner Öffentlichkeit ab dem 7. Mai auf der CISNU-Solidaritätswoche. Nicht jeder der Exiliraner kommt in den Genuss einer Einbürgerung.5

6

UdSSR

4. Februar: Hungerstreik gegen die „Verletzung der Menschenrechte in der Sowjetunion“.7

ANGOLA, GUINEA-BISSAU, MOSAMBIK, SAHELZONE

Während im Weltraum drei US-amerikanische Astronauten kreisen, drohen im Frühsommer 1973 infolge einer Dürrekatastrophe sechs Millionen Menschen in der Sahelzone zu verhungern. – Es kommt zu Solidaritätsaktionen für die Befreiungsbewegungen in Angola, Guinea-Bissau und Mozambique.8

PARAGUAY

In Paraguay herrscht seit 1954 der Ausnahmezustand. Jahr für Jahr kommt es im Land zu willkür-
lichen Verhaftungen, Folterungen, Zwangsexilierungen und politischen Morden. Menschen ver-
schwinden. Der „Todesengel“ von Auschwitz, Mengele, zog sich 1959 nach Paraguay zurück; nach-
dem Argentinien seine Auslieferung beantragt hatte, erhielt er sofort die Staatsbürgerschaft Para-
guays. Viele Nazis leben heute in diesem Land. – Im Juli besucht Paraguays Diktator Alfredo Stroessner Bayern.9

GRIECHENLAND

„Terror in Griechenland – Während der vergangenen Zeit wurden in Griechenland viele Demokra-
ten, Sozialisten und Kommunisten verhaftet. Die genaue Anzahl gibt das Athener Regime nicht bekannt, ebenso wenig die Namen der Widerstandskämpfer. – Wir fordern die Gewerkschafter auf, ihren Einfluss geltend zu machen, dass das Athener Regime die Namen der Verhafteten bekannt gibt und dass den Angehörigen die Erlaubnis gegeben wird, die Verhafteten zu besuchen, so dass die Junta gezwungen wird, sie nicht zu foltern. C.E. Skarpelis, München“10

„Das versteht Strauß unter Demokratie: ‚Bayernkurier’ lobt griechische Militärdiktatur – Ein übles, selbstentlarvendes Loblied stimmte der ‚Bayernkurier’ auf den griechischen Militärdiktator und Folterknecht Papadopoulos an. – Angesichts der offensichtlichen Verschärfung der Athener Dikta-
tur nach Abschaffung der Monarchie und der deutlichen Annäherung an das Verfassungsmodell des ‚Dritten Reiches’, schreibt der ‚Bayernkurier’ verniedlichend und anerkennend von einem ‚gaullistischen’ Konzept (selbst das wäre schon übel genug). Die ‚staatsmännische Qualität’ des Diktators wird in höchsten Tönen gepriesen und kühn behauptet, dass er das ‚Militärregime an die zivile Normalisierung heranführe’. – Unverfroren wird von einem ‚entschlossenen Übergang zu einer neuen demokratischen Staatsform’ gefaselt. Und die nach Vorbild der NSDAP gebildete fa-
schistische ‚Partei der Revolution’ muss ausgerechnet für den Beweis herhalten: ‚Die Grundlage für die neue Regierungsform ist die parlamentarische Demokratie.’ Infamerweise wird nur von ‚vor-
geblichen’ Foltern gesprochen. Wir wissen nun, was der vom CSU-Chef F.J. Strauß herausgegebene ‚Bayernkurier’ unter Demokratie versteht. H.B.“11

Am 7. November findet eine Kundgebung gegen die Militärdiktatur in Griechenland statt.12

BRASILIEN

„Schon vor vier Jahren (1973, d.V.) enthüllte Weltbankpräsident McNamara, dass die ärmsten
4o % der Brasilianer 1960 wenigstens noch zehn, 1970 aber nur noch acht Prozent des Volksein-
kommens verdienen. Kommentar des damaligen Wirtschaftsministers Delfim Neto: »Sicher ist, dass 100 Prozent des Volkseinkommens unter 100 Prozent der Bevölkerung aufgeteilt werden, die Proportionen sind nicht so wichtig. Im Kapitalismus gibt es nun einmal Arme und Reiche.«“13

CHILE, USA und BRD

In einem blutigen Putsch wird die demokratisch gewählte Regierung Allende in Chile gestürzt. Der Bundesnachrichtendienst (BND) weiß vom geplanten Putsch. Er hat seine Informationen sowohl von der CIA wie auch von „Uralt-Nazis“, die in Chile dem BND zuarbeiten. Es ist davon auszuge-
hen, dass der BND Bundeskanzler Willy Brandt vorab informiert hat. „In der Folgezeit hatte Gene-
ral Pinochet in Chile eine der längsten und blutigsten Militärdiktaturen Südamerikas errichtet: Zwischen dreitausend und viertausend Menschen wurden verschleppt und ermordet, zwischen 600.000 und 800.000 Menschen (Zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung über 15 Jahre) wurden unter Pinochet gefoltert.“14 Am 11. September demonstrierten Jusos und Kommunisten gegen die Militärdiktatur in Chile.15

18. September: Studentische Kundgebung gegen die Militärdiktatur in Chile.16

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. September fordert ein Herr Rückert vom Ver-
band Deutscher Makler
aus Grünwald betuchte Bundesbürger auf: „Chile: Jetzt investieren!“ Am gleichen Tag veranstaltet der Kommaclub in der Max-Emanuel-Brauerei in der Adalbertstraße 33 eine Autorenlesung für Chile mit Franz Xaver Kroetz, Erika Runge, Günther Herburger, Roman Ritter, Ulf Miehe, Uwe Timm, Monika Sperr, Angelika Mechtel, Klaus Konijetzki, Frieder Hitzer und Manfred Bosch.

Am 8. Oktober 1973 findet die „Chile-Informationswoche“ im Kunstverein statt17, am 23. Novem-
ber der „Chile-Abend“ im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82,18 und am 4. Dezember ein Teach-
In über Chile und den Nahen Osten in der Uni.19

ISRAEL

10. Oktober: Kundgebung für Israel.20


1 Vgl. Süddeutsche Zeitung 8/1973.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 9/1973.

3 Vgl. Süddeutsche Zeitung 17/1973.

4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 23/1973.

5 Siehe „Abschiebung“.

6 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

7 Vgl. Süddeutsche Zeitung 29/1973.

8 Siehe „liga“.

9 Siehe „Zu Opas Grab“.

10 Metall 3 vom 6. Februar 1973, 12.

11 Metall 14 vom 10. Juli 1973, 4.

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 267/1973.

13 Spiegel 1/2, 1977, zit. in: Reinhard Lettau, Frühstücksgespräche in Miami, Frankfurt am Main 1979, 121.

14 antimilitarismusinformation 4 vom April 1998, Berlin, 11.

15 Vgl. Süddeutsche Zeitung 210/1973.

16 Vgl. Süddeutsche Zeitung 216/1973.

17 Siehe „chile“.

18 Siehe „23. november“.

19 Siehe „4. dezember“.

20 Vgl. Süddeutsche Zeitung 235/1973.