Flusslandschaft 2021

Kunst/Kultur

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Am 10. Januar stirbt „Hallenmogul und Impresario“ Wolfgang Nöth mit 77 Jahren. Er ist Anfang der 80er Jahre ins Hinterhoftheater vom Fraunhofer eingestiegen, um dann schon bald größere Eventorte zu schaffen. 1983 bis Ende 1992 rockt seine Theaterfabrik in Unterföhring. Dann gehts erst richtig los: Ende der 80er Jahre Nachtwerk an der Landsberger Straße, 1993 Konzertareal im alten Riemer Flughafen, 1997 Zenith-Halle in Freimann, 2003 Optimolwerke neben dem Kunst-
park Ost
. Die Halle bei seinem Hallenflohmarkt an der Rosenheimer Straße nennt er „Georg-Elser-Halle“. Bedenkenträger und Amtsschimmelreiter nervt er brachial, unzähligen Künstlerinnen und Künstlern hilft er bei ihrem Aufstieg, bildenden Künstlern vermietet er billig Ateliers. Natürlich verdient er Kohle, aber für eine ganze Generation schafft er subkulturelle Freiräume. Christian Ude: „Er ist ein Segen für die Stadt, aber eine Strapaze für die Verwaltung.“ Franz Kotteder: „Einen wie ihn könnte München jedenfalls wieder brauchen. Einen, der weiß, wie man aus kleinen Dingen, die nicht viel hermachen, Großes entstehen lassen kann, ohne sich um Hindernisse viel zu scheren. Einen Macher halt. So wie der Nöth einer gewesen ist.“2

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Schleißheimer Straße vor dem Kulturzentrum Milbertshofen am 8. März

Am Montag, 26. April, protestieren Künstlerinnen, Künstler und Beschäftigte der Gastrobetriebe von 18 bis 19 Uhr auf der Reichenbachbrücke unter dem Motto „Freizeit ist unsere Arbeit – Kul-
turschaffende gegen kapitalistisches Krisenmanagement“. Sie kämpfen seit Monaten ums Über-
leben. Mit den Soforthilfen hapert es hinten und vorne, Perspektiven sind nicht in Sicht. Sie wer-
den alleine gelassen und müssen selbst schauen, wo sie bleiben. Aus einem Redebeitrag: „Klar ist, dass eine Öffnung der Kultur- und Gastrobetriebe nicht die Lösung sein kann, auch wenn wir alle mal wieder Lust auf Theater und nette Abende im Biergarten hätten. Aber das Infektionsgeschehen lässt das aktuell nicht zu. Was wir tun können, ist eine Anklage an dieses System zu richten: Schließt endlich alle nicht lebensnotwendigen Bereiche, und entschädigt jene, die nicht mehr ar-
beiten können, damit diese Pandemie nicht noch mehr Menschen das Leben kostet. Was bringen die Einschränkungen, die nur den privaten Bereich und den Handel betreffen, wenn sich trotzdem Millionen Menschen tagtäglich in die U-Bahn quetschen müssen? Warum werden nicht flächen-
deckende, einheitliche Maßnahmen für ALLE Bereiche in Erwägung gezogen? Weil die Wirtschaft darunter leidet! Weil die Wirtschaft offensichtlich wichtiger ist als Menschenleben! Es reicht!“4

