Flusslandschaft 2023

Frieden/Abrüstung

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Im Kreativquartier Ecke Dachauer/Schwere-Reiter-Straße

„Den brüderlichen Ausgleich des Besitzes fördern, im geringsten Umfange die Vorteile, die einem zufallen, ausnützen, sich in keiner Weise und auf keiner Seite an einem Kriegsunternehmen beteili-
gen und die Hypnose zerstören, mit deren Hilfe, die in gedungene Mörder verwandelten Menschen in dem Glauben erhalten werden, daß sie etwas Gutes thun, wenn sie Waffendienst leisten; und vor allem eine vernünftige christliche Lehre bekennen und mit allen Kräften den grausamen, in jenem falschen Christentum liegenden Betrug zerstören, in dem unsere Jugend zwangsweise erzogen wird ─ : in dieser dreifachen Thätigkeit, scheint mir, besteht die Pflicht eines jeden Menschen, der dem Guten dienen will und der eine gerechte Entrüstung empfindet über den schrecklichen Krieg.“ Leo Tolstoi: Während des Transvaalkrieges. In: Patriotismus und Regierung, Leipzig 1900, 48 – 51.

Am 10. und 24. Februar führt das Münchner Friedensbündnis wieder Mahnwachen gegen den Krieg durch, jeweils Freitag, 18 bis 19 Uhr vor der Michaelskirche in der Neuhauser Straße mit den Parolen: Verhandeln statt schießen! Es gibt keinen gerechten Krieg.2

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Erwin Brandl weist am 25. März in der Katharina-von-Bora-Straße auf das Buch „Im Rüstungs-
wahn. Deutschlands Zeitenwende zu Aufrüstung und Militarisierung“ von Jürgen Wagner hin.


Am 8. April beginnt beim Ostermarsch um 11.15 die Auftaktkundgebung auf dem Marienplatz mit der Rede von Maria Feckl (Münchner Friedenskonferenz), Moderation Sabine Scherbaum. Um 12 Uhr startet die Demo und führt über den Rindermarkt – Rosental – Prälat-Zistl-Straße – Corneli-
usstraße – Gärtnerplatz – Reichenbachstraße – Frauenstraße – Isartor und Tal zurück zum Mari-
enplatz. Das städtische Grußwort spricht Brigitte Wolf (Die Linke). Dann redet Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung Tübingen (IMI). Musik: De Ruam — Um die Mittagszeit be-finden sich etwa 600 Menschen auf dem Marienplatz.4 Am Nachmittag sind es vor der Feldherrn-halle etwa 1.500 Menschen, die dem Aufruf von „München steht auf“ zum zweiten Ostermarsch ge-folgt sind. Versammlungsleiter Pascal Schmidt sagt angesichts einiger von weiter her angereister Teilnehmer, „Wir sind wieder richtig national aufgestellt.“ Der ehemalige Bundestagsabgeordnete der CDU, Jürgen Todenhöfer, kritisiert den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf sein Nach-barland, meint aber dann auch: „Die größte Gefahr für den Weltfrieden sind nicht Russland und China, das sind die USA.“ Der Beifall ist groß.


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Am Wochenende, 13. und 14. Mai, flanieren viele Menschen über die Leopold- und Ludwigstraße. Corso Leopold und Zamanand bespielen den Boulevard mit zahlreichen Ständen. Überall wird Musik gespielt. Da schiebt sich Klaus durch die Menge. Er trägt ein Schild und erntet bei manchen, die ihm begegnen, einen aufmunternd hoch gehaltenen Damen, andere schütteln den Kopf. Dann umringen ihn sechs Ordnungshüter. Einer fragt: „Machen Sie da eine Demonstration?“ Klaus ver-
neint: „Ich bin ganz allein.“ „Aber das ist doch eine Demonstration!“ „Nein, ich sage hier ganz al-
lein das, was ich denke.“ Die Polizisten begleiten ihn zum Einsatzfahrzeug. Dort wiederholt sich der Dialog. Ein Polizist: „Ist denn niemand bei Ihnen?“ „Nein, natürlich nicht. Ich vertrete hier meine Meinung.“ Die Beamten beratschlagen, einer telefoniert und fragt bei den Veranstaltern nach, ob hier ein Grund zum Einschreiten vorliegt. Wie ist die Rechtslage? Besteht eine Bedro-
hungssituation? Ist der Text auf dem Schild verfassungsfeindlich? Schließlich heißt es: „Sie können weitergehen.“


Michael Heininger und Wolfram P. Kastner geben Anfang Juni die Nummer 3 des Zorn heraus.6


