Flusslandschaft 1980

Hausbesetzungen

Utopien trugen die Proteste seit Anfang der 70er Jahre. Optimismus, Begeisterung und Zuversicht waren vorherrschende Gefühle. Zunehmende Krisen und Katastrophenszenarien sowie die depri-
mierenden Erfahrungen aus dem „Deutschen Herbst“ lösten neue vorherrschende Haltungen aus. Zukunftsskepsis und radikale Aversion gegen Staat und Gesellschaft prägten die jüngere Genera-
tion. Am 26. November 1979 begannen Hausbesetzungen in West-Berlin („Instandbesetzungen“ gegen den spekulativen Leerstand und Abriss billigen Wohnraums). Diese Ereignisse strahlen auch in die Bundesrepublik aus.

Freitag, 1. Februar: Fünfzehn Leute betreten die Matthäuskirche am Sendlingertor-Platz. Sie tra-
gen einige Kartons mit lebenswichtigen Materialien, Schlafsäcke und Transparente und besetzen für drei Tage die Kirche, um darauf hinzuweisen: „Wir sind’s satt. Wir fordern menschenwürdige Wohnungen für alle!“ Schon bald sind es fünfzig, die in der Kirche als Treffpunkt kampieren und mit Sympathisanten und anderen diskutieren. Der Pfarrer ist einverstanden, dass die Besetzung bis zum 4. Februar möglich ist. Die Polizei ist schnell da, Sozialreferent Stützle eilt herbei. Ange-
sprochen auf die herrschende Misere auf dem Wohnungsmarkt redet er sich mit juristischen Flos-
keln heraus, sagt aber den Kirchenbesetzern auch zu, evt. leere städtische Wohnungen zur Verfü-
gung stellen zu können. Pfarrer Hans-Georg Lubkoll verteidigt beim Sonntagsgottesdienst die Kirchenbesetzung.1 Später meint Stützle über die Kirchenbesetzer: „Die strikt gewahrte Anonymi-
tät dieser offensichtlich doch gelenkten Gruppe macht eine Überprüfung und gegebenenfalls Lö-
sung der behaupteten individuellen Wohnungsnöte derzeit unmöglich. Es kam den meist jungen Leuten offensichtlich doch mehr auf eine Demonstration und nicht auf eine Lösung individueller Wohnungsprobleme an.“2 Da nicht alle Besetzer eine Schlafmöglichkeit haben, öffnet ihnen der Pfarrer spontan einen Raum im Gemeindezentrum. Nachdem das Gesundheitsamt meint, die sa-
nitären Verhältnisse in der Kirche seien ungenügend und daher die Besetzung zu beenden, verlas-
sen die letzten BesetzerInnen am 19. Februar die Kirche.3

Einige BesetzerInnen der St.-Matthäus-Kirche erobern einen Altbau in der Blumenstraße 33, unter ihnen auch ein Sproß von CSU-Bürgermeister Winfried Zehetmeier. Dieser verhandelt mit des Be-
setzerInnen erfolglos. Die Hausbesetzung in der Blumenstraße vom 23. Februar dauert sechzehn Stunden. „In der Nacht räumen über vierhundert Polizisten das von wohnungssuchenden jungen Leuten besetzte leerstehende und baufällige Haus an der Blumenstraße 33. Die Zahl der Hausbe-
setzer war bis zum Beginn der Polizeiaktion von etwa vierzig bis fünfzig, in der Hauptsache Schü-
ler, Studenten und Lehrlinge, die sich unlängst auch in der Matthäuskirche einquartiert hatten, auf einhunderteins Personen angewachsen. Die Räumung des Hauses war bereits gestern Abend von Bürgermeister Zehetmeier angekündigt worden, nachdem sein Angebot, den Demonstranten ande-
re Notunterkünfte für die Nacht zu verschaffen, keine Resonanz gefunden hatte … Jeder einzelne wird, obwohl niemand Widerstand leistete, von je zwei Polizisten abgeführt und zum Erkennungs-
dienstwagen gebracht, wo Fingerabdrücke genommen werden.“4 „Wider Erwarten fand diese Akti-
on in der gesamten Münchner Presse zunächst großes Verständnis. Den Aufwand, den die Polizei mit vierhundert Beamten betrieb, um morgens gegen 4 Uhr hundertundeinen Besetzer aus dem Haus herauszuholen, wurde z.B. von der SZ fast als lächerlich definiert. Einundfünfzig Personen wurden zur ED-Behandlung in die Ettstraße mitgenommen, gegen zwei von ihnen wurde Haftbe-
fehl erlassen. Bis zu ihrer Verhandlung vor dem Schnellrichter saßen sie fünf Tage in U-Haft. Sie wurden jeweils zu Geldstrafen verurteilt, insgesamt wurden über achtzig Personen verurteilt.“5

„Ebenfalls nur eine Nacht dauerte eine Hausbesetzung in der Trogerstraße am 4. März. Nach Ver-
handlungen mit der Polizei zogen die Besetzer freiwillig ab. Strafanträge wurden keine gestellt.“6