Im Oktober 2020 stand die Initiative AUFSTEHEN FÜR KULTUR zum ersten Mal für die Kultur und die Kulturschaffenden mit einer Großveranstaltung auf dem Königsplatz in München auf. Das Echo darauf war groß, aber seitdem hat sich nicht viel geändert. Daher ruft AUFSTEHEN FÜR KULTUR und die Initiatorin Veronika Stross für Donnerstag, 13. Mai, um 15 Uhr noch einmal zur Kundgebung auf dem Königsplatz auf: „Laut Artikel 3 der Verfassung des Freistaats Bayern ist Bayern ein Kulturstaat! Wirklich? Damit ist die Frage legitim, warum die Kultur und die Kultur-
schaffenden in Bayern seit über einem Jahr derart ignoriert werden? Ja, es hat Bemühungen ge-
geben den Freiberuflern in den kulturnahen Berufen finanziell zu helfen, und dabei haben Mit-
streiter von AUFSTEHEN FÜR KULTUR mit ihrer fachlichen Expertise im Begleitausschuss das Kunstministerium bei der Ausgestaltung des aktuell zu beantragenden Solo-Selbständigen Pro-
gramms maßgeblich beraten und gestaltet. Künstler und Beschäftigte in kulturnahen Berufen wol-
len jedoch arbeiten, von ihrer Arbeit leben, und nicht von staatlichen Unterstützungen! Es gibt her-
vorragende Sicherheits- und Hygienekonzepte in den Konzerthäusern, Hallen und Theatern, leider werden sie ignoriert. In einem Konzertsaal oder dem Theater ist der Besucher sicherer als in jedem Supermarkt, öffentlichen Verkehrsmittel, oder Betrieb. Die Menschen dürfen Schulter an Schulter in überfüllten Flugzeugen in den Urlaub nach Mallorca fliegen, aber sie dürfen nicht in die sicheren Kultureinrichtungen. Wie ist das zu erklären? Wer soll das verstehen? Kulturschaffende wollen we-
der sich noch andere Menschen gefährden. Sie wollen aber den Menschen gerade in diesen harten, teilweise trostlosen Zeiten, ein wenig Freude, Hoffnung und Normalität zurückgeben, – zudem brauchen diese Menschen dringend ihre Lebensgrundlage zurück! Wir waren einmal das Land der Dichter und Denker, und driften ab in ein Land ohne Kultur und Unterhaltung, mit schweren ge-
sellschaftlichen und sozialen Konsequenzen auf Grund nicht durchdachter Entscheidungen zum Nachteil der Kreativwirtschaft. AUFSTEHEN FÜR KULTUR fordert daher die verantwortlichen Politiker auf, endlich die validen und wissenschaftlich untermauerten Sicherheitskonzepte ernst- und wahrzunehmen und die Kulturstätten wieder zu öffnen!“5

ARCHITEKTUR

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Die Oberste Baubehörde, Blick von der Seitz-Straße am 24. April

BILDENDE KUNST

Stefanie Unruh zeigt vom 15. Dezember bis 12. Februar 1922 auf der Kunst-Insel am Lenbachplatz „This land was made for you and me“. Ihr Titel bezieht sich auf Woody Guthries 1940 geschriebe-
nen Song „This Land Is Your Land”. Sie zeigt einen Schlafsack, der durchs Universum fliegt. „Es ist nicht mehr der Knochen, der als Werkzeug in Stanley Kubricks 2001: Odysse im Weltraum in neue Galaxien schwebt. Er verwandelt sich auch nicht in ein spaceshuttle, das in andere, vielleicht besse-
re Welten unterwegs ist. Es bleiben ein Schlafsack und häufig ein vergebliches Träumen.“ Was heißt „Zuhause“ für Obdachlose. Und sind nicht die, die noch ein Dach über dem Kopf haben, ebenfalls obdachlos? Stefanie Unruh: „Die Städte werden enger, der Raum begrenzter. Endlos in den Himmel wachsende Baustellenlandschaften in Grautönen, Steinwüste – „blattlose Städte“ (Italo Calvino). Kräne – Sinnbild für Prozess und Konstruktion – zeugen von Gentrifizierung und Verdichtung unseres Lebensraums. Es wird entmietet, gebaut, luxussaniert. Wer profitiert? Wer kann mithalten? Wer sind die Verlierer? Wer fällt raus?“

GRAFIK/KARIKATUR

Am 21. September stirbt Grafiker Bernd Bücking. Das EineWeltHaus feiert ihn mit der Ausstellung „Krieg – Kapitalmacht – Krisen mit dem Zeichenstift entlarvt von Bernd Bücking“, die am 2. Feb-
ruar 2022 eröffnet wird.7

INSTALLATION

Peter Weismann verlängert entlang der Isar seine Installation. Am 11. Juni findet eine Vernissage in Landshut statt.8