Mit Waffenschauen und militärischen Schauspielen werden am „Tag der Bundeswehr“ vor allem Jugendliche rekrutiert, Hemmschwellen abgebaut und das Militärische zum Teil des Alltags ge-
macht. Die DFG/VK und weitere Antikriegsgruppen rufen bundesweit zu Gegen-Aktionen auf, ins-
besondere auch gegen das NATO-Luftwaffenmanöver „Air Defender 23“. Erklärtes Ziel von SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz ist es, Deutschland zur europäischen Führungsmacht aufzurüsten. Wir erleben das größte Aufrüstungsprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg, während im sozialen Be-
reich und in Investitionen gegen die Klimaerwärmung gespart wird. Dagegen demonstriert unter dem Motto „Kein Werben fürs Sterben!“ am Samstag, 17. Juni, um 12 Uhr das Münchner Bündnis gegen Krieg und Rassismus vor dem MIRA Einkaufszentrum, U2 Dülferstraße, Buslinien 60 und 141.7


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Wolfram Kastners Porträt von Bertha von Suttner mit dem Aufruf „Die Waffen nieder“ und ein weiteres Antikriegsbild sind ab 14. Juli auf der städtischen „Kunstinsel“ am Lenbachplatz 5 mal 5 Meter groß zu sehen.

Bundeskanzler Olaf Scholz beleidigt am Freitag, 18. August, bei einer Wahlkampfrede auf dem Ma-
rienplatz anwesende Pazifistinnen und Pazifisten, die für Waffenstillstand und Verhandlungen im Ukrainekrieg eintreten: „Und die, die hier mit Friedenstauben rumlaufen, sind deshalb vielleicht gefallene Engel, die aus der Hölle kommen, weil sie letztendlich einem Kriegstreiber das Wort re-
den.“ Tja, mit Ausgeburten der Hölle redet man nicht, man jagt sie in die Orkus zurück. Da ist ihr Platz.9


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Mitte September: Landtagswahlen stehen vor der Türe. Die DFG-VK propagiert: „Wählt keine Kriegstreiber*innen! Kriegstreiber ist, wer Waffen für den Krieg liefert, wer den Krieg finanziert und Soldaten ausbildet, wer den Sieg und die Rückeroberung propagiert, wer die Eskalation des Krieges betreibt und einen Atomkrieg provoziert. KriegstreiberInnen sind erfahrungsgemäß dieje-
nigen, die das Leben anderer Menschen opfern ohne selbst etwas zu riskieren.“ Eine Banderole, die Wahlplakate verziert, kommt zum Einsatz.

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An der Litfaßsäule vor dem Import Export im Kreativquartier Ecke Dachauer/Schwere-Reiter-Straße anlässlich der Trauerfeier für Claus Schreer am 4. Oktober 2023

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius will im Oktober, dass die Deutschen „kriegstüchtig“ werden. Da sei daran erinnert, dass Karl Kraus sich vor über hundert Jahren, im vierten Jahr des Ersten Weltkriegs, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“ vom Mai 1918 (Nr. 474) gegen den Begriff der „Kriegsmüdigkeit“ wandte: „Kriegsmüde – das ist das dümmste von allen Worten, die die Zeit hat. Kriegsmüde sein, das heißt müde seindes Mordes, müde des Raubes, müde der Lüge, müde der Dummheit, müde des Hungers, müde der Krankheit, müde des Schmut-
zes, müde des Chaos. War man je zu all dem frisch und munter? So wäre Kriegsmüdigkeit wahrlich ein Zustand, der keine Rettung verdient. Kriegsmüde hat man immer zu sein, das heißt, nicht nachdem, sondern ehe man den Krieg begonnen hat. Aus Kriegsmüdigkeit werde der Krieg nicht beendet, sondern unterlassen. Staaten, die im vierten Jahr der Kriegführung kriegsmüde sind, haben nichts besseres verdient als – durchhalten!“


1 Foto vom 4. Februar: Franz Gans

2 Siehe auch https://www.no-militar.org/index.php?ID=49n www.dfg-vk-bayern.de und <http://www.dfg-vk-bayern.de>.

3 Foto: Jessica di Rovereto

4 Die Seite des Münchner Friedensbündnis hat eine halbstündige Video-Aufzeichnung von Demo und Kundgebung des Münchner Ostermarsches eingebunden: https://www.muenchner-friedensbuendnis.de/Ostermarsch-Muenchen-2023-Marienplatz-Demo-Tobias-Pflueger — Hier stehen viele Links zu Ostermarsch-Infos: https://www.muenchner-friedensbuendnis.de/Ostermarsch-Muenchen-2023#Aktuelles — Die Ostermarsch-Rede von Joachim Guilliard, der am 21. April in München zu den Fragen rund um Sanktionen und Wirtschaftskrieg vortragen und diskutieren wird: https://jg-nachgetragen.blog/

5 Fotos: Manfred Reuther

6 Siehe https://zornzeit.de.

7 Siehe https://akmmuc.noblogs.org/startseite/.

8 Fotos: Wolfram Kastner

9 Siehe https://www.nachdenkseiten.de/?p=102716.

10 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung. Siehe die Bilder der Demonstration vom „antikriegstag“ von Günther Gerstenberg.

11 Foto: Richy Meyer

Überraschung

Jahr: 2023
Bereich: Frieden/Abrüstung