Flusslandschaft 1978

Internationales

Allgemeines
- Iran
- Zimbabwe
- Afghanistan
- Amerika
- Chile
- Argentinien und BRD
- Kroatien
- Türkei und Kurdistan
- Guatemala


„… (Solo:) Außerhalb deiner Welt der Unterhaltung durchdringen Schreie die dunklen Zellen der KZ’s. (Solo:) Außerhalb deiner Welt der ‚Trimm-dich-schlank-Pfade‘ schleppen Skelette schwere Ketten Tag für Tag. (Solo:)Außerhalb deiner Welt des Eau de Cologne stinken Folterknechte mit Kadavern um die Wette. (Solo:) Außerhalb deiner Welt des ‚Wort zum Sonntag‘ kannst du schnar-
rende Kommandostimmen hören, hören, wie Schädel gegen Wände krachen, Knochen brechen, Schüsse den Tod Unschuldiger verkünden. (Alle:) Doch außerhalb deiner Welt ist nicht außerhalb dieser Welt. (Solo:) Deine Empörung über organisierten Menschenraub, Folterung und Mord kann die Mauern einreißen, hinter denen Staaten ihre unfassbaren Verbrechen an Menschen begehen. (Solo:) Die Welt ist empört über das, was in deutschen KZ’s geschah. (Solo:) Ich kann dieser Welt nicht glauben, so lange sie zu den KZ’s unserer Tage schweigt. (Alle:) Auch du bist ein Teil dieser Welt. Empöre dich!“ Anonym: Entwurf eines Gesangstücks für den Münchner Gewerkschaftschor1

IRAN

Im Sommer 1977 begann es im Iran zu brodeln. Eine große Demonstration im Bazar von Isfahan skandierte am 6. August „Nieder mit dem Schahregime“. Es kam zu Streiks, die Demonstrationen gegen die Diktatur, die mit NATO und Westmächten verbündet ist, häuften sich. US-Präsident Carter, der am 31. Dezember in Teheran eingetroffen war, meinte zum Schah, „… Wir kennen in der ganzen Welt kein Land, das uns so nahe steht … und keinen Führer, zu dem wir solch tiefes Gefühl der Dankbarkeit und der persönlichen Freundschaft hegen …“ Am 18./19. Februar 1978 erfolgte der erste Aufstand; die Armee tötete etwa fünfhundert Menschen, verletzte etwa 2.000, Tausende wurden verhaftet. Die erste Jahreshälfte 1978 ist geprägt von Hungerstreiks politischer Gefangener und großen Demonstrationen.

„SOLIDARITÄTSMARSCH – Die Konförderation Iranischer Studenten (CISNU) ruft für Freitag, den 9. Juni zu einem Solidaritätsmarsch mit dem iranischen Volk auf. Dieser Marsch wird durch-
geführt zum Gedenken an den 5. Juni 1963, als bei einem Massenaufstand 15.000 Menschen von den Schergen des Schahs umgebracht wurden. Nach allen bisher bekannt gewordenen Informa-
tionen wird auch in diesem Jahr der 5. Juni zu einem Tag des landesweiten und blutigen Kampfes gegen das herrschende Regime im Iran werden. Der Marsch am 9. Juni beginnt um 10 h in Dachau vor der Gedenkstätte der Opfer des Nationalsozialismus und endet in München vor dem Iranischen Generalkonsulat in der Prinzregentenstraße 78. Zwischen 15 und 16 h wird am Karlsplatz vor dem Karlstor eine Zwischenkundgebung stattfinden.“2

Im Juli herrscht in beinahe allen Städten des Iran Kriegsrecht. 800.000 Menschen demonstrieren am 22. Juli in Meshed. Bis zum 26. Juli werden 250 Tote gezählt. Am 12. August sind es iranweit mehr als hundert Tote, am 8. September richtet die Armee in Teheran und elf weiteren Städten ein Blutbad mit über 3.000 Toten an. Am 27. Oktober trifft Otto Graf Lambsdorf, der bundesdeutsche Wirtschaftsminister, in Teheran ein, um Gespräche über den Bau von Atomkraftwerken, die die Kernkraftwerke-Union (KWU) errichten soll, zu führen. Er meint, die „Bundesregierung sei aus wirtschaftlichen und politischen Gründen an stabilen Verhältnissen im Iran interessiert“.3