KÜNSTLERISCHE KONFERENZPERFORMANCE

Global Angst. 22. Oktober bis 6. November: „Angst ist in Krisenzeiten, ob in Bezug auf Wirtschaft, Klima oder Pandemie, ein globales und entgrenztes Phänomen, das sich weder lokalisieren noch isolieren lässt, sondern längst alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hat. Dieses Phänomen und die Überlegungen des Philosophen Paut Virilio zur ‚Administration of Fear‘ macht der Kultur-
anthropologe Julian Warner zum Ausgangspunkt und Leitmotiv für die künstlerische Konferenz Global Angst. An verschiedenen Orten im Münchener Stadtraum inszeniert Warner eine ‚Ver-
sammlung der Angst‘ in drei Akten: Im ‚Parlament der Angst’ treffen kritische Denkerinnen und Theoretiker wie Bini Adamczak, Klaus Theweleit und Timnut Gebru auf internationale Künstler (-kollektive), darunter Elaine Mitchener und The Notwist, um in Vorträgen, Diskussionen und Performances unterschiedliche Facetten globaler Angste zu verhandeln und Mechanismen ihrer Instrumentalisierung freizulegen. Ein Umzug (,Angstmarsch/Sicherheitsparade‘) durch die Mün-
chener Innenstadt soll im zweiten Teil des Projekts den Bayerischen Flüchtlingsrat, die feministi-
sche Burschenschaft Molestia und andere zivilgesellschaftliche Akteure mit Künstlerinnen und Aktivisten sowie Vertreterinnen der Münchener Polizei zu einer ‚Koalition der Angst‘ zusammen-
bringen. Höhepunkt und Abschluss der dreitägigen Konferenz ist die zeremonielle Verbrennung eines fünf Meter hohen ,Wicker Man’ auf dem Olympiaberg durch die Künstlerin Anna McCar-
thy.“9

MUSIK

Am 23. Oktober feiert das neue Projekt von Konstantin Wecker Premiere mit der ersten Folge von „Weckerswelt TV. Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten – das Magazin“. Wecker: „Weil ich trotz allem, was täglich passiert, nicht aufhöre, zu träumen von einer herrschaftsfreien, solidari-
schen Welt ohne Grenzen, Patriarchat und mit sozialer Gerechtigkeit für alle Menschen, dreht sich in unserer ersten Ausgabe von Weckerswelt TV alles um Anarchie & Utopien.“10

THEATER

Am 27. Februar meint Franz Xaver Kroetz: „Das Virus ist ein probates Mittel, um von oben noch mehr nach unten zu treten. Angst haben, zu Hause bleiben, eingesperrt sein, arbeitslos sein, per-
spektivlos sein, mit niemandem reden, jedem misstrauen, isoliert sein, uninformiert sein, das ist doch die ideale Steilvorlage zur Zerstörung der Demokratie. Jeder, der sich dagegen wehrt, hat meine Sympathie.“11


1 In Fröttmaning will Wolfgang Nöth den Kunstpark Nord errichten. 2008 kippt die Stadt das Projekt. Privatsammlung

2 Süddeutsche Zeitung, 11. Januar 2021, https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-wolfgang-noeth-gestorben-hallenmogul-1.5170318.

3 Foto: Richy Meyer

4 Siehe Fotos der Kundgebung „freizeit ist unsere arbeit“ vom 26. April von Felicitas Hübner. Siehe https://freizeit.noblogs.org/ und https://fb.me/e/NpzGYjJH.

5 Siehe Bilder und Text „„Aufstehen für Kultur?“ Oder endlich die Fresse halten?“ von Frieda von Bülow und https://aufstehenfuerkultur.de/.

6 Foto: Richy Meyer

7 Nachruf für Bernd Bücking. In: isw-Report Nr. 127, Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung München e.V., November 2021, 23.

8 Siehe https://www.youtube.com/watch?v=jgRWMuflP7c.

9 Kulturstiftung des Bundes. Magazin Herbst/Winter 2021. Krisenwissen 37, 4. – Siehe www.spielart.org

10 Siehe https://www.youtube.com/c/Weckerswelt.

11 https://www.blautopf.net/index.php/politik/menschen-und-uebermenschen/item/214-die-wasser-der-wahrheit-steigen

Überraschung

Jahr: 2021
Bereich: Kunst/Kultur