Flusslandschaft 1984
Frieden/Abrüstung
Am 30. Januar, am sogenannten „zweiten Widerstandstag gegen die Nachrüstung“ werden zwanzig Menschen festgenommen, einige wegen Landfriedensbruchs angeklagt.
Am 23. April lautet das Motto: „Entscheidet Euch für das Leben! Gegen die Stationierung neuer Atomraketen! Für ein atomwaffenfreies Europa! Rüstet ab, schafft Arbeitsplätze! Schafft mensch-
liche Kontakte zwischen den Völkern! Beendet das Wettrüsten in Ost und West!“ — „Rund zehn-tausend Münchner ziehen mit einem Sternmarsch zum Olympiagelände. Mit diesem Ostermarsch wollen sie für Frieden und Abrüstung demonstrieren. Mit einer 10 km langen Menschenkette um-zingeln die Ostermarschierer den Olympiaberg, der zu einem großen Teil aus dem Schutt entstand, den der Zweite Weltkrieg in München hinterließ. Das Erzbischöfliche Ordinariat München-Frei-sing hatte katholische Christen ausdrücklich davor gewarnt, sich an Ostermärschen zu beteiligen, da bei diesen neben Repräsentanten der DKP besonders solche Organisationen vertreten seien, die laut Verfassungsschutz kommunistisch oder zumindest kommunistisch beeinflusst seien. Eine Ein-ladung der Initiative ‚Kirche von unten’ an Erzbischof Wetter, sich am Ostermarsch zu beteiligen, hatte dessen Pressesprecher abgelehnt. Es sei eine Zumutung, den Erzbischof zu einer Veranstal-tung einzuladen, in deren Verlauf zu ‚gesetzwidrigem Handeln’ ermuntert werden solle."1
Krauss-Maffei: „Der Umsatz machte 1983 wieder einmal ‚Leoparden-Sprünge‘, schrieb die Frankfurter Allgemeine. Er erreichte, die Rekordhöhe von 2,243 Milliarden (= +43,3 Prozent), davon 84 Prozent Waffengeschäft. Nur noch 16 Prozent zivile Produktion, die aber nach wie vor den wesentlichen Teil der Arbeitsplätze sichert. Trotz hochlaufender Panzerproduktion wurden 1983 im Konzernbereich 50 weniger beschäftigt als ein Jahr zuvor. Hauptsächlich sorgt man sich in der der Geschäftsleitung, daß es mit dem lukrativen ,Geschäft mit dem Tode’ weitergeht. Auf der Aktionärsversammlung behauptete Vorstandsboß Griesmeier, ,Krauss-Maffei ist nicht im Bereich der nuklearen Waffentechnik tätig und gedenkt auch nicht da hineinzugehen.‘ Das ist zumindest eine Halbwahrheit. Griesmeier wusste schon damals, daß man sich um die Generalunternehmer-
schaft für den Bau von 711 Panzerhaubitzen bewirbt. Diese Geschütze vom Kaliber 155 mm haben eine Reichweite von 25 bis 28 Kilometern. Sie sollen zwischen 1988 und 1993, produziert werden. Neben konventioneller Munition können sie auch Atomgranaten (1 bis 2 Kilotonnen) verschießen. Nach Vorstellung der US-Atomkriegsplaner sind sie das Rückgrat der sogenannten Gefechtsfeld-
staffel für das ,Schlachtfeld Europa’. Die USA lassen für diese Kaliber eigens Neutronengranaten entwickeln. Krauss-Maffei als Produzent von Atomwaffenträgern? Wir fordern: Schluß mit dem Rüstungswahnsinn! Die Gelder bräuchten wir dringend für Umweltschutzanlagen wie z.B. Rauch-
gas-Entschwefelungsanlagen gegen das Waldsterben. Oder für das Krauss-Maffei-,Sorgenkind’ Verkehrstechnik. Beides Produktionsbereiche, die bei Krauss-Maffei Hunderte von Arbeitsplätzen schaffen und sichern würden.“2
13. August: Demonstration vor Munitionsdepot. Teilnehmer wegen Nötigung verurteilt.3
Am 13. Oktober trifft eine „Stafette gegen Atomraketen, Aufrüstung und Militarismus“ in München ein, die am 29. September in Fulda gestartet war. Friedensfeste finden im Hirschgarten und am Preysingplatz statt.
Am 17. Oktober weigern sich 500 bis 600 Schüler des Willy-Graf-Gymnasiums zwischen 8 und halb 10 Uhr den Unterricht zu „besuchen“. Stattdessen gibt es Friedensaktionen auf dem Schulhof, Musik machen, tanzen und diskutieren und Flugblätter lesen.
Am Freitag, den 19. Oktober findet am Josephsplatz in Westschwabing eine Aktion der „Schwabin-
ger Friedensinitiative“ gegen den Bunkerbau statt. Zu diesem Thema wird auch ein Theaterstück gespielt, an dessen Ende Valium Tabletten gegen eventuell aufkeimende Panik verteilt werden.
Die Hauptaktion im süddeutschen Raum ist dann am 20. Oktober in Stuttgart. Allein aus Mün-
chen kommen 8 Sonderzüge mit Friedensfreunden. Auftakt ist um 9 Uhr eine Kundgebung bei
der Whiley-Kaserne in Neu-Ulm, Anschließend findet noch ein kurzes Die-In statt. Aber die Frie-
densbewegung hat ihren Schwung verloren. Der Nachrüstungsbeschluss von 1983 löst Resignation aus. Dazu kommen kritische Stimmen aus den eigenen Reihen.4
Spätherbst: Beim Expertenhaering des Kreisverwaltungsausschusses zu Fragen des Schutzraum-
baus sind sieben der geladenen elf „Experten“ bereits per Amt und Dienstgrad eindeutige Befür-
worter der Zimmermannschen Zivilschutzvorbereitungen. Die vom Münchner Friedensforum und der Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung benannten Wissenschaftler wurden dagegen nicht zugelassen. Nun fordern zwölf Bürgerversammlungen den Stadtrat auf, das Atombunkerprogramm einzustellen und die freiwerdenden Gelder für die Schaffung fehlender Kindergarten- und Alten-
heimplätze zu verwenden.
Im November findet ein Prozess gegen einen Mann statt, der im Herbst 1983 im Hauptbahnhof Pickerl verklebt hatte, die gegen die Aufstellung der Pershing 2-Raketen protestierten und zur Blockade der Wiley-Kaserne in Neu-Ulm aufriefen.5
Bei der Totenehrung anlässlich des Volkstrauertages kommt es am 18. November im Hofgarten zu Protesten.6
Am 15. Dezember findet eine Friedensdemonstration beim Neuhauser Christkindlmarkt statt.7
Seit Beginn der 70er Jahre steigt der Rüstungsexport der Bundesrepublik von 200 Millionen US-Dollar auf 1,9 Milliarden 1983. 1984 sind es 2,8 Milliarden. In den folgenden Jahren gehen die Umsätze etwas zurück.
Siehe auch „Gewerkschaften/Arbeitswelt“.
(zuletzt geändert am 11.1.2026)
1 Stadtchronik, Stadtarchiv München.
2 Unsere Zeit vom 26. Juli 1984, 1.
3 Vgl. Süddeutsche Zeitung 187/1984.
4 Siehe „Frieden ist, wenn keiner irgendwo hingeht – Die Friedensbewegung beim Wort genommen“ von Joachim Dyck.
5 Siehe „Papperl im Bahnhof“ von Günter Müller.
6 Vgl. Süddeutsche Zeitung 268/1984.
7 Vgl. Süddeutsche Zeitung 291/1984.