„Nächtens in Lynchen – Merkt auf ihr Leute, subversiven Elemente und möglichen Hausbesetzer! Die äußerst zuvorkommende Polizei ist uns mal wieder zuvorgekommen und besitzt eine Liste,
auf der alle leer stehenden Häuser vermerkt sind, die verschärft observiert werden. Woher unser Kleinhirn das weiß? Ganz einfach, wir wurden von zwei dieser ehrenwerten Herrn mit Nach-
DRUCK gebeten, sie auf die Wache zu begleiten. Dort wurde in einer derartigen Liste nachge-
schaut, ob dieses Haus dazu gehört, was wir, wie sie zu sagen pflegten, ‚beschmierten’. Aber die eigentliche Ehre uns ‚gekrallt’ zu haben, gebührt einem überaus liebenswerten Schwarzen Sheriff, der uns auf der Straße sah, seinen Diensteifer in sich wachsen fühlte und sich herabließ, Hand an uns zu legen. So kamen wir halt zum Revier und zu dieser Information. — Merke: Der ZSD wacht, auch für die ehrenwerten Herren, Tag und Nacht. G. und S.“7

Am 22. März kommt es zu einem Demonstrationsmarsch gegen Wohnungsnot vor leer stehenden Häusern.8

„An den Sympathisantensumpf der Häuserbesetzer!! und müde Grüße den Schläfern aus den Staatsschutzgefilden! Wir haben in einer kleinen Aktion die seit einem halben Jahr leer stehenden, vierstöckigen Mietshäuser Leonrodstraße 14 und 16 mit Transparenten und Flugblättern verschö-
nert und dort einen Flohmarkt angekündigt, der auf dem niedergewalzten 8.000 qm großen, an-
grenzenden Grundstück zwischen Leonrodstraße und Nymphenburgerstraße stattfinden soll. Diese Häuser sollen dieser Tage abgerissen werden und mit den angrenzenden 8.000 qm zusammen soll eine riesige Passage (wie die in der Amalienstraße) entstehen … Wenn erst einmal die Häuser Le-
onrodstraße 14 und 16 abgerissen sind, werden die anderen Altbauten auch abgerissen (Nr. 11 auch leer stehend) … Wir fordern: Stadt und Besitzer dieser Häuser müssen sich endlich von diesen Wohnraumumwandlungen distanzieren. Keine neuen Abrisse! Keine Zweckentfremdungen von alten Häusern! Freispruch der Häuserbesetzer, denn noch immer stehen 100 Häuser leer! – Die Polizei bemächtigte sich unserer Transparente schon nach drei Stunden. Die immens dichte Be-
wachung der umliegenden Straßenzüge durch alle möglichen Staatsschützer am frühen Morgen verhinderte die Fortsetzung der Aktion samt Flohmarkt … Auf dem anschließenden Weg, als wir die Presse informieren wollten, wurden wir regelrecht beschattet. Dabei fuhren die schläfrigen Staatsschützer durch unsere gleichstarken Verfolgungsgelüste verunsichert, schon mal die Ein-
bahnstraßen verkehrt herum rein. Sogar beim Hinterlassen von Flugblättern in dieser Gegend Tage danach schlugen die bekannten Autos und ihre Fahrer sprichwörtlich Saltos, um uns nicht aus den Augen zu verlieren. Welche Gefahr wir doch zu sein scheinen … der mobile Einsatzhaufen mit Mit-
wirkung von anderen Haufen aus anderen Regionen. Dschung Fu – die Innere Wahrheit“9

„Wieder ein Wohnraumproblem: Am 19. September zogen ‚klammheimlich’ einige Leute mit Sack und Pack und einer Hundemama mit neun Kindern in eine leerstehende Villa in der Fürstenrieder-
straße (227) ein. Als sie am 22. September (erster Werktag seit Besetzungsbeginn) mit dem Haus-
besitzer verhandeln wollten, stellte dieser kurz darauf Strafantrag. Die Polizei erschien, nahm die Personalien fest und half den Besetzern beim Möbelpacken. Die sechs Anklagen endeten mit einer Einstellung, einem Strafbefehl und vier Verurteilungen.“10

Künstlerinnen und Künstler besetzen eine ehemalige Maschinenfabrik in der Lothringer Straße 13 in Haidhausen und firmieren unter dem Namen „Künstlerwerkstatt“. Schon bald entdeckt das Kulturreferat die Möglichkeiten, die die 800 Quadratmeter bieten, und übernimmt die laufenden Kosten für das Haus. Der Name Lothringer13 — Städtische Kunsthalle München garantiert bis 2011 ein internationales Renommee.

Festnahme von Saukel(?), Panza und zwei weiteren bei Polizeieinsatz in und vor dem Stadtteilzen-
trum Milbertshofen
in der Nitzschestraße 7b.

Siehe auch „Wohnen“.

(zuletzt geändert am 13.4.2026)


1 Siehe „Aus der Begrüßung vor dem Gottesdienst am 3. Februar 1980“ von Hans-Georg Lubkoll.

2 Blatt. Stadtzeitung für München 166 vom 22. Februar 1980, 8.

3 Stadtchronik, Stadtarchiv München.

4 Siehe
- „Nach der Hausbesetzung: Als Fallschirmjäger auf Wohnungssuche?“,
- „Zweckentfremdung“ von Knut Becker und
- „Entwurf einer Reform des Gesetzes über die Aufgaben und Befugnisse der Bayerischen Staatlichen Polizei“ von Reiner Uthoff.

5 Freizeit 81, Winter 1981, (19) unpag. — Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=191, 8 f.

6 Freizeit 81, Winter 1981, (19) unpag.

7 Blatt. Stadtzeitung für München 166 vom 22. Februar 1980, 8.

8 Vgl. Münchner Merkur 71/1980.

9 Blatt. Stadtzeitung für München 180 vom 12. September 1980, 12.

10 Freizeit 81, Winter 1981, (19) unpag.