„HEUTE – Letzte Meldung zu Persien, Mo. 2. November 1978 – Heute morgen um 11 Uhr haben fünfzehn persische Staatsangehörige das Iranische Kaiserliche Generalkonsulat in der Prinzre-
gentenstraße 78 besetzt. Als sie das Haus betraten, wurden sie von einem Polizisten mit einer MP empfangen. Da die Besetzer sich friedlich verhielten. zog er sich zurück. Daraufhin schlossen die Perser die Tür und schmückten die Büroräume mit Parolen. Auch als eine 15köpfige Polizeimann-
schaft im Konsulat eintraf, blieb die Situation friedlich und der Einsatzleiter, der sich ja auf exter-
ritorialem Gebiet befand, konnte nicht gut behaupten, die Besetzer würden einen Hausfriedens-
bruch begehen. Er beschränkte sich darauf, die Namen der Perser aufzuschreiben. Fragen nach Namen und Adressen der Eltern wurden ihm nicht beantwortet. Danach zogen Besetzer und Poli-
zisten ab – friedlich!“4

Am 6. November demonstrieren Perserinnen und Perser erneut vor dem iranischen Generalkon-
sulat in München.5

Am 23. November veranstalten die Roten Zellen ein in München Teach-in über die Situation im Iran.6

Am 16. Dezember findet in München eine Anti-Schah-Demonstration statt, zu der der Kommuni-
stische Bund Westdeutschland
(KBW) aufgerufen hat.7 Im selben Monat kommt es zur siegreichen Revolution im Iran. Der Schah flieht am 16. Januar 1979.

ZIMBABWE

„Afrika-Solidaritätskreis der Liga – Die fahrbare Klinik für Zimbabwe, welche die Liga gegen den Imperialismus im März nach mehreren Spendenaktionen runterschickte, wurde Ende November bei einem Angriff von Smith-Truppen auf ein Flüchtlingslager in Mozambique zerstört. Jetzt soll Ersatz dafür angeschafft werden, weshalb die Liga am 4. Februar in der Münchner Freiheit und
am 11. Februar in der Fußgängerzone Haidhausen Sammlungen veranstaltet. Außerdem können Spenden abgegeben werden in der Westermühlstraße 21 (Mo – Fr 18 – 20 Uhr). Eine Veranstal-
tung findet ebenfalls statt: Die Völker des südlichen Afrika befreien sich am 24. Februar, 19 Uhr in den Pschorr-Bierhallen in der Neuhauser Straße 11 in der Fußgängerzone.“8

AMERIKA

Auf Einladung der Gesellschaft für bedrohte Völker unternimmt eine zweite panindianische Dele-
gation, bestehend aus 18 Vertretern aus neun Staaten Nord-, Mittel- und Südamerikas, eine vier-
wöchige Informationsreise durch die BRD und macht dabei auch in München Halt.9

April: Künstlerhaus am Lenbachplatz, Veranstaltung zum Thema „Survival Schools“. Indianer be-
richten (Gastsprecher: Edward Benton Banay). Dazu Dias und Filme (ca. 100 Gäste).

Mai: „Indianer sprechen“ Veranstaltung im Schwabingerbräu. Thema: „Indianer und europäischer Regionalismus“. Gastsprecher: Carl Amery. Mitveranstalter: Trikont / Aktionsgruppe Okzitanien / Terre des Hommes / BAUM (ca. 500 Gäste).

Juni: Beteiligung am alternativen Jahrmarkt (23 – 25.6. auf dem Gelände der Türkenkaserne, München).

Frühjahr/Sommer laufend kleinere Informationsabende und Informationsstände an der Universi-
tät. Arbeiten und Herausgabe des Buches „Akwesasne“ beim Trikont-Verlag

Herbst/Winter: Mitherausgabe eines Quartetts „Indianer“ (erschienen bei Trikont). Öffentlichkeit-
sarbeit zum Fall Leonard Peltier: Informationsstände in mehreren Stadtteilen, Unterschriften-
sammlung (ca. 500 Unterschriften), Briefe. Am 18.12.78 werden die Petitionen im Rahmen einer kurzen Unterredung im amerikanischen Konsulat überreicht. Die Unterschriftensammlung setzt sich bis in den Februar 1979 fort. Vertreter des Leonard Peltier Defense Committee, die im Herbst in die BRD kommen, werden mit einer kleinen Geldspende unterstützt.

