Flusslandschaft 1980

StudentInnen

7. Mai: „In ungewöhnlicher Form greift der Industrielle Peter von Siemens die Politik des Kultusministeriums an. Auf einem Staatsempfang zur Jahresversammlung des Deutschen Museums stellt er fest, dass Schul- und Hochschulwesen hierzulande viel zu wünschen übrig ließen, Talentförderung und Forschung würden vernachlässigt. Sogar die sozialistischen Staaten liefen Bayern in dieser Hinsicht davon. Kultusminister Maier äußert sein Bedauern, dass ein so verdienter Mann wie Herr von Siemens sich aus persönlicher Verstimmung zu Behauptungen habe hinreißen lassen, die er bei ernsthaftem Nachdenken wohl selbst nicht aufrechterhalten wolle.“1

4. Juni: „Der Allgemeine Studentenausschuss der Fachhochschule München veranstaltet einen Aktionstag über die Einführung von Semestergebühren. Am Stachusrondell … informieren die Studenten Passanten über diese Gebühren, die nach einem Landtagsbeschluss ab Herbst an den bayerischen Hochschulen eingeführt werden. Jeder Student, der länger als vorgesehen studiert oder das Studiendach wechselt oder ein Zweitstudium beginnt, muss künftig Semestergebühren zwischen 600 und 800 Mark bezahlen. Die Studenten befürchten, dies sei ein Schritt, um Seme-
stergebühren wieder für alle Studenten einzuführen. Eine weitere Protestveranstaltung findet am 16. Juni statt: Mit Ketten an den Händen protestieren an der Universität Studenten gegen die Studiengebühren, die künftig alle Studenten bezahlen müssen, die ihr Studium unangemessen hinauszögern. In Flugblättern heißt es, man wolle sich ‚gegen die diffamierende Hetze’ gegen ‚Bummelstudenten’ wehren. Immerhin müssten vierzig Prozent der Studenten während des Seme-
sters und in der vorlesungsfreien Zeit arbeiten, um ihre Studium finanzieren zu können.“2 – Am 18. Juni kommt es zu einer weiteren Protestaktion.3

Die Tiermedizin-Studenten protestieren vom 18. bis 20. Juni gegen die katastrophale Situation in den Ausbildungsräumen.4

25. Juni: „Die Münchner ASten rufen auf: Sternmarsch aufs Kultusministerium und ‚Belagerung’ – Infotisch – Jahrmarkt – Diskussion.“5

Eigentlich wäre Jürgen Habermas ein intellektuelles Aushängeschild für die Münchner Uni, gegen eine Berufung mauern mit vereinten Kräften Kultusminister Hans Maier, Unipräsident Fürst Lob-
kowicz und die Mehrheit der mausgrauen Professoren. „Für den Kulissenplunder mittelklassiger Opernfestspiele macht man Millionen locker, Filmfestspiele kosten vierhunderttausend, bevor sie überhaupt begonnen haben, und fangen dann gar nicht an. Kuhäugige Wagnerianer beherrschen die Szene, für kritische Bildung, lebendige Auseinandersetzung – Athenis litterae florebant – hat man nicht eine einzige müde Mark in der Tasche. Die geistige Umnachtung des bajuwarischen Zentauren dauert an. Klaus Hebell“6 Es kommt zu weiteren Protesten.7

Am 4. Dezember demonstrieren 3.000 Studenten gegen Gebühren bei der Überschreitung der Regelstudienzeit.8


1 Stadtchronik, Stadtarchiv München.

2 Stadtchronik, Stadtarchiv München; vgl. Süddeutsche Zeitung 129/1980.

3 Vgl. Blatt. Stadtzeitung für München 176 vom 18. Juli 1980, 5 f. und Süddeutsche Zeitung 139/1980.

4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 141/1980.

5 Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung 516/14.

6 Blatt. Stadtzeitung für München 179 vom 29. August 1980, 13.

7 Siehe „Proteste für Habermas“.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 282/1980.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: StudentInnen

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