Flusslandschaft 1979

Rechtsextremismus

Im Fernsehen läuft Ende Januar die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“. Zum ersten Mal werden breite Kreise der Bevölkerung mit einem der schwärzesten Kapitel deutscher Geschichte konfrontiert. Kritische Zeitgenossen bemängeln an der Serie, dass ihr der gesamte politische Kon-
text fehle. Zur Aufklärung tauge sie nicht. Im Gegenteil. Der DDR-Schriftsteller Rolf Schneider „Es wurde Auschwitz als Dodge-City erzählt“. Rechtsextreme protestieren aus anderen Gründen und planen Gegenmaßnahmen. Dagegen wiederum protestieren Bürgerinnen und Bürger sowie der DGB und der Pressedienst Demokratische Initiative (PDI). Schließlich verbietet die Stadt nach längeren Beratungen im Stadtrat eine von den Rechtsextremen für den 17. Februar geplante „Anti-Holocaust-Aktion“.1 Die VVN veranstaltet an diesem Tag eine Kundgebung gegen die NPD.2

Neonazis nehmen jett Schulen ins Visier. An der Hermann-Frieb-Schule finden sich rechtsextreme Parolen an den Wänden.3

„Auf einem Flugblatt. das wir anlässlich einer Anti-Holocaust-Aktion der NPD in der Innenstadt verteilten, haben wir uns gegen die verharmlosenden Argumente der NPD zur Wehr gesetzt. An der Debatte um die Verjährung von NS-Verbrechen haben wir uns im April mit einer Podiums-
diskussion mit Klaus Warnecke, Hildebrecht Braun und Heinz Düx beteiligt …“4

Franz Josef Strauß: „Der KGB oder andere kommunistische Geheimdienste veranlassen – wie inzwischen unwiderlegbar bewiesen ist – Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen bei uns. DKP und SED schulen Subversanten, die rechtsradikale Mini-Organisationen gründen und mit stupiden neonazistischen Sprüchen für weithin sichtbares öffentliches Ärgernis sorgen. Auch das ist bis in letzte Einzelheiten bewiesen. Ein paar kommunistische Hetzblätter zunächst und anschließend auch offizielle SPD-Organe übernehmen es, Verbindungslinien zwischen diesen Umtrieben und Namen wie Springer, Löwenthal und Strauß zu konstruieren.“5

Monika und Christian von Lehsten haben am 30. August 1977 auf drei rechtsextreme Plakate der Deutschen Volksunion (DVU) Streifen mit der Aufschrift „Stoppt die DVU-Faschisten“ plaziert. Sie sind dafür verurteilt worden. In der Süddeutschen Zeitung steht ein Bericht.6 Im Juni 1980 findet eine Revisionsverhandlung statt. Ergebnis: Das Verfahren wird eingestellt, die Prozesskosten trägt die Staatskasse.7

Moshe Postone veröffentlicht 1979 in seinem Aufsatz „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in der Frankfurter Studentenzeitschrift Diskus die These, Antisemitismus entstehe aus dem Nicht-Verstehen des Kapitalismus. Demnach führe die Trennung von Abstraktem und Konkretem, die im Kapitalismus auftrete, dazu, dass das Konkrete, also die produzierende Arbeit und das dazu nötige industrielle Kapital als das Gute und Schaffende angesehen werde. Wohingegen die abstrakten Sphären, z.B. das finanzielle Kapital, als das böse, kapitalistische angesehen werden würde, wes-
halb wiederum ein Hass auf Jüdinnen und Juden, die seit dem Mittelalter mit dem Finanzkapital verbunden würden, hervorgebracht würde.8


1 Siehe „pdi protestiert gegen neonazistische provokation“.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 41/1979.

3 Vgl. Münchner Abendzeitung vom 24. Februar 1979.

4 Mitteilungen der Humanistischen Union 1 vom April 1979, 14.

5 Deutschland-Magazin vom 1. August 1979.

6 Siehe „Betr.: Ihr Bericht über die Verurteilung des antifaschistischen Ehepaares v. Lehsten“ von Heinz Jacobi.

7 Vgl. Haidhauser Nachrichten. Monatszeitung für den Münchner Osten 7 vom Juli 1980, 7 sowie Blatt. Stadtzeitung für München 174 vom 20. Juni 1980, 13.

8 Siehe https://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/postone-deutschland_lp/.