Gesellschaft für bedrohte Völker, c/o Ursula Wolf, Kagerbauerstraße 12, 8023 Pullach

AFGHANISTAN

Seit dem 2. Mai herrscht in Kabul ein kommunistisches Regime. In den Bergen des Hindukusch an der Grenze zur UdSSR, Chinas und Pakistans rebelliert der Stamm der Patschunen gegen das Vor-
haben der Regierung, Frauen gleichzustellen, den Staat laizistisch umzugestalten und den Groß-
grundbesitz zu enteignen.

CHILE

Am 30. Mai verlangen demonstrierende Chileninnen und Chilenen Auskunft über „verschwundene Mitbürger“.10

ARGENTINIEN und BRD

Vom 1. bis 25. Juni findet in Argentinien die Fußballweltmeisterschaft statt. Das Trainingslager
der deutschen Spieler befindet sich in Ascochinga, etwa sechzig Kilometer von Córdoba entfernt. Hans-Ulrich Rudel, nach Argentinien ausgewanderter Ritterkreuzträger und rechtsextremer Akti-
vist besucht die deutschen Spieler mit Billigung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und des Trainers, um sie zu motivieren. Einigen der deutschen Fußballspieler ist es egal, was zur Zeit in Argentinien geschieht. Manfred Kaltz meint, „nein, belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird“. DFB-Boss Neuberger meint über den Kölner Dieter Müller: „Er verdient 250.000 bis 300.000 Mark im Jahr, auch damit er weiß, halt, es wäre sicher gut, du würdest deine Zunge etwas zügeln.“11 In den deutschen Medien verlieren Kommentatoren der Spiele über die Militärdiktatur kaum ein Wort.

KROATIEN

Am 24. Juni protestieren Exilkroatinnen und Exilkroaten gegen den Austausch von Terroristen gegen Exilkroaten.12

TÜRKEI und KURDISTAN

27. November: Gründung der Kurdischen Arbeiterpartei PKK

Kahramanmaraş liegt in Südanatolien in den westlichen Ausläufern des Taurusgebirge. Bis zum großen Völkermord lebten hier zahlreiche Armenierinnen und Armenier. Gegen Ende des Jahres 1978 kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Türken, Kurden und Aleviten; am 21. Dezem-
ber werden zwei Lehrer erschossen. Bei deren Beerdigung am folgenden Tag sterben erneut zwei Menschen. Am 23. Dezember greifen Anhänger der Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, Partei der nationalistischen Bewegung) alevitische Wohnviertel an. Ergebnis: 31 Tote und über Hundert Verletzte, für die Behörden ein willkommener Anlass, über die 13 Provinzen im Südosten der Tür-
kei den Ausnahmezustand zu verhängen. Nach weiteren Konflikten sind nach offiziellen Angaben 111 Menschen tot, nach inoffiziellen Aussagen der Bewohnerinnen und Bewohner über 1.100. Münchner Linke warnen: „Die Türkei soll zur faschistischen Machtübernahme sturmreif geschos-
sen werden.“

GUATEMALA

Perdro Quevedo, Gewerkschaftssekretär der guatemaltekischen CocaCola-Niederlassung, wird am 12. Dezember ermordet.

Siehe auch „CSU“.

(zuletzt geändert am 16.9.2020)


1 Privatsammlung

2 Blatt. Stadtzeitung für München 122 vom 9. Juni 1978, 3.

3 Analogieschlüsse sind fragwürdig. Allerdings wiederholen sich politische Konstellationen und Verhaltensweisen, wenn wirtschaftliche Interessen höher stehen als die von europäischen Demokratien sonst wie eine Monstranz präsentierten Menschenrechte. Als Anfang 2011 das tunesische Volk seinen Diktator Ben Ali verjagt, bietet Frankreich noch kurz vor dessen Sturz ihm militärische Hilfe bei der Niederschlagung des Aufstands an und erst nach dessen Sturz schließt die Sozialdemokratische Internationale (SI) ihr Mitglied, Ben Alis Partei RCD, aus ihren Reihen aus.

4 Blatt. Stadtzeitung für München 133 vom 10. November 1978, 2.

5 Vgl. Süddeutsche Zeitung 256/1978.

6 Vgl. Münchner Merkur 271/1978.

7 Vgl. Süddeutsche Zeitung 291/1978.

8 Blatt. Stadtzeitung für München 113 vom 27. Januar 1978, 3.

9 Siehe „Panindianische Delegation in der Bundesrepublik“.

10 Vgl. Süddeutsche Zeitung 123/1978.

11 Der Spiegel 17/1978.

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 143/1978.