Flusslandschaft 1975

Zensur

Montag, 24. November: „Drei Polit-Staatsanwälte, ein Berliner, zwei Münchner, nickten montags um halb zehn mit Polizeimannschaft in die Trikont-Verlagsräume ein. Fünf Stunden lang hielten sie den Fünfmannbetrieb in der Münchner Josephsburgstraße 16 besetzt und durchstöberten dort wie in der ihm angeschlossenen Buchhandlung auch abgelagerte Lektüre ebenso gründlich wie abgelegte Post – auf Spurenfahndung nach dem seit Jahren vergeblich gesuchten Bankräuber und ehemaligen Bombenleger. Die Beute nach den Auslesestunden füllte „fast einen ganzen Lieferwa-
gen“, registrierte Trikont-Rechtsanwalt Jürgen Arnold. Nur 346 Stücke des in 3.000 Exemplaren aufgelegten Baumann-Buches freilich waren noch greifbar. Dennoch wiesen die Sicherstellungs-
listen über 80 Positionen aus, darunter „1 Spielkasten“ des in linken Kreisen beliebten Gesell-
schaftsspiels „Provopoli“, Spitzmarke: „Wem gehört die Stadt?“ Auch die Münchner Privatwoh-
nungen der Verlagsgeschäftsführer Herbert Röttgen und Gisela Erler, Fritz Erlers Tochter, wurden durchforstet. In Berlin fand die Polizei am vergangenen Dienstag noch 150 „Bommis“, in Frankfurt am Mittwoch ganze 27, in Hannover am Freitag einen einzigen (sechs Beamte). In Gaiganz bei Forchheim, wo die Firma „Gegendruck“ Baumanns Text vervielfältigt hatte, umstellten Hunde-
führer vorsorglich den zur Druckerei umfunktionierten Bauernhof. Während der Durchsuchung musste sich die Reprophotographin Eva Wollrab sogar entblößt besehen lassen …“1

Bayerisches Fernsehen Silvester 1975: „Horst Jüssen (bekannt aus ‚Klimbim’) durfte in seiner Strauß-Satire (Sonthofen, Lockheed usw.) eine Pointe über Straußens Geschäftssinn nicht ab-
schießen. Peter Ustinovs Jahresrückblick wurde um die Verlesung von Todesurteilen in Spanien gekürzt, und dann wurde sein ganzer Beitrag noch, wie der ‚Stern’ bissig bemerkt, aus der günstigen Zeit vor Mitternacht in die ersten Stunden des neuen Jahres ‚strafverschoben’.“2

Siehe auch „Militanz“.


1 Der Spiegel 49 vom 1. Dezember 1975, 88.

2 Was ist mit unserem Rundfunk los? Bayerische Initiative Rundfunkfreiheit, München 1976, 45 f.

Überraschung

Jahr: 1975
Bereich: Zensur